Nietzsche und das Heer der Metaphern

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Friedrich Nietzsches Text „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ ist kurz, früh, nachgelassen, polemisch, schillernd, manchmal überzogen und gerade deshalb von erstaunlicher Fruchtbarkeit. Ich habe ihn als einen neuralgischen Punkt der modernen Philosophie gelesen, als eine Stelle, an der die Frage nach Wahrheit, Subjekt, Sprache und Macht plötzlich nicht mehr in den alten Gehäusen bleibt. Er ordnet Nietzsche – in Anlehnung an Habermas – als eine Art „Drehscheibe“ ein, auf der die Moderne in eine radikalere Selbstbefragung übergeht. Genau dort setzt dieses Essay an: nicht mit der Wiederholung des Vortrags, sondern mit seiner Zuspitzung. [1]

Historisch steht der Text an einer eigentümlichen Stelle. Nietzsche war 1873 nicht der spätere Einsiedler von Sils Maria, sondern ein junger Basler Professor für klassische Philologie, berufen 1869 im Alter von nur vierundzwanzig Jahren, geprägt von Schopenhauer, fasziniert von Wagner, zugleich bereits verwundet durch die heftige Ablehnung seiner „Geburt der Tragödie“. „Über Wahrheit und Lüge“ entstand also nicht am Ende, sondern am Anfang seiner öffentlichen geistigen Laufbahn, ein Jahr nach der „Geburt der Tragödie“; veröffentlicht wurde der Text jedoch erst 1896 durch seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, als Nietzsche selbst längst verstummt war. Gerade diese Stellung macht ihn so aufschlussreich: Er zeigt im Konzentrat, was später in Genealogie, Perspektivismus, Moralkritik und Sprachskepsis auseinandergelegt wird. [2]

Der Ton des Textes ist schon deshalb entscheidend, weil Nietzsche nicht einfach eine erkenntnistheoretische These vorträgt, sondern eine Kränkung inszeniert. Das klassische Europa – von Platon bis Kant, in anderer Weise auch noch bis Hegel – hatte der Wahrheit einen hohen Rang reserviert: Wahrheit war, grob gesprochen, die Würde des Denkens, der Beweis, dass Welt und Geist nicht bloß aneinander vorbeilaufen. Nietzsche zerlegt diese Würde nicht mit der Geduld eines Registerbeamten, sondern mit der Bosheit eines Diagnostikers. Er behandelt „Wahrheit“ nicht als ewigen Altarbegriff, sondern als menschliches Fabrikat, als historisch gewordenes Arrangement, als Konvention, als Stil des Überlebens. Darin liegt die Provokation des Textes bis heute. [2]

Der beigefügte Vortrag greift dafür auf Kleists berühmte Kant-Krise zurück: auf die Erfahrung, dass ein Weltbezug, der sich seiner eigenen Bedingungen bewusst wird, den alten Glauben an sichere Wahrheit erschüttert. Das ist ein gutes Vorspiel. Denn Nietzsche setzt genau dort ein, wo der metaphysische Mensch noch jammert. Wo Kleist an der Erschütterung leidet, bejaht Nietzsche die Entthronung. Wo der klassische Geist noch tragisch fragt, wie Wahrheit nach dem Zusammenbruch ihrer Garantien möglich sei, antwortet Nietzsche mit einer Gegenfrage: Warum glaubte man eigentlich je, Wahrheit müsse eine heilige, jenseitig verbürgte Instanz sein? [3]

Damit ist der Grundwiderspruch markiert, der dieses Essay tragen soll. Nietzsche ist nicht einfach der Patron einer beliebigen Relativierung. Er ist auch nicht bloß der Vater jener bequemen Feuilletonweisheit, nach der es „eben viele Wahrheiten“ gebe und jeder sich seinen Kosmos zusammenzimmern dürfe wie ein Gartenhaus im Baumarkt der Meinungen. Nein: Seine Radikalität besteht tiefer. Er zeigt, dass Wahrheit weder als reine Abbilderkenntnis noch als moralisch unschuldiger Begriff zu haben ist. Aber er zeigt ebenso, dass der Mensch ohne Formen der Verallgemeinerung, der Regel, der Sprachordnung und der gemeinsamen Geltung überhaupt nicht leben kann. Nietzsches Text ist also nicht die Feier des Chaos, sondern die Eröffnung einer Dialektik: Ohne falsche Verfestigungen keine Welt; mit ihnen aber immer schon Entfremdung. [4]

