Wenzel und das Ende der Vernunft

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Die Hölle beginnt selten mit Schwefelgeruch. Meist beginnt sie mit Gewöhnung. Mit einem Nachrichtenstrom, in dem der Krieg nur noch eine Meldung unter vielen ist. Mit Politikern, die von »Kriegstüchtigkeit« sprechen, als handele es sich um eine neue Fitnesskampagne der Bundeswehr. Mit Talkshows, in denen Moral die Analyse ersetzt. Mit einer Öffentlichkeit, die noch alles sieht, aber immer weniger begreift. Und mit einer Sprache, die so lange an den Dingen vorbeiredet, bis die Dinge selbst verschwinden.

In einem Gespräch auf dem YouTube-Kanal von Patrik Baab beschreibt der Dichter, Musiker und Kulturdenker Hans-Eckardt Wenzel diesen Zustand mit einem Bild, das aus Dantes »Göttlicher Komödie« stammt: Wir stehen am Tor zur Vorhölle. Nur halten wir das Schild über dem Eingang nicht mehr für eine Warnung. Vielleicht, sagt Wenzel sinngemäß, glauben wir sogar, uns werde hier das Paradies angeboten. Diese Verkehrung ist der Kern seiner Diagnose. Nicht die Gefahr fehlt, sondern das Bewusstsein für sie. Nicht die Zeichen bleiben aus, sondern die Fähigkeit, sie zu lesen.

Wenzel spricht nicht als politischer Kommentator im üblichen Betriebssound der Gegenwart. Er spricht als einer, der die Verformungen von Sprache, Macht und Öffentlichkeit aus zwei deutschen Systemen kennt. Er hat das Ende der DDR erlebt, aber auch den geistigen Umbau der vereinigten Bundesrepublik. Gerade diese doppelte Erfahrung schärft seinen Blick. Denn wer einmal erlebt hat, wie ein politisches System den Kontakt zur Wirklichkeit verliert, erkennt die Geräusche des Realitätsverlustes früher als andere. Sie klingen heute anders als damals. Aber sie klingen.

Sein Gespräch mit Baab ist deshalb mehr als eine politische Lagebeschreibung. Es ist eine Kulturdiagnose, eine Sprachkritik, eine Anklage gegen die Theatralisierung der Macht und eine Verteidigung des Humanum gegen die neue Kälte. Wenzel spricht als Poet, aber nicht im harmlosen Sinne des empfindsamen Beobachters. Er spricht als einer, der weiß, dass Poesie nicht Flucht aus der Wirklichkeit sein muss, sondern ein genaueres Instrument zur Vermessung der Wirklichkeit. Dort, wo die politische Sprache verödet, kann das Gedicht noch sagen, was die Pressekonferenz nicht mehr zu denken wagt.

Der Ausgangspunkt ist Dantes Inschrift am Eingang zur Hölle: »Lasst alle Hoffnung fahren.« In Wenzels Deutung wird daraus kein Aufruf zur Resignation, sondern eine schmerzhafte Entziehungskur. Hoffnung kann eine Kraft sein, ohne die kein Mensch handelt. Aber Hoffnung kann auch ein Betäubungsmittel werden, ein ideologischer Weichzeichner, der die Konturen der Gefahr verwischt. Wer immer noch hofft, ohne zu begreifen, worauf diese Hoffnung sich stützt, kann in die Falle geraten, die Katastrophe zu verniedlichen. Dann wird Hoffnung nicht zur Schwester des Handelns, sondern zur Cousine der Verdrängung.

Wenzel greift dafür auf Heiner Müllers bitteren Satz zurück, Optimismus sei ein Mangel an Informationen. Das ist kein Lob der Depression. Es ist eine Warnung vor dem politischen Wellness-Optimismus, der den Menschen vorgaukelt, die Geschichte sei im Grunde vernünftig eingerichtet und werde sich am Ende schon irgendwie anständig benehmen. Gegen diese fromme Zuversicht setzt Wenzel die Forderung nach Klarsicht. Erst wenn die Apokalypse als Apokalypse benannt wird, besteht eine Chance, ihr zu entkommen. Wer das Feuer erst bemerkt, wenn die Tapeten brennen, nennt seine Passivität womöglich noch Gelassenheit.

