Kommunikationsausbildung für eine brüchige Welt

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Pia Sue Helferich, Henriette Heidbrink, Thomas Pleil und Lars Rademacher legen mit ihrem Aufsatz »Transformative learning and life competencies and their application for the education of communication professionals« einen Beitrag vor, der auf den ersten Blick wie eine hochschuldidaktische Fachdebatte wirkt, bei genauerer Lektüre aber an einen empfindlichen Nerv der Kommunikationswissenschaft rührt: Was muss ein Mensch können, der in einer Gesellschaft kommuniziert, die sich selbst nicht mehr versteht, während sie sich unablässig verändert? Der Text erscheint im Journal of Communication Management und ist als Literaturreview angelegt; sein Anspruch besteht darin, Transformative Learning und sogenannte Life Competencies für die Ausbildung professioneller Kommunikatorinnen und Kommunikatoren fruchtbar zu machen.

Der Ausgangspunkt ist präzise gewählt. Kommunikation findet heute nicht mehr in stabilen Organisationen mit überschaubaren Öffentlichkeiten statt. Sie bewegt sich in Feldern, die durch ökologische Krisen, technologische Beschleunigung, soziale Polarisierung, digitale Plattformlogiken und eine wachsende Unsicherheit institutioneller Autorität geprägt sind. Wer unter solchen Bedingungen Kommunikation studiert, soll nicht mehr nur Pressemitteilungen verfassen, Kampagnen planen oder Social-Media-Kanäle bedienen können. Er oder sie soll Deutungsräume öffnen, widersprüchliche Erwartungen moderieren, Konflikte lesen, Veränderungsprozesse begleiten und dabei die eigene Rolle kritisch reflektieren. Genau hier setzt der Aufsatz an: Die Autorinnen und Autoren diagnostizieren eine Lücke zwischen den realen Anforderungen an Kommunikationsprofessionelle und den curricularen Routinen vieler Ausbildungsprogramme.

Die Stärke des Beitrags liegt zunächst darin, dass er die gegenwärtige Berufsfeldveränderung nicht als bloße Modernisierungsfrage behandelt. Es geht also nicht darum, ob Kommunikationsabteilungen künftig noch mehr KI-Tools, Datenanalyse, Plattformkompetenz oder Content-Management beherrschen müssen. Natürlich müssen sie das. Aber Helferich, Heidbrink, Pleil und Rademacher verschieben den Blick auf eine tiefere Ebene: Die eigentliche Herausforderung besteht darin, dass kommunikatives Handeln selbst in komplexere, unübersichtlichere und moralisch stärker aufgeladene Situationen gerät. Der Begriff VUCA – volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig – dient ihnen dabei als Chiffre für diese Lage. Man kann solche Managementakronyme für modisch halten; hier erfüllen sie immerhin eine ordnende Funktion. Sie benennen, dass Kommunikationsprofessionelle nicht mehr nur Botschaften transportieren, sondern in offenen Situationen urteilen müssen.

Bemerkenswert ist, dass der Aufsatz die Rolle von Kommunikationsberufen nicht mehr in der alten Dichotomie von »Sender« und »Empfänger« verortet. Kommunikation erscheint nicht länger als Rohrpost der Macht, sondern als sozialer Aushandlungsprozess. Die Autorinnen und Autoren greifen dafür auf die Unterscheidung zwischen managerialer Logik und kommunikativer Logik zurück. Die manageriale Logik neigt dazu, Kommunikation als Instrument zur Durchsetzung bereits gefällter Entscheidungen zu betrachten. Die kommunikative Logik dagegen begreift Kommunikation als professionelle Praxis, die Organisationen befähigt, ihre Umwelt wahrzunehmen, Beziehungen zu gestalten und Entscheidungsprozesse reflexiver zu machen. Genau hier liegt ein wichtiger normativer Kern des Textes: Kommunikationsprofessionelle sollen nicht bloß Erfüllungsgehilfen organisatorischer Interessen sein, sondern reflexive Akteure in Transformationsprozessen.