Die Demontage der Wahrheit

Nietzsche beginnt bekanntlich nicht mit einer Definition, sondern mit einer Fabel. In irgendeinem abgelegenen Winkel des Weltalls, so lässt er den Text einsetzen, hätten einmal kluge Tiere das Erkennen erfunden; die hochmütigste Minute der Weltgeschichte sei das gewesen – aber eben nur eine Minute. Wer Philosophie immer noch für die Verwaltung des Erhabenen hält, hört hier bereits das Knirschen. Der Mensch wird nicht als Krone der Schöpfung eingeführt, sondern als lokale Episode. Das Erkennen ist nicht der Triumph des Geistes über die Natur, sondern ein Zwischenfall in einem gleichgültigen Kosmos. Man kann diesen Auftakt treffend als Generalangriff auf den anthropozentrischen Pathoshaushalt der abendländischen Erkenntnis lesen.

Damit fällt das erste große Möbelstück der Tradition um: die Vorstellung, der Intellekt sei von Natur aus auf Wahrheit im emphatischen Sinn angelegt. Nietzsche dreht diese Würde ins Biologische. Der Intellekt ist bei ihm kein himmlischer Scheinwerfer, sondern eine List des schwachen Tieres Mensch. Nicht Instinktsicherheit zeichnet ihn aus, sondern die Fähigkeit zur Umformung, zum Ersatz, zur Täuschung, zur nützlichen Vereinfachung. Der Verstand ist nicht zuerst Priester der Wahrheit, sondern Organ der Selbsterhaltung. Diese Naturalisierung der Vernunft ist keine Randbemerkung; sie ist der Hebel, mit dem Nietzsche den metaphysischen Adel des Denkens aus den Angeln hebt. [5]

Hier erscheint bereits, weshalb das Wörtchen „außermoralisch“ im Titel so wichtig ist. Nietzsche interessiert sich nicht dafür, ob man im Katechismus die Wahrheit hochhalten soll. Er legt vielmehr die Bedingungen frei, unter denen „Wahrheit“ und „Lüge“ überhaupt als soziale und sprachliche Unterscheidung entstehen. Das ist ein anderer Blick. Er fragt nicht mit Kant: Unter welchen Bedingungen ist wahrheitsfähige Erkenntnis möglich? Er fragt gegen Kant und gegen den nachkantischen Moralhaushalt: Welche Lebensbedürfnisse, welche Konventionen, welche Einübungen, welche Herdennotwendigkeiten machen aus bestimmten sprachlichen Formen überhaupt so etwas wie „Wahrheit“? In diesem Sinne ist der Text keine moralphilosophische Ermahnung, sondern eine Genealogie avant la lettre. [6]

Die Pointe ist dadurch noch schärfer, dass Nietzsche nicht nur die Wahrheit beschädigt, sondern unseren Stolz auf die Beschädigung gleich mit. Es ist ja bitter genug, wenn man hört, der Mensch sei nicht Mittelpunkt der Welt. Noch schrecklicher ist es, wenn man hören muss, dass gerade das Werkzeug, mit dem er sich für den Mittelpunkt hält – sein Intellekt –, eine Überlebensapparatur ist, keine Offenbarungsmaschine. Der metaphysische Mensch wollte gekränkt sein, aber auf noblem Niveau, in den Höhen der Tragik. Nietzsche gönnt ihm nicht einmal das. Er lässt ihn im biologischen Kellergeschoss enden. Das ist einer der Gründe, warum dieser frühe Text noch immer frischer klingt als mancher spätere akademische Elaboratband über „epistemische Praktiken“. [7]

Und dennoch wäre es verfehlt, hierin bereits die schlichte Leugnung jeder Wahrheit zu sehen. Nietzsche zertrümmert den metaphysischen Wahrheitsbegriff, aber er ersetzt ihn nicht durch infantilen Zustimmungshandel. Der Text ist gerade deshalb so folgenreich, weil er die Wahrheit weder als Himmelreich noch als Nichts behandelt, sondern als Resultat. „Wahr“ ist für Nietzsche zunächst, was innerhalb einer sprachlich und sozial stabilisierten Lebensform gilt; unwahr ist, was diese Konvention verletzt oder strategisch verdreht. Schon darin wird sichtbar, dass Wahrheit für ihn nicht vor der Geschichte liegt, sondern in ihr entsteht – und nie außerhalb von Sprache, Praxis und Macht. [8]