Diese Gegenwart lebt von solchen Verwechslungen. Kriegstüchtigkeit wird als Verantwortung verkauft, Aufrüstung als Realismus, Feindbildpflege als moralische Klarheit. Die Sprache erledigt die Vorarbeit, bevor die Panzer rollen. Was früher nach deutscher Katastrophenerfahrung mindestens erklärungsbedürftig gewesen wäre, tritt heute wieder mit erhobenem Haupt auf. Militärische Begriffe werden gereinigt, entgiftet, mit demokratischem Duftspray versehen. Das Grauen des Krieges verschwindet hinter der technischen Rede von Fähigkeiten, Lieferketten, Abschreckung, Flanken, Bündnisverpflichtungen. Die Toten kommen darin nur noch als abstrakte Masse vor, als statistischer Schatten am Rand der Strategie.

Wenzel erinnert daran, dass der Krieg auch ein Bilderregime ist. Wer die Bilder des Leidens nicht sieht, verliert die Fähigkeit zur Empörung. Während der Vietnamkrieg noch durch Bilder in westliche Wohnzimmer einbrach, sind heutige Kriege häufig medial gefiltert, umcodiert oder gleich in den Verdacht der Manipulation gestellt. Sichtbarkeit wird selbst zur Front. Was gezeigt wird, gilt als Beweis; was nicht gezeigt wird, verschwindet aus dem Bewusstsein. Und was dennoch auftaucht, kann als Fälschung, Propaganda oder Kontextlosigkeit entsorgt werden.

So entsteht eine merkwürdige moralische Schizophrenie. Der einzelne Tod erschüttert, wenn er nahe genug ist. Der massenhafte Tod ermüdet, wenn er weit genug entfernt und oft genug wiederholt wird. Man trauert um das Gesicht, aber man gewöhnt sich an die Zahl. Das ist vielleicht eine der unheimlichsten Leistungen moderner Öffentlichkeit: Sie kann ungeheures Leid vermitteln und zugleich neutralisieren. Sie macht die Welt sichtbar und stumpft den Blick ab.

Wenzels Gedicht »In den Ländern schläft der Krieg« verdichtet diese Einsicht. Der Krieg erscheint darin nicht als bloßes Ereignis, sondern als Ungeheuer, das in den Ländern schlummert und nur auf seine Weckrufe wartet. Wenn es erwacht, verlangt es Musik, Feuer, Sprüche, Waffen, Menschenopfer. Das ist keine Metapher aus einem vergangenen Jahrhundert. Es ist die Beschreibung eines wiederkehrenden Mechanismus: Der Krieg braucht immer eine Bühne. Er braucht Fahnen, Pathos, Parlamentsreden, Börsengewinne, moralische Überhöhung. Er braucht den Feind, der so böse sein muss, dass gegen ihn jedes Mittel vernünftig wirkt.

Hier berührt Wenzel den Punkt, an dem seine Kritik über Pazifismus im engeren Sinne hinausgeht. Er fragt nicht nur, warum Kriege geführt werden, sondern warum Gesellschaften bereit sind, ihre Vernunft an Kriegsnarrative abzugeben. Seine Antwort führt in die verdrängte Ökonomie. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, so seine Diagnose, sei die Fähigkeit verkümmert, kapitalistische Verhältnisse als kapitalistische Verhältnisse zu analysieren. Die Begriffe Demokratie und Diktatur haben die Begriffe Eigentum, Profit, Klasse, Kapital und Produktionsverhältnisse an den Rand gedrängt. Gesellschaften werden moralisch etikettiert, aber ökonomisch nicht mehr verstanden.