Das ist für die Kommunikationswissenschaft von erheblicher Bedeutung. Denn die Profession hat ein altes Legitimationsproblem. Public Relations, strategische Kommunikation und Unternehmenskommunikation bewegen sich stets in der Nähe von Einflussnahme, Imagearbeit und Interessenmanagement. Wer sie nur technisch ausbildet, produziert im ungünstigsten Fall eloquente Anpassungsspezialisten. Wer sie aber transformativ ausbildet, könnte Menschen hervorbringen, die die Bedingungen ihres eigenen Handelns prüfen: Wem dient diese Kommunikation? Welche Machtverhältnisse stabilisiert sie? Welche Konflikte verdeckt sie? Wo öffnet sie Verständigung, wo simuliert sie bloß Beteiligung? Der Aufsatz formuliert diese Fragen nicht immer in dieser Schärfe, aber er legt das Fundament dafür.

Die Autorinnen und Autoren arbeiten überzeugend heraus, dass bisherige Kompetenzmodelle im Feld der professionellen Kommunikation häufig bei einer Aufzählung von Hard Skills, Soft Skills und Persönlichkeitsmerkmalen stehen bleiben. Schreibfähigkeit, Medienkompetenz, strategisches Denken, Teamfähigkeit, Kreativität, Belastbarkeit, Empathie, Führungsfähigkeit, Präsentationsstärke – all das findet sich in der einschlägigen Literatur und in Stellenanzeigen. Der Beitrag zeigt jedoch, dass solche Listen meist additiv bleiben. Sie sagen, was wünschenswert ist, erklären aber zu selten, wie solche Fähigkeiten systematisch entwickelt werden können. Vor allem vernachlässigen sie eine Kompetenz, die unter Bedingungen permanenter Umwälzung zentral wird: lebenslanges Lernen.

Gerade dieser Punkt ist stark. In einer Profession, deren Werkzeuge, Öffentlichkeiten, Plattformen und Deutungsmuster sich fortlaufend verändern, ist Wissen immer nur vorläufig. Kommunikationsausbildung, die Studierende für den Stand der Dinge ausbildet, bildet sie im Grunde für die Vergangenheit aus. Der Aufsatz zieht daraus die richtige Konsequenz: Entscheidend ist nicht nur, was Studierende am Ende eines Studienprogramms wissen, sondern ob sie gelernt haben, weiterzulernen. Das klingt schlicht, ist aber ein Angriff auf jede curriculare Selbstzufriedenheit. Die Hochschule darf nicht länger so tun, als könne sie einen Vorrat an gültigem Berufswissen überreichen. Sie muss Lernfähigkeit, Urteilskraft und Selbstreflexion als professionelle Grundausstattung begreifen.

An dieser Stelle führen Helferich, Heidbrink, Pleil und Rademacher das LifeComp Framework der Europäischen Kommission ein. Es gliedert zentrale Lebenskompetenzen in die Bereiche personal, social und learning to learn. Dazu gehören Selbstregulation, Flexibilität, Wohlbefinden, Empathie, Kommunikation, Kooperation, Growth Mindset, kritisches Denken und Lernmanagement. Der Griff zu diesem Rahmen ist plausibel, weil er die Ausbildung von Kommunikationsprofessionellen aus der engen Berufsfeldlogik herauslöst. Wer Kommunikation professionell betreibt, braucht nicht nur instrumentelles Können, sondern eine entwickelte Person, die mit Ambivalenz, Konflikt, Unsicherheit und Beziehung umgehen kann.

Gleichzeitig liegt hier ein erster kritischer Punkt. Der Begriff Life Competencies kann leicht in eine sanft lächelnde Anpassungssprache kippen. Selbstregulation, Resilienz, Flexibilität und Growth Mindset sind in vielen Organisationen längst zu Vokabeln einer Arbeitswelt geworden, die Belastungen individualisiert. Wer scheitert, war dann nicht etwa einer widersprüchlichen, überfordernden oder entfremdeten Struktur ausgesetzt, sondern hat sein Mindset nicht ausreichend gepflegt. Der Aufsatz ist sich dieser Gefahr nicht vollständig blind, aber er hätte sie deutlicher politisieren können. Denn Kommunikationsprofessionelle sollen nicht nur lernen, in Transformationsprozessen stabil zu bleiben. Sie müssen auch erkennen können, wann »Transformation« als beschönigendes Wort für Druck, Rationalisierung, Machtkonzentration oder symbolische Beteiligung dient.

