Nagelsmann und die Sackgasse des Ballbesitzes

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Als José Canale den letzten Elfmeter verwandelte, war nicht nur ein Spiel verloren. Es endete ein weiterer Versuch des Deutschen Fußball-Bundes, das eigene Selbstbild mit der Wirklichkeit zu versöhnen. Deutschland scheiterte im Sechzehntelfinale der WM 2026 gegen Paraguay nach einem 1:1 über 120 Minuten mit 3:4 im Elfmeterschießen. Dass dieses Aus in Foxborough nun als nächstes Kapitel einer Serie von Turnierenttäuschungen gelesen wird, liegt nahe: Nach den Vorrundenpleiten 2018 und 2022 reichte es diesmal nur bis zur ersten K.-o.-Runde. Die Sportschau sprach von einem weiteren WM-Debakel und verwies ausdrücklich auf den erneuten frühen Absturz.

Der Abend hatte alle Zutaten für eine nachträgliche Entlastungserzählung: Hitze, ein zäher Gegner, ein aberkanntes Tor, ein Elfmeterschießen. Doch wer das Scheitern allein am VAR-Eingriff in der Verlängerung aufhängt, macht es sich zu bequem. Das deutsche Problem begann nicht in der 102. Minute, sondern lange vor dem Anpfiff. Es zeigte sich in der Statik des Aufbaus, in fehlender Tiefe, in einem Mittelfeld ohne Überraschung und in einer Offensive, die zwar den Ball verwaltete, aber kaum Räume aufriss. Paraguay musste nicht glänzen, um Deutschland zu entnerven. Es genügte, kompakt zu bleiben, die Mitte zu schließen und auf jene Momente zu warten, in denen die deutsche Ordnung beim Umschalten mehr Behauptung als Realität war.

Nagelsmanns Personalgriff, Deniz Undav statt Jamal Musiala in die Startelf zu stellen, sollte mehr Wucht und Strafraumpräsenz bringen. Tatsächlich aber verlor Deutschland genau jene Unberechenbarkeit, die gegen einen tiefen Block nötig gewesen wäre. Der Plan roch nach Brechstange, ohne dass die Mannschaft die Mechanik dazu besaß. Undav hing lange in der Luft, Felix Nmecha fand keine Bindung, Leroy Sané arbeitete viel, blieb aber im letzten Drittel stumpf. Jürgen Klopp fasste das bei MagentaTV hart zusammen: »Undav nicht im Spiel, Nmecha nicht im Spiel. Das ist das Problem. Total statisch.«

Der Treffer zum 0:1 war mehr als ein Aussetzer. Nach einer nicht konsequent verteidigten Situation bekam Paraguay den Raum, den Deutschland selbst nie fand. Enciso, nur 1,68 Meter groß, traf per Kopf. Solche Tore wirken in der Analyse besonders brutal, weil sie nicht mit der Übermacht des Gegners erklärt werden können. Sie entstehen aus Unschärfe, fehlender Zuordnung und einer Konzentration, die in entscheidenden Sekunden verrutscht. Deutschland hatte den Ball, Paraguay hatte den Plan.

Nach der Pause brachte Nagelsmann Leon Goretzka, später kam Musiala. Der Ausgleich durch Havertz nach Wirtz-Flanke gab dem Spiel kurz eine andere Temperatur, blieb aber eher eine Episode. Deutschland drückte nicht, sondern kreiste. Es fehlte der Rhythmuswechsel, der diagonale Lauf, das mutige Andribbeln im Zentrum. Klopp nahm auch Aleksandar Pavlović ins Visier und sagte, bei ihm fehle »nur noch, dass er ruft, wohin er spielt«, weil Paraguay einfach entsprechend verschieben könne. Das traf den Kern: Zu viele deutsche Aktionen waren lesbar.

Dann kam die Szene, an der sich das öffentliche Echo festbeißen wird. Jonathan Tah köpfte in der Verlängerung ein, doch Schiedsrichter Jalal Jayed nahm den Treffer nach VAR-Hinweis wegen eines Kontakts von Waldemar Anton gegen Torhüter Orlando Gill zurück. Die Empörung war nachvollziehbar. Sky zitierte Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich mit der Einschätzung, der Eingriff sei »zu kleinlich«, er sehe kein Wegdrücken und kein Wegstoßen. Thorsten Kinhöfer wurde noch deutlicher: »Das ist nie und nimmer ein Foul.« Nagelsmann sprach später von einem »Vollskandal«.

Aber eine Nationalmannschaft, die ihren Turnierverlauf an einer einzelnen Entscheidung festmacht, hat schon verloren, bevor sie die Analyse begonnen hat. Ja, das Tor hätte zählen können, vielleicht müssen. Ja, der VAR griff in einer Grauzone ein, die eher nach Strafraumalltag als nach klarem Vergehen aussah. Doch Deutschland hatte 120 Minuten Zeit, Paraguay nicht in ein Elfmeterschießen mitzunehmen. Dass es trotzdem dazu kam, verweist auf die größere Wahrheit dieses Abends: Die Mannschaft dominierte den Ball, aber nicht das Spiel.