Die Republik der Begriffe

Der berühmteste Zug des Textes liegt in Nietzsches Sprachkritik. Er formuliert sie in einer Weise, die bis heute blendet, weil sie mehr sieht als manche nüchterne Semantik und doch nie ganz aufhört zu dichten. Wörter, schreibt er, entstehen nicht aus dem „Wesen der Dinge“. Jeder Begriff entsteht vielmehr durch das, was er das „Gleichsetzen des Nichtgleichen“ nennt. Das ist einer der großen, kaum zu überschätzenden Sätze der neueren Philosophie. Er bedeutet: Begriffe funktionieren überhaupt nur, indem sie Unterschiede abschleifen, Singularitäten einebnen, Einmaliges unter Wiederholbares zwingen. Der Begriff ist nicht falsch, weil er verallgemeinert; aber er ist nie unschuldig, wenn er so tut, als sei die Verallgemeinerung ein Abdruck des Seins selbst. [9]

Hier öffnet Nietzsche die Werkstatt der Begriffsbildung. Was wir „Baum“, „Blatt“, „Mensch“, „Wahrheit“ nennen, sind für ihn keine naturgetreuen Etiketten, sondern Ergebnisse von Vereinfachungsleistungen. Sprache schafft Ordnung nicht, weil sie dem Sein in stiller Ehrfurcht gehorcht, sondern weil das Leben Regeln braucht, um mit der Fülle des Einzelnen fertigzuwerden. Sprache wird zum Medium der Abstraktion und zum normativen Gerüst des Sozialen: Ohne allgemeine Namen keine gemeinsame Welt; aber eben auch ohne Gewalttat gegen das Einzelne keine allgemeinen Namen. In diesem doppelten Sinn ist Sprache von Anfang an produktiv und verlustreich zugleich. [9]

Nietzsche schärft die Sache noch einmal, indem er die berühmte Kette vom Reiz zum Bild und vom Bild zum Laut beschreibt. Der „Nervenreiz“ wird zunächst in ein Bild, dann in einen Laut übersetzt – und jede Stufe ist eine Übersetzung in eine andere Sphäre, keine schlichte Übernahme. Diese These wächst mit Recht als Behauptung epistemischer Sprünge: nicht Kontinuität, sondern Übertragung; nicht Spiegelung, sondern Metapher. Damit ist das Dogma einer geraden Linie von der Welt in das Wort beschädigt. Zwischen Ding, Wahrnehmung, Bild, Laut und Begriff öffnet sich eine Serie von Transformationen. Das Wort ist kein Fenster, sondern ein Arbeitsresultat.

An dieser Stelle fällt Nietzsches vielleicht berühmteste Formel: Wahrheit sei ein „bewegliches Heer von Metaphern“, dazu Metonymien und Anthropomorphismen; Wahrheiten seien Illusionen, von denen man vergessen habe, dass sie welche sind. Dieser Satz wird gern zitiert, oft von Leuten, die ihm genau das nehmen, was er hat: Zähne. Denn die Pointe ist ja nicht, dass die Wahrheit poetisch sei – das wäre eine recht unschuldige Romantik. Sie ist viel mehr, dass die Begriffe, mit denen eine Gemeinschaft ihr Wirkliches, ihr Vernünftiges, ihr Moralisches und ihr Normales organisiert, aus rhetorischen Setzungen hervorgegangen sind und dass ihre Gewalt gerade im Vergessen dieses Ursprunges liegt. Nicht die Metapher ist der Skandal, sondern ihr Vergessen. [9]