Der zweite theoretische Pfeiler des Beitrags ist Transformative Learning. Die Autorinnen und Autoren verweisen auf Jack Mezirow, Knud Illeris und Chad Hoggan und verstehen transformatives Lernen nicht als bloße Wissensaneignung, sondern als tiefgreifende Veränderung der Art und Weise, wie Menschen Welt erfahren, deuten und in ihr handeln. Hoggan fasst dies in den Dimensionen »heart, head and hands«: Erfahrung, Deutung und Handlung. Damit wird Lernen zu einem Prozess, der kognitive, emotionale, soziale und praktische Dimensionen verbindet. Für Kommunikationsausbildung ist das ausgesprochen ergiebig. Denn Kommunikation ist nie nur Technik. Sie ist immer auch Haltung, Wahrnehmung, Beziehung, Rollenbewusstsein und ethische Entscheidung.

Die Rezension muss an dieser Stelle ausdrücklich würdigen, dass der Beitrag nicht bei einer abstrakten Theorie stehen bleibt. Er übersetzt Transformative Learning in didaktische Vorschläge. Genannt werden unter anderem Journaling, Service Learning, student-run agencies, projektbasiertes Lernen, Rollenspiele, Simulationen, Peer-Learning, Fishbowl-Formate, kreative und kunstbasierte Methoden, Improvisationstheater, Storytelling und reflexive Lernsettings. Diese Vorschläge sind nicht revolutionär im Sinne einer völlig neuen Pädagogik, aber sie werden sinnvoll in ein kommunikationswissenschaftliches Kompetenzmodell eingebettet. Die Ausbildung soll nicht länger nur Wissen über Kommunikation vermitteln, sondern Studierende in kommunikative Situationen bringen, in denen sie ihre eigenen Muster, Grenzen, Rollen und Annahmen prüfen müssen.

Gerade Service Learning ist in diesem Zusammenhang interessant. Wenn Studierende mit realen gesellschaftlichen Akteuren arbeiten, verlassen sie das geschützte Planspiel akademischer Simulation. Sie begegnen Konflikten, Interessen, Missverständnissen, Machtasymmetrien, organisatorischer Trägheit und normativen Spannungen. Eine Kampagne für Nachhaltigkeit, eine Kommunikationsstrategie für eine soziale Initiative oder ein Beteiligungsprojekt in einer Kommune lässt sich nicht allein mit Lehrbuchwissen bewältigen. Dort zeigt sich, ob Kommunikationskompetenz mehr ist als geschliffene Formulierung. Dort wird sichtbar, ob Studierende zuhören können, ob sie Konflikte aushalten, ob sie blinde Flecken erkennen, ob sie zwischen organisationalen Erwartungen und öffentlicher Verantwortung unterscheiden können.

Der Aufsatz entfaltet hier eine produktive Vorstellung von Professionalität. Professionell ist nicht, wer in jeder Lage souverän klingt. Professionell ist, wer den eigenen Deutungsrahmen überprüfen kann. Das ist ein wichtiger Unterschied. In einer Mediengesellschaft, die permanent Sicherheit inszeniert, während sie Unsicherheit produziert, wäre eine solche Ausbildung fast subversiv. Sie würde nicht nur Kommunikatorinnen und Kommunikatoren hervorbringen, die besser funktionieren. Sie könnte Menschen ausbilden, die das Funktionieren selbst hinterfragen.

Allerdings bleibt der Beitrag in seiner Kritik an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zurückhaltend. Die Autorinnen und Autoren sprechen von ökologischen, technologischen und sozialen Disruptionen, von Nachhaltigkeit, Digitalisierung und politischem Umbruch. Doch die Machtfrage wird nur angedeutet. Wer transformiert eigentlich wen? Wer definiert, welche Transformation notwendig ist? Wer profitiert von kommunikativer Begleitung? Wann wird Kommunikation zur demokratischen Ermöglichung, wann zur Akzeptanzbeschaffung? Diese Fragen wären für eine dialektische Kommunikationswissenschaft zentral. Gerade wenn strategische Kommunikation künftig nicht nur Organisationen dienen, sondern gesellschaftliche Transformationen begleiten soll, muss sie ihre Nähe zu Herrschaft, Legitimation und Interessenpolitik stärker reflektieren.