Im Elfmeterschießen zerfiel schließlich auch der letzte deutsche Mythos. Jahrzehntelang galt der DFB vom Punkt als beinahe naturgesetzlich stabil. Gegen Paraguay vergaben Havertz, Nick Woltemade und Tah. Manuel Neuer hielt zwar gegen Fabian Balbuena, Antonio Sanabria setzte einen Versuch daneben, doch das reichte nicht. Die Sportschau beschreibt, wie Tahs Schuss weit über das Tor flog und Canale anschließend den dritten Matchball Paraguays nutzte. Es war der passende Schlussakkord einer Mannschaft, die Verantwortung suchte, aber nicht geschlossen fand.

Der Blick richtet sich nun zwangsläufig auf Nagelsmann. Der Bundestrainer hatte schon nach dem 1:2 gegen Ecuador eine Reizbarkeit gezeigt, die nicht zu einem stabilen Innenleben passte. Auf die Frage, ob Ecuador mehr gewollt habe, reagierte er bei MagentaTV scharf: »Bitte hört auf mit dem Quatsch, ehrlich.« Zugleich wollten Kimmich und Undav den gegnerischen Siegeswillen durchaus höher bewerten, wie der Guardian die Widersprüche zwischen Trainer- und Spieleranalyse herausarbeitete. Diese Dissonanz wirkte im Nachhinein wie ein Warnsignal. Wenn Trainer und Mannschaft nicht einmal dieselbe Niederlage erzählen, wird es schwer, gemeinsam die nächste zu verhindern.

Nagelsmann ist kein Alleinschuldiger. Die Probleme des deutschen Fußballs reichen tiefer: Ausbildung, Mentalität, Rollenprofile, Führungsstruktur, die ewige Sehnsucht nach 2014. Aber der Bundestrainer ist verantwortlich für die konkrete Statik dieser WM. Er holte Neuer zurück, hielt an Kimmich rechts hinten fest, vertraute Sané, stellte Undav in einem K.-o.-Spiel plötzlich von Beginn an auf und verzichtete im Kader auf naheliegende Balance-Korrekturen. In Summe wirkte das nicht wie ein mutiger Masterplan, sondern wie eine Ansammlung von Kompromissen, die auf dem Platz keiner mehr auflöste.

Auch das Umfeld wird zum Thema. Lothar Matthäus sprach nach Sport-Bild-Angaben von Aufarbeitungsbedarf »auf dem Platz und außerhalb des Platzes« und kritisierte die frühe Präsenz von Familien sowie Debatten über Reisen und Hotelbuchungen. Solche Aussagen sind mit Vorsicht zu behandeln, nicht nur, weil sie aus zweiter Hand kommen. Doch sie passen in das Bild eines Teams, dem es nicht gelang, ein Turnierzentrum zu bilden: sportlich nicht, emotional nicht, kommunikativ nicht.

Die entscheidende Frage lautet nun nicht nur, ob Nagelsmann bleibt. Sie lautet, was der DFB unter Neuanfang versteht. Ein Trainerwechsel allein wäre teure Symbolpolitik, wenn dieselben Hierarchien, dieselben Rollenkonflikte und dieselbe Sehnsucht nach früherer Größe fortgeschrieben werden. Planmäßig läuft der Vertrag des Trainers noch bis 2028. Die Sportschau verwies bereits darauf, dass Nagelsmanns Zukunft offen diskutiert wird; zugleich wurde ein Beitrag mit seiner Aussage angekündigt: »Bin keiner, der wegläuft.« – Weglaufen muss er ja nicht. Aber erklären sollte er sehr viel…

Deutschland ist nicht an Paraguay gescheitert, weil Paraguay unbesiegbar war. Deutschland ist gescheitert, weil es gegen einen disziplinierten, leidensfähigen Gegner keine belastbare Antwort fand. Der Ballbesitz war groß, die Wirkung klein. Die Namen klangen gut, die Rollen nicht. Die Empörung über den Schiedsrichter war laut, die Selbstkritik muss lauter werden. In Foxborough ist keine goldene Generation gestürzt. Gestürzt ist die Illusion, Talent, Tradition und Turniergerede könnten eine klare Spielidee ersetzen.

About the author

Holger Elias

Studien der Journalistik und Kommunikations-Psychologie. War beruflich als Korrespondent und Redakteur bei Nachrichtenagenturen (reuters, cna usw.), für überregionale Tageszeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen tätig. Lebte und arbeitete knapp acht Jahre als EU-Korrespondent in Brüssel. Als Verleger und Publizist gab er knapp 140 Buchtitel heraus.

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