Das Bild der abgenutzten Münze ist dafür meisterhaft. Solange man noch sieht, dass ein Ausdruck geprägt wurde, behält man eine Ahnung seiner Historizität. Wenn aber die Münze ihr Bild verliert, zirkuliert sie bloß noch als Metall; sie gilt, ohne dass ihre Prägung noch sichtbar wäre. So verhalten sich nach Nietzsche die großen Wahrheitsbegriffe. Sie kursieren als Selbstverständlichkeiten, obwohl sie als Setzungen, poetische Verdichtungen, soziale Festlegungen und Machtresultate entstanden sind. Das gilt nicht nur für „Wahrheit“, sondern für die ganze Pyramide der Begriffe, für die Ordnungen, Privilegien und Unterordnungen, die eine Gesellschaft am Ende für natürlich hält. Nur Sprachphilosophie? Das ist bereits Sozialkritik. [9]

Genau hier liegt auch die gesellschaftliche Nüchternheit des Textes. Sprache ist nicht bloß ein Zeichensystem; sie ist Friedensstiftung und Herrschaftsform zugleich. Menschen einigen sich auf Benennungen, weil sie „gesellschaftlich und herdenweise“ existieren wollen und den Krieg aller gegen alle begrenzen müssen. Mit der sprachlichen Fixierung dessen, was von nun an gelten soll, entstehen die ersten Gesetze der Wahrheit. Wahrheit ist also nicht zunächst himmlische Korrespondenz, sondern innerweltliche Gesetzgebung. Genau darum wird sie später politisch: Wer die gültigen Bezeichnungen kontrolliert, kontrolliert auch, was als normal, vernünftig, wahr und lügenhaft erscheint. [10]

Nietzsche zerlegt damit die klassische Abbildtheorie nicht, um uns die kindische Freude zu machen, alles sei bloß Fiktion. Er zeigt vielmehr, dass ohne diese Fiktionen kein kollektives Leben zustande kommt, und dass eben darin ihre Gefahr liegt. Der Begriff rettet uns vor der unendlichen Unübersichtlichkeit des Einzelnen; zugleich tut er so, als sei diese Rettungsleistung identisch mit Wahrheit schlechthin. In der Sprache der Dialektik: Das Falsche ist das lebensnotwendig Gewordene. Alle große Barbarei des Geistes beginnt dort, wo aus dieser Notwendigkeit ein Naturgesetz gemacht wird. [11]

Nietzsches Ehrlichkeit gegen Nietzsches Relativisten

An diesem Punkt pflegt der schlechte Leser aufzuspringen und zu rufen: Aha, also gibt es für Nietzsche gar keine Wahrheit; also ist alles Macht, Perspektive, Rhetorik; also seien Fakten bloß Dekorationen, die der Stärkere umstellt wie Zimmerpflanzen. Ein solcher Leser ist nicht modern, sondern allenfalls bequem. Denn gerade Nietzsche ist viel weniger ein Dämon beliebiger Beliebigkeit als seine populären Erben auf Podien, in Werbeetagen und mancher Internetbaracke. Wer nur die Illusionsdiagnose nimmt und die Askese der Wahrhaftigkeit unterschlägt, macht aus Nietzsche einen Hausphilosophen des Opportunismus. Das ist falsch. [12]

Denn Nietzsche lobt in seinem späteren Werk die Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit in einer Schärfe, die dem platten „Alles ist Interpretation“-Betrieb unerfreulich ist. Die Stanford Encyclopedia fasst das treffend so zusammen: Für Nietzsche gehört zur Lebensbejahung gerade, sich nicht unter einer tröstlichen, aber falschen Beschreibung des Daseins einzurichten; Ehrlichkeit ist bei ihm keine Nebenmoral, sondern eine der höchsten Tugenden, ja das Maß der Stärke. Wer das übersieht, macht aus dem Philosophen der Demaskierung einen Lieferanten zynischer Ausreden. Nietzsche will nicht, dass wir die Wahrheit abschaffen. Er will, dass wir aufhören, unsere eigenen historischen und sprachlichen Konstruktionen für ewige Wahrheiten zu vergötzen. [13]