Das ist keine akademische Kleinigkeit. Wer Krieg nur als Kampf zwischen Demokratie und Despotie beschreibt, sieht nicht mehr, welche Interessen an ihm hängen. Er sieht nicht mehr, wer verdient, wer zahlt, wer stirbt und wer die moralische Rede darüber verwaltet. Natürlich ist nicht jeder Konflikt auf Profitinteressen reduzierbar. Aber eine Öffentlichkeit, die den Zusammenhang von Krieg, Kapital, Ressourcen, Märkten und Macht nicht mehr denken will, hat sich selbst entwaffnet. Sie hält sich für moralisch klar, weil sie ökonomisch blind geworden ist.

Wenzel formuliert das drastisch: Bei Krieg gehe es offiziell immer um Ehre, nie um Geld. Genau darin liegt der Trick. Je pathetischer die Werte beschworen werden, desto gründlicher sollte man den Geldfluss prüfen. Nicht, weil Werte immer nur Masken wären. Sondern weil Macht am liebsten dort operiert, wo moralische Gewissheiten die kritischen Fragen verscheuchen. Wenn der Krieg erst einmal zur Bewährungsprobe der Freiheit erklärt ist, erscheint jeder Hinweis auf Interessen, Vorgeschichte oder Profite wie Verrat.

Diese Verengung zerstört auch den Demokratiebegriff. Wenzel erinnert an die kritische Psychologie und an die Unterscheidung zwischen sinnlich-vitalen Bedürfnissen und Realitätskontrolle. Demokratie besteht demnach nicht nur darin, wählen zu dürfen, konsumieren zu können und gelegentlich die Regierung zu beschimpfen. Demokratie hieße auch, die eigenen Lebensbedingungen mitgestalten zu können. Genau diese Fähigkeit aber nimmt ab. Die Menschen erleben Politik als etwas, das über sie hinweg geschieht. Sie dürfen ihre Stimme abgeben, aber sie bekommen ihre Realität nicht zurück.

Daraus entsteht Wut. Doch diese Wut findet keinen vernünftigen Ort. Sie wird verschoben, kanalisiert, moralisch sortiert, parteipolitisch absorbiert oder als Extremismus markiert. Die politische Struktur bietet vielen Menschen keine wirkliche Realitätskontrolle mehr, verlangt ihnen aber gleichzeitig Loyalität gegenüber Entscheidungen ab, die sie kaum beeinflussen können. Das ist der Stoff, aus dem sich Entfremdung bildet. Und Entfremdung ist der ideale Resonanzraum für autoritäre Verführungen wie für militaristische Ablenkungen.

Wenzel sieht in der neuen Kriegstüchtigkeit deshalb auch ein Management der Aufmerksamkeit. Der äußere Feind ordnet eine zerfallende Innenwelt. Wer im Inneren keine Lösungen mehr anzubieten hat, kann im Äußeren Entschlossenheit inszenieren. Unsicherheit verwandelt sich in Aggression. Fehlende Mehrheiten, politische Erschöpfung, soziale Spaltung und ökonomische Ratlosigkeit werden übertönt durch den Ruf nach Härte. Der Krieg, oder wenigstens die permanente Kriegsbereitschaft, erzeugt eine Scheinform von Gemeinschaft: Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche – die alte Parole kehrt im neuen Kostüm zurück.

Besonders scharf wird Wenzel, wenn er über die heutigen Eliten spricht. Man muss seine Polemik nicht in jeder Zuspitzung teilen, um den Kern zu erkennen: Die politische Klasse wirkt häufig nicht mehr wie eine Schicht, die Wirklichkeit analysiert, sondern wie ein Apparat, der Wirklichkeit verwaltet, simuliert und rhetorisch übersteht. Bürokratien wachsen, Beraterstäbe wachsen, Kommunikationsabteilungen wachsen, aber die Urteilskraft scheint zu schrumpfen. Die Maschine läuft, doch sie weiß nicht mehr, wohin.

