Hormus oder das Ende der unipolaren Seeherrschaft

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Wer über die Straße von Hormus spricht, der spricht über ein Nadelöhr, in dem sich Energie, Krieg, Versicherungsprämien, Völkerrecht, Großmachtpolitik und die nackte Panik der Märkte auf wenigen Seemeilen zusammendrängen. Genau dort setzt die Sendung »China widersetzt sich Trump – scheitert die Blockade?« an, die von Reason2Resist produziert, am 14. April 2026 auf YouTube veröffentlicht und am 17. April 2026 von acTVism aufgegriffen wurde. Im Zentrum stehen Dimitri Lascaris, der sich selbst als Journalist, Anwalt und Aktivist beschreibt und als Investigativjournalist und Menschenrechtsanwalt vorgestellt wird, sowie Rami Yahia, den acTVism als politischen Analysten, Kommentator und Co-Host der Reihe charakterisiert. Schon diese Konstellation ist Teil der Aussage: Hier sprechen keine neutralistischen Verwaltungsbeamten der Gegenwart, sondern Akteure eines dezidiert antiimperialen Blicks auf Weltpolitik. (1)

Die große Stärke des Gesprächs liegt darin, dass es die amerikanischen Maßnahmen nicht als bloß militärisches Detail behandelt, sondern als Symptom eines tieferen Problems: Washington versucht, verlorene politische Verfügung durch maritime Zwangsmacht zu ersetzen. Allerdings muss man die Ausgangslage präzise benennen. Belastbare Agenturberichte beschreiben die US-Maßnahmen nicht als vollständige Sperrung der gesamten Meerenge für jeden Verkehr, sondern als Blockade gegen iranische Schiffe, iranische Häfen und mit Iran verbundene Verkehre. Selbst Großbritannien hat diesen Unterschied ausdrücklich markiert und erklärt, die eigene Linie richte sich auf die Öffnung der Wasserstraße, nicht auf die Unterstützung einer US-Blockade. Gerade diese Differenz ist analytisch entscheidend: Die USA kontrollieren also nicht einfach »Hormus«, sondern versuchen, Iran an seiner maritimen Lebensader zu packen, ohne die globale Lebensader völlig abzuklemmen. (2)

Lascaris beginnt im Transkript fast spöttisch. Die Vorstellung, eine Blockade »gegen die Blockade« durchzusetzen, nennt er eine »absurde Idee«. Hinter der Polemik steckt aber ein ernstes Argument. Er ordnet die iranischen Häfen zunächst geografisch und militärisch. Das ist mehr als Kartengymnastik. Wer die Häfen kontrollieren will, muss unterscheiden zwischen nördlichen Anschlüssen, den Häfen im Persischen Golf und jenen Anlagen, die außerhalb des eigentlichen Flaschenhalses liegen. Der sachliche Kern dieser Überlegung wird von Energie- und Schifffahrtsdaten gestützt: Hormus bleibt der entscheidende Engpass, weil dort 2024 im Schnitt 20 Millionen Barrel pro Tag hindurchgingen; alternative Umleitungen existieren zwar, sind aber begrenzt. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen über gewisse Ausweichkapazitäten per Pipeline, Iran selbst aber nur in deutlich kleinerem Umfang. Das heißt: Wer iranische Häfen und Ausfahrten kontrollieren will, setzt nicht an irgendeinem Küstenstreifen an, sondern am neuralgischen Punkt der gesamten Golfökonomie. (3)

Besonders eindrucksvoll ist, wie Lascaris das Problem der Distanz entfaltet. Seine These lautet: Je weiter die blockierenden Schiffe vom eigentlichen Hafen entfernt operieren müssen, desto größer wird der Ressourcenbedarf. Nah am Ziel bräuchte man wenige Einheiten; weit draußen »eine Armada«. Der präzise operative Befund der Sendung lässt sich nicht in allen Einzelheiten verifizieren. Die sehr konkreten Aussagen über den Zustand einzelner US-Trägergruppen oder über sichere Versenkungsszenarien gehen über das hinaus, was die belastbaren, frei zugänglichen Quellen hergeben. Der Grundgedanke aber ist plausibel und wird indirekt durch die aktuelle Praxis bestätigt: Reuters und AP beschreiben, dass US-Kriegsschiffe ihre Blockade außerhalb der iranischen Küstennähe und jenseits des eigentlichen Nadelöhrs im Golf von Oman und angrenzenden Seegebieten durchsetzen; zugleich meldeten die USA bis heute, dass 19 Schiffe umgedreht seien. Das ist kein Bild souveräner Nahkontrolle, sondern eines aufwendigen Fernzugriffs. (4)