Das ist der entscheidende dialektische Punkt: Nicht Wahrheit wird verworfen, sondern ihre Verheiligung. Nietzsche enterbt die Wahrheit aus dem Himmel und zwingt sie zurück in die Geschichte. Damit verliert sie ihre Unschuld, aber nicht ihre Bedeutung. Im Gegenteil. Gerade weil Wahrheiten gemacht, geformt, stabilisiert und durchgesetzt werden, müssen sie auf ihren Ursprung, ihre Funktion, ihre Perspektive, ihre Gewalt und ihren Preis hin befragt werden. Die Kritik an der vergessenen Metaphorizität der Begriffe ist dann selbst ein Akt der Wahrhaftigkeit: ein Erinnern des Herstellungsprozesses gegen die Lüge der Naturwüchsigkeit. [14]

Man kann das besonders schön am Gegensatz von „Begriffsmensch“ und „intuitivem Mensch“ herausarbeiten. Der Begriffsmensch gewinnt Ordnung, Distanz, Fassung; er hat seine Begriffe wie gute Möbel und kann darin wohnen. Der intuitive Mensch lebt näher an der Beweglichkeit der Erscheinungen; er leidet mehr, aber er hat auch Zugang zu einer anderen Aufheiterung, zu einer ästhetischen Elastizität des Daseins. Man muss diesen Schluss des Essays nicht als anthropologische Typologie für bare Münze nehmen, um seinen Einsatz zu verstehen: Nietzsche sucht keine primitive Rückkehr vor die Sprache, sondern eine Haltung, in der wir die Gemachtheit unserer Wahrheiten nicht mehr als Katastrophe, sondern als Möglichkeit einer freieren Lebensform begreifen.

Darin steckt ein tiefes Missverständnis der gewöhnlichen Gegenüberstellung von Vernunft und Kunst. Nietzsche will nicht bloß die Kunst gegen die Vernunft feiern. Er versucht vielmehr, dem Denken einen ästhetischen Rest zurückzugeben, den die metaphysische Selbstvergessenheit abgelegt hat. Ästhetisch ist hier nicht das Schöne im Sofakissen-Sinn, sondern die Einsicht, dass unser Weltbezug immer Formung, Auswahl, Perspektive, Stilisierung ist. Eine Wahrheit, die diese Formungsarbeit vergisst, wird tyrannisch. Eine Wahrheit, die sie erinnert, verliert den Weihrauch. Und gewinnt Redlichkeit. [12]

Gerade deshalb ist Nietzsche der Feind jeder dogmatischen Alternativlosigkeit. Wenn Begriffe historisch geprägte Gleichsetzungen des Ungleichen sind, dann ist Misstrauen geboten, sobald sich irgendeine Institution, Ideologie oder Wissenschaftsprosa aufspielt, als sei ihre Sprache der direkte Abdruck der Dinge selbst. Das heißt nicht, dass Wissenschaft wertlos wäre oder Urteile über Tische, Sterne und Epidemien bloß Launen wären. Es heißt vielmehr, dass selbst die erfolgreichsten Geltungsformen unter historischen Bedingungen operieren und mit begrifflichen Werkzeugen arbeiten, die weder göttlich noch unschuldig sind. Eine Gesellschaft, die diesen Unterschied vergisst, verwechselt Genauigkeit mit Unfehlbarkeit. Nietzsche lebt davon, diese Verwechslung zu beleidigen. [11]

Hier zeigt sich übrigens auch die Grenze seines eigenen Pathos. Ich verweise darauf, dass Nietzsche den Perspektivcharakter gerade einfacher Gegenstandsurteile nicht endlos destabilisieren kann, ohne die geteilte Welt des Lernens und Handelns zu untergraben. Kein Kind tritt in die Sprache ein, indem man ihm erklärt, der Tisch sei nur unter diskursiven Vorbehalten Tisch. Es lernt: Das ist ein Tisch. Und doch folgt daraus nicht, dass die Tischheit eine transzendentale Signatur der Dinge wäre. Die Stärke von Nietzsches Text besteht gerade darin, dass er diese Alltagsnotwendigkeit nicht leugnet, sondern ihren Preis sichtbar macht. Seine Übertreibung ist produktiv: Sie reißt das Selbstverständliche aus seiner Selbstzufriedenheit. [9]