Diese Diagnose mündet in Wenzels Bild von der Theatralisierung der Politik. Politiker erscheinen ihm zunehmend als Darsteller von Politikern. Sie beherrschen Gesten, Posen, Betroffenheitsroutinen, mediale Choreografien. Sie wissen, wann der Arm gehoben, wann die Stirn gerunzelt, wann die Stimme gebrochen werden muss. Politik wird zur Inszenierung von Haltung, nicht zur Arbeit am Begriff. Die Maske frisst das Gesicht.

Das ist ein entscheidender Unterschied zu früheren Formen politischer Repräsentation. Auch frühere Politiker inszenierten sich, selbstverständlich. Macht war nie ohne Theater. Aber Wenzel markiert einen Umschlag: Nicht mehr Politik bedient sich theatraler Mittel, sondern Theater ersetzt Politik. Der Auftritt wird wichtiger als die Analyse. Die Empörung ersetzt das Argument. Die Kränkung ersetzt die Souveränität. Wer kritisiert wird, reagiert nicht mit Gegenrede, sondern mit Empfindlichkeit, juristischer Drohung oder moralischer Exkommunikation.

In dieser Empfindlichkeit erkennt Wenzel ein Symptom der Macht. Besonders destruktive Politik brauche Unantastbarkeit. Wer das Nein, den Ausschluss, die Feinderklärung zur Grundlage seines Handelns macht, kann Widerspruch schwer ertragen. Er muss die eigene Position sakralisieren, weil sie argumentativ brüchig ist. Hier liegt ein psychologischer Kern seiner Kritik: Dünnhäutigkeit ist nicht das Gegenteil von Härte, sondern oft ihre Kehrseite. Wer innerlich unsicher ist, tritt äußerlich umso martialischer auf.

Die Medien, die diese Inszenierungen eigentlich durchleuchten müssten, sind in Wenzels Analyse vielfach Teil des Spiels geworden. Nicht, weil alle Journalisten korrupt wären. Diese Pauschalität vermeidet er ausdrücklich. Aber der Betrieb erzeugt Anpassung. Wer dazugehören will, muss die Mitte suchen, und wer Macht analysieren will, muss eigentlich an den Rand treten. Journalismus, der sich im Zentrum der Macht wohlfühlt, verliert die Fähigkeit, Macht von außen zu betrachten. Nähe wird zur charmanten Erpressung. Man wird eingeladen, eingebunden, gebraucht, geschmeichelt – und irgendwann verwechselt man Zugang mit Erkenntnis.

Hinzu kommt die Eigentumsfrage der Medien. Wenn wenige ökonomische Akteure große Teile der Öffentlichkeit prägen, wird Demokratie formal nicht abgeschafft, aber materiell verengt. Es herrscht dann nicht Zensur im alten Sinne, sondern eine Struktur der Erwartbarkeit. Bestimmte Fragen werden seltener gestellt, bestimmte Perspektiven schneller delegitimiert, bestimmte Milieus häufiger als vernünftig präsentiert. Die Mitte erscheint als Naturzustand, obwohl sie selbst ein Produkt von Macht, Geld, Gewohnheit und Wiederholung ist.

Damit sind wir beim vielleicht wichtigsten Motiv des Gesprächs: dem Verlust des Dialogs. Für Wenzel beginnt der Kipppunkt einer Gesellschaft dort, wo das ernsthafte Gespräch verschwindet. Dialog heißt nicht, dass alle nett zueinander sind. Dialog heißt, mit Gadamer gesprochen, die Möglichkeit zuzulassen, dass der andere recht haben könnte. Genau diese Möglichkeit wird in monologischen Kulturen abgeschafft. Man spricht nicht mehr, um zu erkennen, sondern um zu markieren. Man hört nicht mehr zu, um sich verändern zu lassen, sondern um den nächsten Abwehrsatz vorzubereiten.