Hier trifft die Sendung einen wunden Punkt der amerikanischen Macht. Selbst wenn eine Blockade militärisch technisch durchsetzbar bleibt, wird sie ökonomisch und politisch mit jedem Tag teurer. Denn die eigentliche Wirkung entsteht nicht erst durch das Stoppen eines Tankers, sondern schon durch die Verwandlung von Seehandel in ein Risikogeschäft. Rami Yahia weist im Gespräch darauf hin, dass nicht nur direkte Angriffe, sondern schon die Drohung mit Drohnen, Minen und asymmetrischen Attacken die Versicherungsprämien hochtreiben könne. Genau das spiegeln die aktuellen Reaktionen der Branche: Reedereien und Verbände begrüßen die Aussicht auf Öffnung, verlangen aber Klarheit zu Minen, Routen, Gebühren, Kommunikationskanälen und Sicherheitsgarantien. Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation spricht zugleich von rund 20.000 betroffenen Seeleuten in der Region. Das heißt: Die Blockadepolitik produziert ein Klima, in dem jedes Containerschiff und jeder Tanker zugleich Frachtgut und politischer Testfall wird. (5)

Ab Minute sieben verschiebt sich der Schwerpunkt der Sendung von der Geografie zur großen Frage nach China. Lascaris deutet die amerikanische Maßnahme nicht nur als Eskalation gegen Iran, sondern als Eskalation gegen China. Das ist der Punkt, an dem das Gespräch sein eigentliches Gewicht bekommt. Denn China ist nicht bloß Beobachter. Reuters berichtet, dass Peking die US-Blockade als gegen globale Interessen gerichtet kritisiert hat; China war vor dem Krieg Hauptabnehmer iranischen Öls. Gleichzeitig versucht die chinesische Führung, ihre Energieimporte zu diversifizieren, Reserven auszubauen und diplomatisch eine Rolle als deeskalierende Macht zu spielen, ohne sich offen in eine militärische Konfrontation hineinzuziehen. Anders gesagt: Die Sendung erkennt richtig, dass Hormus nicht nur Washington gegen Teheran, sondern auch Washington gegen Pekings Energieinteressen auflädt. Aber sie unterschätzt stellenweise Chinas Vorsicht. Peking spielt nicht den Revolverhelden, sondern den geduldigen Buchhalter einer multipolaren Krise. (6)

In diesem Zusammenhang gewinnt die Passage über chinesische Schiffe ihre Brisanz. Lascaris liest die Durchfahrt eines chinesisch verbundenen Tankers als demonstrativen Federhandschuh. Tatsächlich zeigen Reuters-Daten, dass selbst unter Blockadebedingungen ein sanktionierter, chinesisch geführter Tanker durch Hormus lief, ehe er später wieder umkehrte beziehungsweise nahe Iran vor Anker ging. Das ist wichtig, aber anders, als es im Ton der Sendung klingt. Es beweist weniger eine unmittelbar bevorstehende chinesisch-amerikanische Seeschlacht als vielmehr die Fragilität der US-Durchsetzung: Die Blockade ist wirksam genug, um Schiffe abzudrängen, aber nicht so wasserdicht, dass sie jeden Transit sofort in ein Schwarz-Weiß-Schema von Erfolg oder Scheitern verwandeln könnte. Gerade darin liegt ihr politisches Problem. Eine Blockade, die sich als total gibt, aber in der Praxis Grauzonen, Umwege und symbolische Durchfahrten produziert, demontiert ihre eigene Aura der Unwiderstehlichkeit. (7)