Die Nachfahren im Archiv und im Signifikanten

Wer wissen will, warum dieser frühe Nietzsche-Text eine so lange Nachwirkung hatte, muss nicht nur auf seine Provokationen, sondern auf seine Methoden achten. Er denkt Wahrheit genealogisch, sprachlich, historisch, antiessenzialistisch. Genau darin liegt seine moderne Fruchtbarkeit. Foucault, Derrida und Lacan sind keine Schüler im Schulheft-Sinn; sie sind verschiedenartige Weiterarbeiter an einem Problemkomplex, den Nietzsche in greller Form eröffnet hat. Der Vortrag hat diese Linie mit Recht hervorgehoben, wenn er Nietzsche als einen Ausgangspunkt späterer Debatten über Wahrheit, Subjektentmachtung, Sprache und Differenz markiert. [15]

Bei Michel Foucault lässt sich die Nähe besonders präzise fassen. Seine archäologische Methode untersucht „diskursive Formationen“, also Ordnungen des Wissens, die unterhalb des Bewusstseins der einzelnen Subjekte die Grenzen des Denkbaren festlegen. Seine spätere Genealogie soll dann gerade zeigen, dass ein System des Denkens nicht aus rationaler Notwendigkeit hervorgegangen ist, sondern aus kontingenten, prosaischen, nicht heroischen geschichtlichen Verläufen. Das ist ein direktes Echo des nietzscheanischen Verdachts gegen Ursprungspathos und Selbstbegründung. Wo Nietzsche aphoristisch von der Herstellung der Wahrheit spricht, arbeitet Foucault mit Archiven, Institutionen, Praktiken, Serien. Wahrheiten erscheinen nun als Effekte historischer Dispositive. [16]

Noch deutlicher wird die Verwandtschaft dort, wo Foucault den Zusammenhang von Wissen und Macht fasst. In der modernen Disziplin ergibt die „Prüfung“ ein Gefüge aus Beobachtung, Normalisierung und Dokumentation; sie bringt Wahrheit hervor und kontrolliert Verhalten zugleich. Das ist kein äußerlicher Missbrauch der Wahrheit, sondern eine Struktur: Wissen und Herrschaft operieren ineinander. Später zeigt Foucault am Beispiel der Sexualität, wie Subjekte gezwungen werden, die Wahrheit über sich selbst zu sagen, während die sie hervorbringenden Diskurse zugleich definieren, was überhaupt als die Wahrheit des Subjekts gilt. Wenn Nietzsche die Wahrheit vom Himmel auf die Erde holt, dann führt Foucault sie in die Anstalt, in die Klinik, ins Gefängnis, ins Beichtzimmer der Moderne. [10]

Bei Jacques Derrida wird eine andere Seite Nietzsches produktiv: die Kritik an Präsenz, Ursprung und begrifflicher Selbstidentität. Die SEP weist ausdrücklich darauf hin, dass Derridas Dekonstruktion den platonischen Gegensatz von Wesen und Erscheinung angreift und dabei Nietzsche als wichtigen Vorgänger nennt. Zugleich beschreibt Derridas Grundgedanke, dass jedes Präsens schon von Nicht-Präsenz durchzogen ist, die Gegenwart also nie rein bei sich selbst sein kann. Die „Spur“ und die „archi-écriture“ benennen genau jenes Moment, in dem das Originäre schon geteilt ist. Darum kann Derrida die Geschichte der Metaphysik, in einem Satz, der fast wie eine bewusst verspätete Antwort auf Nietzsche klingt, als Geschichte von Metaphern und Metonymien beschreiben. Bei ihm wird Nietzsches Verdacht philologisch und systematisch vertieft: Nicht bloß einzelne Begriffe, sondern die metaphysischen Zentren selbst sind rhetorisch und instabil. [17]

Wenn Nietzsche sagt, Wahrheit sei ein Heer vergessener Metaphern, dann zeigt Derrida, dass die Philosophie gar nicht anders kann, als in einer Sprache zu operieren, deren Zentren stets schon von Verschiebung, Wiederholung und Ergänzung unterlaufen sind. Nietzsches poetische Granate wird bei Derrida zur methodischen Dauersezession gegen die „Metaphysik der Präsenz“. Man könnte boshaft sagen: Nietzsche schreibt mit dem Hammer, Derrida mit der Pinzette. Aber beide schlagen in dieselbe Mauer. [18]