Der Krieg ist für Wenzel der perfekte Monolog. Er ist die radikalste Form der Antwortverweigerung. Wo geschossen wird, muss nicht mehr verstanden werden. Wo der Feind als Barbar, Bestie oder absoluter Unmensch erscheint, ist das Gespräch bereits ermordet, bevor der Körper fällt. Deshalb beginnt Friedenspolitik nicht erst bei Verhandlungen, sondern bei der Wiederherstellung der Sprache, in der Verhandlungen überhaupt denkbar werden.

Hier liegt auch seine Kritik an Brandmauern, Denkverboten und diskursiven Ausschlüssen. Man muss diese Kritik sorgfältig lesen. Sie bedeutet nicht, dass demokratische Gesellschaften keine Grenzen gegenüber Menschenfeindlichkeit ziehen dürften. Aber Wenzel fragt, was geschieht, wenn der Ausschluss selbst zur politischen Methode wird. Wenn große Teile der Bevölkerung nur noch markiert, aber nicht mehr verstanden werden. Wenn das Gespräch mit dem falschen Milieu schon als Kontamination gilt. Dann schützt sich die Demokratie womöglich vor ihren Gegnern, verliert aber zugleich ein Stück ihrer eigenen Erkenntnisfähigkeit.

Das ist eine unbequeme Einsicht. Denn der Dialog mit dem Unerträglichen ist gefährlich. Er kann normalisieren, verharmlosen, instrumentalisieren. Aber der verweigerte Dialog hat ebenfalls einen Preis. Er überlässt ganze Erfahrungsräume denjenigen, die behaupten, allein noch zuzuhören. Demokratische Vernunft muss deshalb beides können: klare Grenzen ziehen und dennoch verstehen wollen, aus welchen sozialen, ökonomischen und kulturellen Kränkungen politische Verhärtung entsteht. Wer nur ausgrenzt, erklärt nichts. Wer alles erklärt, entschuldigt womöglich zu viel. Die Kunst besteht darin, beides nicht zu verwechseln.

Wenzels Sprachkritik führt noch tiefer. Sprechverbote sind für ihn Herrschaftsinstrumente, weil sie die Wirklichkeit unbenennbar machen. Das Märchen von Rumpelstilzchen dient ihm als präzises Bild: Erst als der Name des Ungeheuers bekannt ist, verliert es seine Macht. Politik, die Namen verbietet, schützt nicht die Wahrheit, sondern oft das Ungeheuer. Eine Gesellschaft, die bestimmte Zusammenhänge nicht mehr aussprechen kann, verliert die Fähigkeit, sie zu bearbeiten.

Das betrifft Krieg, Kapital, Corona, Gaza, Ukraine, Sanktionen, Meinungsfreiheit, historische Verantwortung. Wenzel zählt lauter Felder auf, in denen die Sprache vermint ist. Wer fragt, gerät unter Verdacht. Wer kontextualisiert, wird der Parteinahme bezichtigt. Wer auf Vernunft statt Waffen setzt, wird moralisch einsortiert. So entsteht keine aufgeklärte Öffentlichkeit, sondern ein Gelände voller Warnschilder: Hier nicht denken. Dort nicht vergleichen. Diese Frage nicht stellen. Dieses Wort nicht verwenden. Jene Trauer nicht zeigen.

Natürlich gibt es auch eine Gefahr der falschen Gleichsetzung, der geschichtsvergessenen Analogie, der zynischen Relativierung. Nicht jede Tabuisierung ist Unterdrückung; manche ist das Ergebnis historischer Sensibilität. Aber Wenzels Punkt bleibt: Wenn Sensibilität in Denkverbote umschlägt, wird sie selbst autoritär. Dann schützt sie nicht mehr die Opfer, sondern die offiziellen Deutungen. Dann wird Sprache nicht verfeinert, sondern verengt.