Rami Yahia setzt den Gegenakzent, wenn er sagt, Trump habe »keine Karten mehr in der Hand« und blockiere den Zugang nun selbst, damit es nicht so aussehe, als kontrolliere Iran die Lage. Das ist zugespitzt, aber analytisch fruchtbar. Denn der aktuelle Zustand ist widersprüchlich: Iran erklärte die Meerenge für den kommerziellen Verkehr wieder geöffnet, die USA halten ihre Blockade gegen Iran aber ausdrücklich aufrecht. Gleichzeitig berichten Reuters und andere Medien, dass Teheran eine Koordination mit der iranischen Hafen- und Revolutionsgardenstruktur verlangt und Durchfahrten an von Iran definierte Routen bindet. Die EU wiederum wendet sich gegen Transitgebühren mit dem Hinweis, internationale Wasserstraßen müssten offen und frei von Gebühren bleiben. Genau hier sitzt der eigentliche Streit: Wer bestimmt die Bedingungen des Durchgangs? Nicht nur, ob gefahren werden darf, sondern zu wessen Bedingungen. (8)

Man muss deshalb die wirtschaftliche Dimension gegen jede militärische Schlagzeile verteidigen. Hormus ist keine regionale Nebenader, sondern ein globales Steuerungsorgan. Nach Angaben der US-Energiebehörde liefen 2024 mehr als ein Viertel des weltweiten seewärtigen Ölhandels und rund ein Fünftel des LNG-Handels durch diese Passage. 84 Prozent der dort bewegten Rohöl- und Kondensatmengen gingen nach Asien; besonders betroffen wären China, Indien, Japan und Südkorea. Insofern ist Lascaris’ Frage, wie Japan oder Südkorea reagieren sollen, wenn Washington ihre Versorgung in einen geopolitischen Hebel verwandelt, keine rhetorische Volte, sondern der Kern des Problems. Die USA riskieren mit jeder Verschärfung, ihre eigenen Bündnissysteme mit den Kosten ihrer Strategie zu belasten. (9)

Die ökonomischen Warnlampen blinken längst. Der IWF hat seine globale Wachstumsprognose für 2026 auf 3,1 Prozent gesenkt und zugleich auf höhere Inflation sowie größere Finanzstabilitätsrisiken verwiesen. Die Internationale Energieagentur warnt, dass der Wiederaufbau ausgefallener Energieproduktion in der Region bis zu zwei Jahre dauern könne. UNCTAD hebt neben Öl und Gas auch Düngemittel, Frachtkosten, Bunkerpreise und die Gefahr steigender Lebensmittelpreise hervor. Christine Lagarde sprach heute in Washington von erheblichen Risiken für Wachstum und Inflation in der Eurozone. Vor diesem Hintergrund sind die Sätze in der Sendung über den möglichen weltwirtschaftlichen Rückschlag alles andere als bloße Alarmistik. Sie treffen einen realen Zusammenhang: Hormus ist der Ort, an dem geopolitische Eskalation in Alltagsinflation übersetzt wird. (10)

Bemerkenswert ist zudem, wer sich der amerikanischen Linie nicht anschließt. Großbritannien hat eine Beteiligung an der Blockade abgelehnt. Stattdessen treiben London und Paris eine defensive, möglichst neutrale Mission zur Sicherung der freien Navigation, Minenräumung und Lageaufklärung voran; mehr als ein Dutzend Staaten haben Bereitschaft signalisiert, sich unter den richtigen Bedingungen zu beteiligen. Das ist geopolitisch aufschlussreich. Selbst enge Verbündete Washingtons möchten nicht in eine Politik hineingezogen werden, die wie kollektive Sicherung klingt, in der Praxis aber als einseitige Machtprojektion erscheint. Der Westen antwortet also nicht mehr geschlossen, sondern gespalten nach Rollen: Amerika mit Zwang, Europa mit Sicherheitsmanagement, Asien mit ökonomischem Selbsterhaltungstrieb. (11)

