Mutig oder wohlfeil? Sollte die AfD den Landrat im Kreis Saalfeld-Rudolstadt stellen, will Theaterintendant Steffen Mensching seinen Posten räumen.Veröffentlicht im “nd” am 19.06.2026.
Steffen Mensching, Intendant und Geschäftsführer des Rudolstädter Theaters, hat wissen lassen, dass er bei einem Wahlsieg des AfD-Kandidaten Thomas Benninghaus in der Landratsstichwahl die schnellstmögliche Auflösung seines Vertrags anstreben wolle. Es gehe um Vertrauen. Ein Theater brauche ein verlässliches Verhältnis zur politischen Spitze des Landkreises.
Gewiss. Es braucht aber auch etwas, das im Kulturbetrieb gern auf Plakaten erscheint und im Ernstfall auffallend rasch an der Garderobe abgegeben wird: Standhaftigkeit.
Es geht nicht darum, ob man einen AfD-Landrat politisch harmlos finden muss. Wer die Normalisierung der extremen Rechten als Wetterlage behandelt, die man mit Regenschirm übersteht, negiert den Klimawandel und unterschätzt die Kälte, die von ihr ausgeht. Es geht also vielmehr darum, was aus einer öffentlich finanzierten Kulturinstitution wird, wenn ihr Leiter den Bürgern noch vor der Stichwahl mitteilt: Wählt ihr falsch, entziehe ich euch meine Gegenwart. Das ist die kulturpolitische Variante des Türenschlagens.
Natürlich darf ein Intendant persönliche Konsequenzen ziehen. Niemand ist verpflichtet, unter jeder politischen Konstellation jedes Amt auszuüben. Auch künstlerische Leitung ist keine Leibeigenschaft am Musentempel. Aber zwischen einer persönlichen Gewissensentscheidung und einer öffentlich platzierten Rücktrittsdrohung vor einer Wahl liegt ein Unterschied von erheblicher demokratischer Bedeutung.
Die unlängst zu Schiller-Theater umgetaufte Bühne in Rudolstadt ist kein Privatkabinett eines gekränkten Hausherrn. Sie gehört nicht dem Intendanten, nicht dem Landrat, nicht dem Aufsichtsrat und auch nicht der jeweiligen moralischen Wetterkarte des Feuilletons. Es ist eine öffentliche Einrichtung, getragen von Mitteln, Erwartungen, Arbeitsverhältnissen, Hoffnungen. Kaum jemand der dort Beschäftigten verfügt über den Luxus, die Provinz im Moment politischer Verdunkelung wie einen missglückten Premierenabend zu verlassen. Der Intendant aber führt dem Landkreis vor, wie man aus Verantwortung eine Pose macht.
Die bittere Pointe ist nicht etwa, dass Mensching ein Feigling wäre. Solche Etiketten sind billig und häufig falsch. Nein, seine Geste besitzt nur eine falsche Dramaturgie. Sie setzt genau dort auf Entzug, wo Präsenz nötig wäre. Sie antwortet auf den möglichen Triumph einer autoritären politischen Kultur nicht mit öffentlicher Streitlust, nicht mit künstlerischer Gegenrede, nicht mit einer radikalen Öffnung des Hauses, sondern mit dem Signal: Dann eben ohne mich. Für eine Bühne ist das ein merkwürdiger Reflex. Das Theater, seit Jahrhunderten ein Ort, an dem Macht verspottet, Herrschaft befragt und Untertanengeist zerlegt werden sollte, droht mit Selbstverkleinerung, sobald die Macht vor der eigenen Haustür unangenehm wird.
Man kann darin einen neuen Typus bürgerlichen Widerstands erkennen: den Abwesenheitsantifaschismus. Er tritt nicht auf den Marktplatz, er verlässt ihn. Er lebt von der tröstlichen Vorstellung, dass der Rückzug eines prominenten Kulturmenschen die Gewissen erschüttern werde. Vielleicht tut er das bei jenen, die ihn ohnehin verehren. Bei allen anderen dürfte der Effekt überschaubar sein. Solche Gesten sind sogar Treibstoff für jene Erzählung, nach der »die da oben« dem Volk vorschreiben wollten, wie es zu wählen habe.