Gerade deshalb misst Wenzel der Kunst eine politische Bedeutung bei. Nicht als Parteikunst, nicht als platte Agitation, nicht als moralische Belehrungsmaschine. Kunst ist wichtig, weil sie Sprachräume offenhalten kann, in denen Wirklichkeit anders erfahrbar wird. Sie kann Mehrdeutigkeit aushalten, Widerspruch gestalten, Schmerz hörbar machen, ohne ihn sofort in Programmform zu pressen. Doch Wenzel sieht diese Funktion bedroht. Realistische, kritische Kunst sei an den Rand gedrängt worden, während ein Betrieb entstanden sei, der vor allem Unterhaltung, Distinktion und psychologische Wellness liefere.

Das ist eine harte Abrechnung mit dem Kulturbetrieb. Sie trifft nicht jede Bühne, nicht jedes Buch, nicht jedes Konzert. Aber sie trifft eine Tendenz: Kunst wird dort harmlos, wo sie sich vor allem dem Milieu bestätigt, das sie bezahlt, besucht und bespricht. Wenn Theater nur noch die Schickeria ihrer eigenen moralischen Überlegenheit versichert, verliert es seine gesellschaftliche Funktion. Wenn Literatur nur noch Befindlichkeiten kuratiert, während die Welt brennt, wird sie zum ästhetischen Raumduft. Wenzels Gegenbild ist Brecht: Was sind das für Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über Untaten einschließt?

Der Intellektuelle ist für Wenzel dennoch kein Tribun, der von oben herab Wahrheiten verkündet. Er braucht einen Gebrauchszusammenhang. Jemand muss ihm die Wahrheit abverlangen. Brechts Zöllner, der die Niederschrift des Tao Te King ermöglicht, wird deshalb zur Figur einer Öffentlichkeit, die noch fordert, fragt, herauslockt. Heute fehlt dieser Zöllner oft. Es gibt viele Gedanken, aber wenige Orte, an denen sie wirksam werden können. Verlage, Zeitungen, Bühnen, Sender und Akademien folgen eigenen Logiken. Wer quer steht, muss nicht verboten werden; es reicht oft, ihn nicht einzuladen.

Das Gespräch gewinnt seine eigentliche Wärme dort, wo Wenzel vom Humanum spricht. Bei aller Schärfe seiner Kritik ist er kein Apokalyptiker aus Lust am Untergang. Seine Härte kommt aus einer verletzten Menschenfreundlichkeit. Er beharrt darauf, dass wir zur gleichen Gattung gehören. Genau das wird im Krieg bestritten. Der Feind wird aus dem Kreis des Menschlichen herausdefiniert, damit seine Vernichtung moralisch erträglich wird. Humanität beginnt deshalb nicht mit großen Erklärungen, sondern mit der Weigerung, den anderen vollständig aus der menschlichen Gemeinschaft auszustoßen.

Diese Rückkehr zum Humanum ist kein sentimentales Projekt. Sie ist eine Überlebensfrage. Wenzel verbindet ökologische, militärische und geistige Krisen zu einer Gattungsfrage: Der Mensch bedroht nicht nur einzelne Ordnungen, sondern seine eigenen Existenzbedingungen. Er zerstört Natur, Sprache, Erinnerung, Dialog, Maß. Er verliert das Bewusstsein für Grenzen und nennt diese Hybris Fortschritt. Der Westen, so Wenzel, steht an einem kulturellen Endpunkt, weil seine Überlegenheitsgewissheit erschöpft ist. Die Zivilisation, die einst glaubte, die Welt belehren zu können, steht vor dem Scherbenhaufen ihrer eigenen Arroganz.