Damit ist man beim vielleicht stärksten Motiv der Sendung: dem »Verfall des amerikanischen Einflusses«. Wörtlich sollte man das nicht nehmen; Washington bleibt militärisch der mächtigste Akteur im Spiel. Aber der alte Mechanismus, nach dem amerikanische Seemacht automatisch politische Gefolgschaft erzeugt, funktioniert erkennbar schlechter. China widerspricht offen, Europa weicht institutionell aus, Reeder warten auf rechtliche Klarheit statt auf politische Loyalitätsbefehle, und Iran verwandelt seine verwundbare Lage in Verhandlungsmacht. Lascaris und Yahia haben recht, wenn sie darin keine Episode, sondern eine tektonische Bewegung sehen. Unrecht hätten sie nur dann, wenn man daraus schon den souveränen Triumph einer neuen Ordnung machte. Eher erleben wir ein Interregnum: Die alte Hegemonie kann nicht mehr unangefochten diktieren, die neue Multipolarität kann aber noch keine stabile Ordnung garantieren. (12)

Deshalb ist die vielleicht klügste Passage des Gesprächs jene, in der sinngemäß gesagt wird, es werde »nicht mehr so sein wie früher«. Genau das ist die Lehre aus Hormus. Selbst wenn die kommerzielle Passage wieder anlaufen sollte und die Ölpreise kurzfristig fallen, bleibt der Präzedenzfall bestehen: Die wichtigste Wasserstraße der Welt ist nicht länger ein technisches Verkehrsproblem, sondern eine verhandelbare, bedrohte und politisch bepreiste Zone. Reeder, Versicherer, Tankerbetreiber, Energiehändler, Staaten, Militärapparate und internationale Organisationen agieren dort inzwischen wie konkurrierende Souveräne. Wer also wissen will, welche Kräfte sich im Hintergrund neu formieren, muss nicht nach einer geheimen Weltregierung suchen. Es reicht, auf das Ensemble zu blicken: amerikanische Zwangsmacht, iranische Nadelöhrpolitik, chinesische Energieinteressen, europäische Reparaturdiplomatie und die stille, aber mächtige Herrschaft der Märkte über die politische Vernunft. Hormus ist der Ort, an dem die Weltordnung nicht beschlossen, sondern erpresst, versichert, eskortiert und zurückverhandelt wird. (13)

Quellen:

(1) https://www.actvism.org/en/latest/china-trump-blockade-iran/

(2) https://apnews.com/article/a8a0d22918fc3fb30bc3abf1cd5c5a13

(3) https://www.eia.gov/todayinenergy/detail.php?id=65504

(4) https://www.reuters.com/business/energy/us-sanctioned-chinese-tanker-passes-strait-hormuz-despite-us-blockade-data-shows-2026-04-14/

(5) https://www.reuters.com/world/middle-east/shipping-firms-seek-clarifications-before-crossing-hormuz-2026-04-17/

(6) https://www.reuters.com/world/china/china-urges-restraint-over-us-blockade-strait-hormuz-backs-talks-2026-04-13/

(7) https://www.reuters.com/business/energy/us-sanctioned-chinese-tanker-passes-strait-hormuz-despite-us-blockade-data-shows-2026-04-14/

(8) https://www.reuters.com/world/middle-east/ships-crossing-hormuz-need-irgc-ok-unfreezing-assets-part-deal-iran-official-2026-04-17/

(9) https://www.eia.gov/todayinenergy/detail.php?id=65504

(10) https://apnews.com/article/e3d8a239509abb50757f8c8d42fb32d8

(11) https://www.reuters.com/world/europe/uk-will-not-back-blockade-strait-hormuz-pm-starmer-says-2026-04-13/

(12) https://www.reuters.com/world/china/china-steps-up-iran-diplomacy-while-seeking-smooth-summit-with-trump-2026-04-17/

(13) https://www.reuters.com/world/middle-east/shipping-firms-seek-clarifications-before-crossing-hormuz-2026-04-17/

About the author

Holger Elias

Studien der Journalistik und Kommunikations-Psychologie. War beruflich als Korrespondent und Redakteur bei Nachrichtenagenturen (reuters, cna usw.), für überregionale Tageszeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen tätig. Lebte und arbeitete knapp acht Jahre als EU-Korrespondent in Brüssel. Als Verleger und Publizist gab er knapp 140 Buchtitel heraus.

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