Die professionellen Prognostiker der Europäischen Zentralbank erwarten im Euroraum wieder deutlich höhere Teuerung – aber keinen dauerhaften Kontrollverlust. Genau darin liegt die geldpolitische Brisanz: Die Inflation kehrt kurzfristig zurück, während das Wachstum nachgibt.
Die neue Umfrage der Europäischen Zentralbank unter professionellen Prognostikern liest sich wie ein Warnsignal mit eingebauter Beruhigungspille. Einerseits revidieren die Ökonomen ihre Inflationserwartungen für den Euroraum kräftig nach oben. Andererseits bleibt der langfristige Erwartungsanker dort, wo ihn die EZB sehen will: bei zwei Prozent.
Genau diese Doppelbotschaft macht die Ergebnisse des „Survey of Professional Forecasters“ für das zweite Quartal 2026 geldpolitisch so heikel. Die Notenbank muss auf einen kurzfristigen Preisschub reagieren, ohne eine ohnehin schwache Konjunktur zusätzlich abzuwürgen. Der Inflationsschock ist zurück – aber er sieht anders aus als die große Teuerungswelle nach der Pandemie und nach Russlands Angriff auf die Ukraine.
Für 2026 erwarten die befragten Fachleute nun eine HVPI-Inflation von 2,7 Prozent. In der vorangegangenen Umfrage hatten sie noch mit 1,8 Prozent gerechnet. Für 2027 wurde die Erwartung leicht auf 2,1 Prozent angehoben, während für 2028 nun 2,0 Prozent prognostiziert werden. Die längerfristige Erwartung für 2030 bleibt unverändert bei 2,0 Prozent. Auch die Kerninflation ohne Energie und Nahrungsmittel wurde kurzfristig nach oben revidiert: auf jeweils 2,2 Prozent für 2026 und 2027 sowie 2,1 Prozent für 2028.
Das ist mehr als eine technische Korrektur. Die Prognostiker preisen einen neuen Angebotsschock ein, der vor allem über Energiepreise, Transportkosten und mögliche Zweitrundeneffekte wirkt. Die EZB selbst verweist in ihrem ausführlichen Bericht auf den Krieg im Nahen Osten als wesentlichen Faktor. Die Sonderfrage der Erhebung deutet darauf hin, dass die Befragten zwar indirekte und lohnseitige Folgeeffekte sehen, diese aber als begrenzt und vor allem auf 2026 und 2027 konzentriert einschätzen.
Damit entsteht ein klassisches Zentralbankdilemma: Die Inflation steigt nicht, weil die Binnenkonjunktur überhitzt. Sie steigt, weil Energie teurer wird und Lieferkettenrisiken zurückkehren. Gegen Ölpreise und geopolitische Risiken kann die EZB jedoch keine Zinsen setzen. Sie kann nur verhindern, dass aus dem externen Schock ein dauerhaftes Inflationsregime wird.
Auf den ersten Blick spricht viel dafür, dass der Schaden begrenzt bleibt. Die langfristigen Inflationserwartungen sind weiter fest bei zwei Prozent verankert. Laut EZB-Bericht liegt dieser Wert nun bereits in der zehnten Umfragerunde in Folge bei mehr als der Hälfte der Befragten. Das ist für die Notenbank mehr als Statistik. Es ist geldpolitisches Kapital. Solange Haushalte, Unternehmen und Finanzmärkte daran glauben, dass die EZB die Inflation mittelfristig auf zwei Prozent zurückführt, muss sie weniger aggressiv reagieren.
Doch die Entwarnung hat Grenzen. Denn die Kerninflation wird ebenfalls nach oben korrigiert. Das ist der empfindliche Punkt. Eine reine Energiepreiswelle wäre für die EZB leichter zu ignorieren. Steigen aber auch Preise jenseits von Energie und Nahrungsmitteln, deutet das auf eine breitere Weitergabe der Kosten hin. Die Prognostiker beziffern den Effekt des Nahostkonflikts auf die Kerninflation für 2026 auf rund 0,2 Prozentpunkte; kleine positive Effekte könnten bis 2028 fortbestehen. Bei den Löhnen sehen sie einen geringeren, aber etwas hartnäckigeren Einfluss.