Man muss diese These nicht als vollständige Zivilisationsbilanz übernehmen, um ihren Wahrheitskern zu erkennen. Der Westen spricht gern von universellen Werten, hat aber zu oft partikular gehandelt. Er verteidigt das Völkerrecht selektiv, Menschenrechte interessengeleitet, Freiheit dort besonders laut, wo sie geopolitisch passt. Diese Doppelmoral ist nicht neu, aber sie wird in einer multipolaren Welt weniger widerspruchslos hingenommen. Wenzel sieht deshalb Hoffnung eher außerhalb des westlichen Zentrums: in Afrika, Indien, China, den BRICS-Staaten, in jenen Räumen, die der Westen lange als Objekte seiner Belehrung behandelt hat.

Auch diese Hoffnung ist ambivalent. Andere Machtzentren sind nicht automatisch humaner, nur weil sie nicht westlich sind. Multipolarität garantiert keine Gerechtigkeit. Aber sie beendet die Selbstverständlichkeit westlicher Dominanz. Und vielleicht liegt darin tatsächlich eine Chance: Nicht die Ablösung einer Hybris durch die nächste, sondern die erzwungene Einsicht, dass keine Zivilisation das Monopol auf Vernunft besitzt.

Besonders eindringlich wird Wenzel, wenn er über Erfahrung spricht. Er unterscheidet Information von Erfahrung. Die junge Generation, sagt er, könne alles abrufen, aber Abrufbarkeit sei noch keine Haltung. Wer Geschichte nur als Datenbestand kennt, besitzt noch keine innere Beziehung zu ihren Schrecken. Wenzel selbst wurde von Menschen geprägt, die Krieg, Faschismus, Konzentrationslager, Exil und Widerstand nicht aus Dokumentationen kannten, sondern als Erfahrung in sich trugen. Von ihnen lernte man nicht nur Fakten, sondern Maßstäbe.

Das ist ein entscheidender Gedanke. Eine Gesellschaft kann unendlich viel erinnern und trotzdem erfahrungslos werden. Sie kann Gedenktage begehen, Museen finanzieren, Reden halten und doch die innere Sperre gegen den nächsten Krieg verlieren. Erinnerungspolitik wird leer, wenn sie nicht in Urteilskraft übersetzt wird. Wer aus der Geschichte nur lernt, welche Seite heute die Guten sind, hat nichts gelernt. Wer aus ihr lernt, wie schnell Menschen andere entmenschlichen, wie leicht Sprache verroht, wie bereitwillig Eliten Katastrophen rationalisieren, der beginnt vielleicht zu verstehen.

Am Ende kehrt Wenzel zur Hoffnung zurück, aber anders, gebrochener. Hoffnung darf nicht blind machen. Sie darf nicht die Katastrophe übermalen. In der von ihm zitierten Prometheus-Variation liegt eine erschütternde Umkehrung: Die Menschen konnten einst in die Zukunft sehen, hielten diese Klarsicht aber nicht aus. Also gab Prometheus ihnen die Hoffnung – und seitdem sehen sie die Katastrophen nicht mehr. Hoffnung erscheint hier nicht als Licht, sondern als Schleier.

Und doch endet Wenzel nicht bei der Verzweiflung. Er unterscheidet Hoffnungslosigkeit von Depression. Verzweiflung kann wach sein. Sie kann die Illusionen abstreifen und gerade dadurch handlungsfähig werden. Die kleine Chance besteht nicht darin, sich einzureden, alles werde gut. Sie besteht darin, die Gefahr so klar zu sehen, dass Ausweichen möglich wird. Klarsicht ist keine Garantie. Aber Blindheit ist fast sicher tödlich.

Der Essay, der aus diesem Gespräch hervorgeht, ist deshalb kein Nachruf auf die Vernunft, sondern ein Alarmruf an sie. Vernunft ist nicht die kühle Verwaltung des Bestehenden. Vernunft heißt, Zusammenhänge wiederherzustellen: zwischen Krieg und Geld, Sprache und Macht, Medien und Eigentum, Kunst und Wirklichkeit, Erinnerung und Gegenwart, Demokratie und Realitätskontrolle. Vernunft heißt, die moralischen Kulissen beiseitezuschieben und zu fragen, wer sie gebaut hat. Vernunft heißt, den Feind nicht zu lieben, aber ihn nicht aus der Menschheit zu entlassen. Vernunft heißt, der Hoffnung so lange zu misstrauen, bis sie wieder einen Grund hat.