Bei Jacques Lacan verläuft die Linie indirekter, aber nicht weniger aufschlussreich. Lacan macht die Sprache und den Signifikanten zum Medium, in dem das Subjekt überhaupt erst entsteht. Ein individuelles Ich ist bei ihm eben nicht Ursprung des Sinns, sondern Resultat eines vorgefundenen symbolischen Ordnungsgefüges; der unbewusste Prozess ist „wie eine Sprache“ strukturiert, der Egoismus der Selbstgewissheit wird als sekundäre Bildung entlarvt, und das Ego selbst erscheint nicht als souveränes Zentrum, sondern als Objekt, als Fehlverkennung, als prekäre Konstruktion. Das ist nicht einfach Nietzsche plus Freud. Aber es ist offenkundig ein Denken im Nachhall der nietzscheanischen Entthronung des transparenten Subjekts. [19]

Darum sollte man die Wirkungsgeschichte nicht genealogisch banalisieren. Nietzsche ist nicht der Alleinerzeuger von Foucault, Derrida oder Lacan; dazu sind die Vermittlungen über Hegel, Freud, Saussure, Heidegger, die französische Epistemologie und den Strukturalismus zu stark. Aber Nietzsche hat einen Raum geöffnet, den diese Autoren jeweils anders möblieren. Foucault historisiert die Wahrheit. Derrida dekomponiert ihre metaphysischen Zentren. Lacan verschiebt sie in die Spaltung des sprechenden Subjekts. In jedem Fall gilt: Wahrheit erscheint nicht mehr als nackte Übereinstimmung von Satz und Sache, sondern als Frage der Formation, der Differenz, der symbolischen Ordnung, der Kräfte. Der alte Adelstitel der Wahrheit wird in allen drei Fällen eingezogen. [20]

Was von Wahrheit übrig bleibt

Natürlich blieb diese Bewegung nicht ohne Einspruch. Habermas hat Nietzsche ausdrücklich als „Drehscheibe“ des Eintritts in die Postmoderne bezeichnet und ihm vorgeworfen, eine radikale Vernunftkritik einzuleiten, die ihre eigenen Maßstäbe untergräbt. In dieser Lesart schwankt Nietzsche zwischen positivistischer Reduktion von Wahrheitsansprüchen auf Machtkonstellationen und einer philosophischen Metaphysikkritik, die gerade nicht gänzlich auf Philosophie verzichten kann. Für Habermas geraten Nietzsche, später auch Foucault und Derrida, in die Aporie einer Kritik, die die Vernunft als solche desavouiert und damit die Basis kritischer Geltung selber beschädigt. Das ist kein bloß akademischer Vorwurf; es ist der präziseste Gegenstoß gegen Nietzsches Vermächtnis. [21]

Man sollte diesen Einwand ernst nehmen. Wer behauptet, alle Wahrheiten seien Effekte von Macht, muss damit rechnen, dass die eigene Diagnose ebenfalls nur als Effekt erscheint. Wer jede Geltung genealogisch auflöst, verwickelt seine eigene Rede in die aufgelöste Geltung hinein. Der große Frankfurter Verdacht lautet: Demaskierung allein reicht nicht, weil sie ohne normativen Rest zur Pose verkommt. Man kann die Götzen vom Sockel stoßen; aber wenn man keinen Begriff davon hat, warum dieser Stoß mehr sein soll als eine andere Kraftgeste, dann landet man leicht beim ästhetischen Radikalismus ohne politische Verbindlichkeit. Dieses Problem sitzt Nietzsche im Nacken, gleichgültig ob man ihn liebt oder fürchtet. [1]

Und doch wäre es billig, Nietzsche an einem Maßstab zu messen, den er gerade erst problematisch gemacht hat. Sein Text will nicht in erster Linie eine neue Letztbegründung liefern; er will die seelischen und begrifflichen Kosten der alten Letztbegründungen sichtbar machen. In diesem Sinn ist er weniger ein System als eine Therapie der Entheiligung. Er schlägt den Menschen nicht die Wahrheit aus der Hand, sondern den Weihrauch. Er beseitigt nicht jede Geltung, sondern jene Form von Geltung, die sich als naturwüchsig, ewig und überhistorisch ausgibt. Deshalb ist seine Wahrhaftigkeit gerade nicht die eines naiven Positivismus, sondern die einer Denkdisziplin, die um die Perspektivität, die Rhetorizität und die Lebensgebundenheit ihrer eigenen Begriffe weiß. [22]