Damit verschiebt sich die geldpolitische Debatte. Nicht der kurzfristige Inflationsanstieg allein ist entscheidend, sondern die Frage, ob Unternehmen höhere Energie- und Transportkosten dauerhaft in Preise einbauen und ob Beschäftigte den Kaufkraftverlust über Tarifabschlüsse ausgleichen wollen. Die Lohnerwartungen steigen jedenfalls. Für 2026 rechnen die Befragten nun mit einem Lohnwachstum von 3,3 Prozent, für 2027 mit 3,1 Prozent und für 2028 mit 2,9 Prozent. In der vorherigen Runde lagen die Werte niedriger.
Die EZB steht damit vor einer unangenehmen Rechenaufgabe. Reallöhne, die sich nach Jahren hoher Teuerung erholen, sind volkswirtschaftlich nicht automatisch ein Problem. Sie stützen Konsum und soziale Stabilität. Für die Geldpolitik werden sie aber dann kritisch, wenn sie bei schwachem Produktivitätswachstum die Dienstleistungspreise hochhalten. Der Euroraum ist strukturell anfällig für genau dieses Muster: wenig Dynamik, aber zähe Kosten.
Denn die zweite große Botschaft der Umfrage lautet: Das Wachstum verliert an Kraft. Für 2026 erwarten die Prognostiker nur noch ein reales BIP-Wachstum von 1,0 Prozent, für 2027 und 2028 jeweils 1,3 Prozent. Gegenüber der vorherigen Erhebung wurde die Prognose für 2026 um 0,2 Prozentpunkte und für 2027 um 0,1 Prozentpunkte gesenkt. Als Hauptgrund nennt die Pressemitteilung den erwarteten negativen Effekt steigender Energiepreise im Zusammenhang mit dem Krieg im Nahen Osten.
Das ist keine Rezessionsprognose, aber auch kein Aufschwung. Der Euroraum bleibt in einer Zone, in der Unternehmen investieren, Haushalte konsumieren und Staaten konsolidieren sollen – aber alles nur mit angezogener Handbremse. Die EZB spricht im ausführlichen Bericht davon, dass inzwischen sieben Prozent der Befragten mindestens ein Quartal mit negativem Wachstum in den kommenden vier Quartalen erwarten; eine technische Rezession, also zwei negative Quartale in Folge, erwartet jedoch niemand.
Die Stabilität des Arbeitsmarkts verhindert vorerst Schlimmeres. Die Arbeitslosenquote wird von den Prognostikern weiterhin bei 6,3 Prozent für 2026, 6,2 Prozent für 2027 und 6,1 Prozent für 2028 gesehen. Auch langfristig bleibt die Erwartung bei 6,1 Prozent.
Das ist die gute Nachricht für Regierungen – und zugleich ein weiterer Grund, warum die EZB nicht vorschnell Entwarnung geben kann. Ein robuster Arbeitsmarkt stabilisiert die Nachfrage. Er verhindert, dass der Energieschock unmittelbar in eine breite Krise durchschlägt. Aber er kann auch dazu beitragen, dass Lohnforderungen stärker bleiben, als es eine Notenbank in einem Disinflationsprozess gern sähe.
Die Umfrage zeigt also kein Bild klassischer Stagflation. Dafür ist der Arbeitsmarkt zu stabil, die längerfristige Inflationserwartung zu gut verankert und die Wachstumserwartung zu positiv. Aber sie zeigt eine abgeschwächte Variante des Problems: mehr Inflation bei weniger Wachstum. Genau solche Konstellationen sind für Zentralbanken besonders schwer zu steuern.
Zinserhöhungen wären in einem nachfragegetriebenen Boom ein klares Instrument. In einem geopolitischen Energiepreisschock wirken sie stumpfer. Sie senken nicht den Ölpreis, verteuern aber Kredite. Sie dämpfen Investitionen und Immobilienmärkte. Sie treffen Unternehmen, die ohnehin unter höheren Energie- und Finanzierungskosten leiden. Umgekehrt wäre eine zu lockere Geldpolitik riskant, wenn sich die neue Teuerung in Löhnen, Dienstleistungen und Inflationserwartungen festsetzt.
Der Blick auf die Erwartungen zum Einlagesatz zeigt, dass auch die Prognostiker eine härtere EZB-Linie nicht ausschließen. Laut EZB-Bericht hat sich die kurzfristige Verteilung der Erwartungen nach oben verschoben. Während in der vorherigen Runde praktisch niemand einen Einlagesatz von 2,25 Prozent oder mehr erwartet hatte, lag dieser Anteil in der aktuellen Runde für das zweite Quartal 2026 bei rund einem Drittel, für das dritte Quartal bei mehr als der Hälfte und für das vierte Quartal bei fast zwei Dritteln. Der Modalwert bleibt zwar bei zwei Prozent, doch der Durchschnitt rückt näher an 2,25 Prozent heran.