Wenzel steht mit beiden Beinen in der DDR, heißt es im Gespräch, und wirkt doch ohne Niveauverlust im vereinigten Deutschland weiter. Vielleicht ist das zu bescheiden formuliert. Gerade seine doppelte Erfahrung macht ihn zu einem unbequemen Zeugen. Er erkennt im Westen Töne, die der Westen selbst nicht hören will. Er erkennt im heutigen Deutschland nicht die DDR, aber er erkennt Mechanismen des Verfalls: Monolog statt Dialog, Inszenierung statt Analyse, Loyalitätsdruck statt Wahrheitssuche, moralische Formeln statt Wirklichkeitssinn.

Das Tor zur Vorhölle ist deshalb kein Ort am Ende der Welt. Es steht mitten im Alltag. Es steht in Nachrichtensendungen, wenn Krieg wie Wetterbericht klingt. Es steht in Parlamenten, wenn große Worte fallen und kleine Zweifel verschwinden. Es steht in Feuilletons, wenn Kunst sich selbst genügt. Es steht in Talkshows, wenn Erkenntnis durch Erregung ersetzt wird. Es steht in Schulen, wenn Information Erfahrung verdrängt. Es steht in Köpfen, wenn Hoffnung zur Ausrede wird.

Vielleicht ist der erste Schritt zurück zur Vernunft tatsächlich der unromantischste: die Dinge wieder beim Namen nennen. Krieg ist Krieg. Profit ist Profit. Angst ist Angst. Propaganda ist nicht nur das, was die anderen tun. Demokratie ist mehr als die Verwaltung periodischer Zustimmung. Kunst ist mehr als Wellness für gebildete Milieus. Und Menschlichkeit beginnt dort, wo man sich weigert, den Tod der anderen als strategisches Material zu behandeln.

Wenzel verlangt viel. Vielleicht mehr, als eine müde, zerstreute und moralisch überreizte Öffentlichkeit noch bequem ertragen möchte. Aber genau darin liegt die Dringlichkeit seiner Diagnose. Denn wer am Tor zur Vorhölle steht, braucht keine Beschwichtigung. Er braucht ein Auge, das sich nicht abwendet, eine Sprache, die noch trifft, und eine Vernunft, die nicht kapituliert, nur weil der Irrsinn gerade regierungsfähig wirkt.

Die kleine Chance, diesem Unsinn zu entkommen, liegt nicht in der großen Rettungserzählung. Sie liegt in der Wiederaufnahme des Gesprächs, in der Rückeroberung der Begriffe, in der Weigerung, sich in Feindbilder einsperren zu lassen, in der Fähigkeit, Angst nicht in Aggression zu übersetzen. Sie liegt vielleicht auch in jener Kunst, die noch weiß, dass ein Lied, ein Gedicht, ein Satz nicht die Welt rettet, aber den Menschen daran hindern kann, sich mit ihrer Zerstörung abzufinden.

Das wäre kein Paradies. Aber es wäre ein Anfang. Und vielleicht ist das in Zeiten, in denen die Vorhölle als Normalbetrieb erscheint, schon mehr, als die Verwalter des Weiter-so vorgesehen haben.

About the author

Holger Elias

Studien der Journalistik und Kommunikations-Psychologie. War beruflich als Korrespondent und Redakteur bei Nachrichtenagenturen (reuters, cna usw.), für überregionale Tageszeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen tätig. Lebte und arbeitete knapp acht Jahre als EU-Korrespondent in Brüssel. Als Verleger und Publizist gab er knapp 140 Buchtitel heraus.

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