In einer dialektischen Perspektive lässt sich das so formulieren: Nietzsche zerstört die metaphysische Wahrheit, um die historische Wahrheit erst möglich zu machen. Solange Wahrheit als transzendente Unberührbarkeit erscheint, entzieht sie sich der Kritik; wird sie jedoch als gesellschaftlich erzeugte Form sichtbar, kann sie nach ihren Bedingungen, Ausschlüssen und Machtwirkungen befragt werden. Erst dann wird Kritik konkret. Wahrheit verliert ihre Ewigkeit und gewinnt ihre Geschichte. Das ist nicht wenig. Und es ist vielleicht mehr Aufklärung, als manchem aufgeklärten Vernunftverwalter lieb sein kann. [23]

Von hier aus betrachtet, ist „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ kein Vorläufer des bloßen Anything-goes, sondern eine Schule der intellektuellen Härte. Er verlangt von uns, dass wir ohne göttliche Garantie denken, ohne sprachliche Naivität sprechen und ohne moralische Selbstverzückung urteilen. Er verlangt, dass wir Begriffe gebrauchen und zugleich gegen sie wach bleiben. Er verlangt, dass wir soziale Geltungen ernst nehmen und zugleich wissen, dass sie gemacht, sedimentiert, institutionalisiert, normalisiert sind. Mit einem Wort: Er verlangt Mündigkeit ohne metaphysische Krücke. [24]

Darum ist dieser frühe Nietzsche-Text bis heute aktuell, nicht weil er uns beibringt, dass Fakten nichts zählen, sondern weil er uns lehrt, dass keine Faktizität je ohne Form, Begriff, Auswahl, Institution und Interesse in Erscheinung tritt. Wer das als Einladung zur Beliebigkeit liest, hat nur die halbe Lektion verstanden. Die andere Hälfte lautet: Gerade weil unsere Wahrheiten gemacht sind, tragen wir Verantwortung für ihre Herstellung, ihre Verteidigung, ihre Korrektur und ihre Herrschaftswirkungen. Nietzsche ist der große Entzauberer der Wahrheit, aber er ist auch, gegen seine flachen Verehrer, ein harter Pädagoge der Redlichkeit. Das macht ihn unentbehrlich. [25]

Am Ende bleibt also kein Nichts, sondern eine schwierigere Wahrheit. Keine ewige Übereinstimmung über den Wolken, kein letztes Siegel auf den Begriffen, kein unbeflecktes Zentrum, um das alles kreist. Stattdessen: geschichtliche Praktiken, sprachliche Gewohnheiten, sedimentierte Metaphern, soziale Kämpfe, perspektivische Ordnungen, symbolische Formierungen. Aber auch: die Pflicht, diese Gemachtheit nicht zu vergessen. Nietzsches Formel vom Heer der Metaphern ist deswegen keineswegs der Abgesang auf Wahrheit. Sie ist ihr Erwachsenwerden. Und jeder, der nach ihm noch von Wahrheit spricht – ob im Archiv wie Foucault, im Text wie Derrida, im Signifikanten wie Lacan oder im Diskurs wie Habermas –, spricht bereits in diesem Schatten. [26]


[1] [21] https://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Habermas

[2] [3] [5] [7] [12] [13] [22] [25] https://plato.stanford.edu/entries/nietzsche/

[4] [8] [9] [11] [14] [24] [26] https://de.wikipedia.org/wiki/Ueber_Wahrheit_und_Luege_im_aussermoralischen_Sinne

[6] [10] [15] [16] [20] [23] https://plato.stanford.edu/entries/foucault/

[17] https://plato.stanford.edu/entries/derrida/

[18] https://en.wikipedia.org/wiki/Trace_(deconstruction)

[19] https://plato.stanford.edu/entries/lacan/

About the author

Holger Elias

Studien der Journalistik und Kommunikations-Psychologie. War beruflich als Korrespondent und Redakteur bei Nachrichtenagenturen (reuters, cna usw.), für überregionale Tageszeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen tätig. Lebte und arbeitete knapp acht Jahre als EU-Korrespondent in Brüssel. Als Verleger und Publizist gab er knapp 140 Buchtitel heraus.

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