Damit wird klar: Die Märkte und Prognostiker rechnen nicht mit einem dramatischen geldpolitischen Bruch, aber mit weniger Spielraum für Lockerungen. Die EZB dürfte vor allem kommunikativ reagieren müssen. Sie muss glaubwürdig machen, dass sie durch kurzfristige Energiepreisschübe hindurchblickt, aber Zweitrundeneffekte nicht toleriert. Das ist ein schmaler Grat. Wer zu früh Alarm schlägt, verschärft die Wachstumssorgen. Wer zu lange abwartet, riskiert den Vertrauensanker.
Besonders sensibel ist der Ölpreis. Die Prognostiker erwarten laut EZB-Bericht für das zweite Quartal 2026 einen Ölpreis von rund 94 Dollar je Barrel. Das bedeutet eine deutliche Aufwärtsrevision gegenüber der vorherigen Runde; im weiteren Verlauf wird zwar ein gradueller Rückgang erwartet, das Niveau bleibt aber über den Annahmen der vorherigen Erhebung.
Damit hängt die ökonomische Erzählung des Euroraums wieder stark an einer geopolitischen Variable. Sollte der Konflikt im Nahen Osten rasch abebben und sollten Lieferketten stabil bleiben, könnte die aktuelle Prognose tatsächlich nur eine temporäre Delle markieren: 2026 teurer, 2027 normalisiert, 2028 wieder am Ziel. Sollte sich die Lage jedoch verschärfen, droht eine neue Runde energiegetriebener Unsicherheit – mit allen Folgen für Industrie, Konsum und öffentliche Haushalte.
Für Deutschland ist diese Diagnose besonders relevant. Die deutsche Wirtschaft ist energiepreissensibel, industriell geprägt und ohnehin seit Jahren schwach in der Investitionsdynamik. Ein Euroraum-Szenario mit höherer Inflation, nur mäßigem Wachstum und steigenden Lohnerwartungen trifft Deutschland nicht gleichmäßig. Exportorientierte Unternehmen leiden unter globaler Unsicherheit, energieintensive Branchen unter Kosten, konsumabhängige Sektoren unter Kaufkraftverlusten. Gleichzeitig kann ein stabiler Arbeitsmarkt den privaten Verbrauch stützen.
Politisch entsteht daraus eine unbequeme Gemengelage. Regierungen werden versucht sein, Energiepreise abzufedern, Unternehmen zu entlasten und Investitionen zu stimulieren. Doch die fiskalischen Spielräume sind geringer als zu Beginn früherer Krisen. Auch die EZB verweist darauf, dass einige Befragte zwar fiskalische Reaktionen, etwa Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur, als dämpfenden Faktor erwarten, zugleich aber die begrenzteren öffentlichen Finanzen betonen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die Inflation 2026 über Ziel liegt. Das tut sie nach dieser Umfrage klar. Entscheidend ist, ob der Preisschub als einmaliger geopolitischer Schock verarbeitet wird – oder ob er eine neue Verteilungsschlacht zwischen Unternehmen, Beschäftigten, Staaten und Verbrauchern auslöst.
Die EZB-Ergebnisse liefern dafür ein vorsichtig optimistisches, aber keineswegs bequemes Bild. Die Inflationsanker halten. Die Arbeitsmärkte halten. Die Rezession bleibt vorerst aus. Aber die Sicherheitsmarge wird kleiner. Der Euroraum bewegt sich nicht am Rand des Abgrunds, aber auf einem schmaleren Pfad als noch vor wenigen Monaten.
Für die EZB bedeutet das: Sie kann sich nicht allein auf den langfristigen Erwartungsanker verlassen. Sie muss ihn verteidigen, ohne die Konjunktur mutwillig zu schwächen. Für Unternehmen bedeutet es: Die Phase planbarer Disinflation ist vorbei. Energie, Löhne und Finanzierungskosten bleiben strategische Risikofaktoren. Für die Politik bedeutet es: Wer Wachstum will, muss strukturell liefern – bei Energie, Infrastruktur, Investitionen und Produktivität.
Die neue Prognose ist damit weniger ein Alarmruf als ein Stresstest. Der Euroraum hat den Inflationsschock der vergangenen Jahre noch nicht vollständig hinter sich gelassen. Er hat nur gelernt, mit ihm zu leben. Nun zeigt sich, wie belastbar diese Lernkurve wirklich ist.