Hier hätte der Aufsatz radikaler sein dürfen. Transformative Learning kann kritische Selbst- und Weltverhältnisse fördern. Es kann aber auch in eine weichgespülte Anpassungsdidaktik verwandelt werden, in der Studierende lernen, beweglicher, belastbarer und »offener« gegenüber genau jenen Verhältnissen zu werden, die sie eigentlich analysieren müssten. Die Autorinnen und Autoren erwähnen ethische Vorsicht: Lehrende dürfen Studierende nicht einfach transformieren wollen, als hätten sie ein Mandat zur Persönlichkeitsformung. Das ist wichtig. Aber ebenso wichtig wäre die Frage, wie verhindert werden kann, dass transformative Lernkonzepte selbst Teil einer neoliberalen Optimierungssemantik werden. Aus kritischer Perspektive müsste man sagen: Nicht jede Veränderungsbereitschaft ist Emanzipation. Manchmal ist sie nur die eleganteste Form der Unterwerfung.

Trotzdem ist die Grundrichtung des Beitrags überzeugend. Er widerspricht einer Ausbildung, die Kommunikation auf Handwerk reduziert. Das Handwerk bleibt wichtig; niemand braucht strategische Kommunikatoren, die tief reflektieren, aber keinen verständlichen Satz schreiben können. Doch der Aufsatz macht klar, dass Schreibfähigkeit, Medienproduktion und digitale Toolkompetenz unter heutigen Bedingungen nicht ausreichen. Kommunikationsprofessionelle müssen lernen, in Mehrdeutigkeiten zu denken. Sie müssen Perspektiven wechseln können, ohne beliebig zu werden. Sie müssen Konflikte erkennen, ohne sie vorschnell zu befrieden. Sie müssen Organisationen beraten, ohne sich vollständig von deren Binnenlogik verschlucken zu lassen. Sie müssen Öffentlichkeit nicht als Zielgruppe, sondern als demokratischen Raum begreifen.

Ein weiterer Verdienst des Textes besteht darin, dass er die Grenzen klassischer Prüfungs- und Lehrformate sichtbar macht. Soft Skills und Life Competencies lassen sich nicht sinnvoll durch Multiple-Choice-Tests oder standardisierte Wissensabfragen erfassen. Wer Empathie, kritisches Denken, Selbstregulation oder Lernfähigkeit fördern will, braucht komplexe Lernarrangements. Das stellt Hochschulen vor ein institutionelles Problem. Transformative Lehre ist zeitintensiv. Sie verlangt kleinere Gruppen, Feedbackkultur, methodische Vielfalt, Vertrauen, Konfliktfähigkeit und Lehrende, die selbst bereit sind, ihre Rolle zu reflektieren. Man kann solche Konzepte nicht in ein überfülltes Modulhandbuch pressen und hoffen, dass am Ende Transformation herausfällt wie ein Zertifikat aus dem Drucker.

Gerade deshalb hätte der Beitrag stärker auf die materiellen Bedingungen der Hochschullehre eingehen können. Wer transformative Lernumgebungen fordert, muss auch über Lehrdeputate, Betreuungsrelationen, Prüfungsordnungen, Akkreditierungslogiken und den wachsenden Druck zur Standardisierung sprechen. Die schönste Didaktik bleibt blass, wenn sie in einer Hochschule umgesetzt werden soll, die selbst nach Effizienz-, Output- und Kennzahlenlogik organisiert ist. Hier öffnet sich ein Widerspruch: Studierende sollen Ambiguitätstoleranz, Reflexivität und kritische Urteilskraft entwickeln, während die Institution Universität sie immer häufiger in modulare Taktungen, Kompetenzraster und verwaltbare Leistungsnachweise zwingt. Der Aufsatz berührt diesen Widerspruch kaum. Dabei wäre gerade er ein ideales Beispiel für die Notwendigkeit transformativen Denkens.

Auch empirisch bleibt der Beitrag programmatisch. Als Literaturreview leistet er eine systematische Verknüpfung bestehender Debatten, aber er überprüft nicht, wie die vorgeschlagenen Methoden in konkreten Studiengängen tatsächlich wirken. Das ist kein Mangel im engeren Sinne, denn der Aufsatz beansprucht keine empirische Evaluation. Aber für die weitere Forschung ist es entscheidend. Transformative Learning klingt überzeugend, doch es braucht belastbare Untersuchungen darüber, welche Methoden unter welchen Bedingungen welche Effekte erzielen. Führt Journaling wirklich zu tieferer professioneller Reflexion oder wird es zur Pflichtübung? Fördert Service Learning kritisches Bewusstsein oder bloß projektförmige Betriebsamkeit? Schaffen student-run agencies realistische Lernräume oder reproduzieren sie Agenturlogiken, bevor Studierende gelernt haben, diese zu kritisieren?