Dabei wäre gerade Rudolstadt der Ort, an dem Kultur mehr leisten müsste als die Verwaltung des eigenen Anstands. Eine Landratswahl, bei der ein AfD-Kandidat im ersten Wahlgang über 40 Prozent erhält, ist kein meteorologischer Unfall. Sie ist ein Befund. Er erzählt von Entfremdung, sozialer Unsicherheit, politischer Verachtungserfahrung, von medialer Erregung, tatsächlichen Problemen und falschen Antworten. Er erzählt auch von einer demokratischen Öffentlichkeit, die große Worte über Bildung, Teilhabe und Aufklärung führt, aber offenbar einen wachsenden Teil der Bevölkerung nicht mehr erreicht.
Das heißt nicht, die AfD zu verharmlosen. Gerade weil ihre politische Normalisierung real ist, darf Kultur nicht auf die bequemste aller Gesten ausweichen: Selbstrettung. Wer einen autoritären Gegner ernst nimmt, muss die Orte verteidigen, an denen Öffentlichkeit noch möglich ist. Das Theater könnte ein solcher Ort sein. Nicht als pädagogische Strafanstalt für falsch wählende Untertanen, sondern als Werkstatt des Widerspruchs.
Stattdessen steht nun eine Drohung im Raum. Sie hat etwas von pädagogischem Liebesentzug. Die Botschaft lautet: Ich habe euch so viel Demokratie vorgespielt. Und nun enttäuscht ihr mich! Darin steckt die Tragik eines Kulturbewusstseins, das sich selbst für aufklärerisch hält, aber im entscheidenden Moment Aufklärung mit Gehorsam verwechselt. Demokratie ist jedoch kein Seminar, in dem der Dozent am Ende prüft, ob die Teilnehmer die richtige Haltung angekreuzt haben. Demokratie ist auch das Zumuten falscher Entscheidungen, der Kampf um Mehrheiten, die Auseinandersetzung mit Irrtümern, die Anerkennung des Stimmrechts selbst dort, wo das Ergebnis schmerzt.
Menschings Satz ist daher weniger mutig, als er klingt. Mutig wäre es, zu sagen: Wenn Benninghaus Landrat wird, bleibe ich erst recht. Nicht aus Unterwerfung, sondern aus Widerstand. Ich bleibe, nicht um die AfD zu hofieren, sondern um ihr keine kulturelle Ruine zu überlassen. Nicht weil Vertrauen garantiert wäre, sondern weil Misstrauen manchmal der Anfang politischer Klarheit ist.
Vielleicht ist Menschings Drohung gar nicht als Erpressung gemeint, sondern als Hilferuf. Vielleicht sagt hier einer, der seit Jahren in einer politisch verschärften Region arbeitet: Ich kann nicht mehr. Das sollte man nicht wegwischen. Kulturarbeit im AfD-Land ist kein Spaziergang zwischen Sektglas und Premierenkritik. Aber gerade dann wäre Präzision nötig gewesen: Welche Bedingungen braucht das Theater? Wie schützt man Beschäftigte, künstlerische Freiheit, Spielplan und Finanzierung? Aus einer solchen Analyse hätte eine öffentliche Debatte entstehen können. Stattdessen wurde daraus eine Wahlkampfszene.
Was wäre also die bessere Antwort? Nicht Schweigen. Nicht Beschwichtigung. Nicht die sentimentale Formel, man müsse nun alle wieder liebhaben. Eine bessere Antwort wäre ein öffentlicher Vertrag mit der eigenen Region: Wir bleiben. Wir widersprechen. Wir laden ein. Wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir lassen uns aber auch nicht in die Rolle der beleidigten Vormundschaft drängen.
Ein Theater, das so spräche, wäre gefährlicher für die AfD als jede Rücktrittsdrohung. Denn es würde ihr nicht die Bühne räumen. Es würde den Konflikt dorthin holen, wo Sprache, Geste, Widerspruch und Gelächter noch etwas vermögen. Es würde zeigen, dass Kultur nicht die Belohnung für richtiges Wählen ist, sondern ein öffentliches Gut, das gerade in falschen Zeiten gebraucht wird.
Ich möchte Mensching zurufen: Bleiben Sie! Nicht, weil Sie unersetzlich wären. Niemand ist das, nicht einmal im deutschen, ländlich geprägten Stadttheater. Bleiben Sie auch nicht, weil der Landkreis Ihnen Dank schuldet. Öffentliche Kultur ist kein Lehen. Bleiben Sie, weil der Satz »Wenn die Rechten kommen, gehen die Künstler« der schlechteste Werbeslogan ist, den die Demokratie sich leisten kann. Bleiben Sie, um zu streiten, zu nerven, zu widersprechen, um zu blamieren, zu entlarven, zu spielen. Bleiben Sie, um dem möglichen Landrat nicht den Triumph zu schenken, dass die Bühne sich selbst verdunkelt.