Besonders interessant wäre eine Forschung, die nicht nur Kompetenzzuwachs misst, sondern auch Macht- und Rollenkonflikte rekonstruiert. Wie reagieren Studierende, wenn kommunikative Ethik und Auftraggeberinteresse kollidieren? Was geschieht, wenn Nachhaltigkeitskommunikation in Greenwashing umkippt? Wie verhalten sich angehende Kommunikationsprofessionelle, wenn sie erkennen, dass Partizipation nur inszeniert wird? Genau an solchen Bruchstellen entscheidet sich, ob transformative Kommunikationsausbildung mehr ist als ein schöner Name.

Insgesamt ist der Aufsatz ein wichtiger Beitrag, weil er Kommunikationsausbildung aus der Enge berufspraktischer Zurichtung befreit. Er fordert eine Profession, die nicht nur bedienen, sondern verstehen, vermitteln, reflektieren und mitgestalten kann. Seine Stärke liegt in der Verbindung dreier Ebenen: der Diagnose gesellschaftlicher Transformation, der Analyse kommunikativer Kompetenzanforderungen und der didaktischen Öffnung durch Transformative Learning. Seine Grenze liegt dort, wo die gesellschaftskritische Zuspitzung ausbleibt. Der Text weiß, dass Kommunikation in Transformationsprozessen wichtiger wird. Er sagt aber noch zu wenig darüber, dass Kommunikation auch Herrschaft absichern, Konflikte entschärfen, Kritik einhegen und Zustimmung organisieren kann.

Gerade aus diesem Grund ist der Beitrag produktiv. Er lädt dazu ein, ihn weiterzudenken. Eine wirklich transformative Ausbildung von Kommunikationsprofessionellen müsste die von den Autorinnen und Autoren vorgeschlagenen Life Competencies mit einer politischen Ökonomie der Kommunikation verbinden. Sie müsste fragen, wie Plattformkapitalismus, Organisationsmacht, Lobbyismus, Medienkrisen, ökologische Katastrophen und demokratische Erosion die Bedingungen professioneller Kommunikation prägen. Sie müsste Studierende befähigen, nicht nur besser zu kommunizieren, sondern genauer zu unterscheiden: zwischen Dialog und Dialogsimulation, zwischen Beteiligung und Befriedung, zwischen Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeitsrhetorik, zwischen strategischer Kommunikation und strategischer Verschleierung.

So gelesen ist der Aufsatz weniger ein abgeschlossenes Modell als eine Einladung. Er öffnet ein Fenster in eine Kommunikationsausbildung, die nicht bei Werkzeugen stehen bleibt. Er erinnert daran, dass Professionalität ohne Selbstreflexion zur Technik der Anpassung verkommt. Und er macht deutlich, dass Kommunikation in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche nicht nur eine berufliche Fertigkeit ist, sondern eine demokratische, ethische und intellektuelle Praxis. Wer Kommunikation lehrt, lehrt immer auch Weltverhältnisse. Wer Kommunikation lernt, lernt nicht nur, wie man Botschaften formuliert, sondern wie man Wirklichkeit deutet, Verantwortung übernimmt und dem Druck der Verhältnisse nicht bloß mit geschmeidiger Rhetorik begegnet.

Die entscheidende Frage nach der Lektüre lautet deshalb nicht: Wie bauen wir noch ein Kompetenzmodul in den Studienplan ein? Die entscheidende Frage lautet: Welche Art von Kommunikatorinnen und Kommunikatoren braucht eine Gesellschaft, die sich zwischen ökologischer Krise, digitaler Beschleunigung, politischer Polarisierung und institutioneller Ermüdung neu verständigen muss? Helferich, Heidbrink, Pleil und Rademacher geben darauf keine endgültige Antwort. Aber sie verschieben die Debatte in die richtige Richtung. Sie zeigen, dass die Ausbildung von Kommunikationsprofessionellen nicht länger als Training für funktionierende Botschaftslogistik verstanden werden darf. Sie muss zu einer Schule der Urteilskraft werden.

About the author

Holger Elias

Studien der Journalistik und Kommunikations-Psychologie. War beruflich als Korrespondent und Redakteur bei Nachrichtenagenturen (reuters, cna usw.), für überregionale Tageszeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen tätig. Lebte und arbeitete knapp acht Jahre als EU-Korrespondent in Brüssel. Als Verleger und Publizist gab er knapp 140 Buchtitel heraus.

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