Wenn ein WM‑Eröffnungsspiel »historisch« ist, freut sich die FIFA. Historisch war der Auftakt der Weltmeisterschaft 2026 in Mexiko‑Stadt tatsächlich, nur anders als gedacht. Gastgeber Mexiko gewann gegen eine überforderte südafrikanische Auswahl 2:0 und stellte mit drei roten Karten prompt einen Rekord auf. Nach einem frühen Ballverlust von Sphephelo Sithole bediente Erik Lira den Stürmer Julián Quiñones, der den Ball durch die Beine des südafrikanischen Torhüters schob. Sechzehnjährige YouTube‑Fans schwärmten, das war das Letzte, was sie vor den Werbeblöcken gesehen hatten.
In der zweiten Halbzeit wurde die Partie zum Kartenspiel: Südafrika dezimierte sich nach einer Notbremse bereits in der 50. Minute, Mexiko brachte mit Gilberto Mora einen 17‑jährigen Debütanten und Raúl Jiménez köpfte unter Tränen den zweiten Treffer. Dann flogen die Karten nur so. Mexikos Kapitän César Montes musste in der Nachspielzeit vom Platz – bei Überzahl! – und wurde zum Sinnbild jenes taktischen Chaos, das sogar Trivago-Jürgen (Klopp) in den Wahnsinn trieb. Der Global‑Head‑of‑Soccer bei Red Bull sprach im deutschen Fernsehen von einem »taktisch einfach schlechten« Spiel, in dem Mexiko trotz Elf‑gegen‑Neun den Ball so unorganisiert verlor, dass sein eigener Kapitän eine Notbremse zog. ZDF‑Experte Christoph Kramer verglich das Geschehen mit einem Benefizspiel. Wenn die Eröffnungsbilanz also ein Maßstab ist, wissen wir jetzt, warum die FIFA den Modus auf 48 Mannschaften aufblähte: Je mehr Teams, desto mehr Raum für Beliebigkeit.
Parallel gewann Südkorea in Guadalajara gegen Tschechien 2:1 und zeigte, wie man mit Disziplin zwei VAR‑Prüfungen besteht. Diese Nebenhandlung ging zwischen der Rot‑Flut in Mexiko und der Werbeflut im ZDF beinahe unter.
Visa‑Filter und die »richtigen Leute«
Während sich Fernsehanalysten an unkoordinierten Restverteidigungen abarbeiteten, spielte das wahre Drama an Flughäfen und Grenzübergängen. Der „größte Sportevent aller Zeiten“ wurde zu einer Messe der Ausgrenzung: Der somalische Schiedsrichter Omar Abdulkadir Artan, Afrikas Schiedsrichter des Jahres, wurde am Flughafen Miami elf Stunden lang verhört und wieder nach Hause geschickt. Der irakische Stürmer Aymen Hussein wurde sieben Stunden festgehalten; dem Fotografen seines Verbandes verweigerten die Behörden die Einreise. Der iranischen Delegation verwehrte man für 13 Betreuer das Visum; sie musste ihr Trainingslager von Arizona ins mexikanische Tijuana verlegen.

Präsident Donald Trump lobte bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Gianni Infantino die enge Zusammenarbeit der Behörden und versprach, nur „die richtigen Leute“ ins Land zu lassen. Diese Formulierung wirft ein Licht auf den Charakter dieses Turniers: Es geht um geopolitische Selektion. Wer in die USA einreisen darf, bestimmt nicht die FIFA, sondern Homeland Security. Für viele Fans aus Marokko, Haiti oder der Elfenbeinküste blieb der Ball unsichtbar, die Visa wurden ihnen verweigert. Damit passt das Grenzregime zum Stadion: Transparenz ist nur Fassade.
Vom Glas‑Tempel zur Kathedrale des Marketings
Trotz des spielerischen Minimalismus flossen in Mexiko‑Stadt Rekordsummen. Ein Ticket für das Eröffnungsspiel kostete im Schnitt rund 500 Dollar; auf der offiziellen FIFA‑Resale‑Plattform wurden Karten für Gruppenspiele für bis zu 30.000 Dollar angeboten. Uli Hoeneß wunderte sich im ran‑Interview, wie »normale Fans« da noch ins Stadion kommen sollen und gestand, er bekomme bei solchen Preisen »die Krätze«. Für Wolfgang Niedecken ist die WM längst ein »Fest des Kommerz«.
Der ökonomische Nutzen für die Austragungsstädte? Marginal. Ökonomen verweisen darauf, dass die WM mit mittelalterlichen Kathedralen vergleichbar ist: teure Monumente zur Demonstration von Macht. Der eigentliche Rohstoff sei die Aufmerksamkeit. Jeder Treffer, jede Rote Karte, jeder Protest wird in Echtzeit monetarisiert. Die FIFA konkurriert nicht mehr mit anderen Fußballverbänden, sondern mit globalen Marketingkampagnen.
Diese Kommerzmaschine schlägt inzwischen auf die banalsten Dinge durch. Indigene Frauen in Naupan, Puebla, stickten die mexikanischen WM‑Trikots für etwa 36 Pesos (2 US‑Dollar) pro Stunde, während Adidas die Jerseys für 4 000 Pesos verkaufte. Im Stadion sind wiederverwendbare Wasserflaschen verboten, sodass Zuschauer Flaschenwasser kaufen müssen. Eine Müll‑ und Profitlawine. Selbst der WM‑Pokal kam nicht im offiziellen FIFA‑Flieger, sondern im Coca‑Cola‑Jet. Das rund 80 000 Zuschauer fassende Estadio Azteca glich damit eher einer Messehalle für Sponsoren als einer Sportarena.
Brot und Spiele. Und fehlende Lehrer
Während Shakira im glitzernden Eröffnungsprogramm sang und Burna Boy das Publikum begeisterte, marschierten tausende Lehrer mit Transparenten durch das historische Zentrum von Mexiko‑Stadt. Sie forderten höhere Löhne und bessere Pensionen, hielten Fotos von vermissten Schülern hoch und nutzten das WM‑Scheinwerferlicht, um auf ihre prekäre Lage hinzuweisen. Der Fan‑Zone am Zócalo ging unterdessen beinahe die Luft aus: Behörden errichteten Sperren, es kam zu Gedränge, bis die Kapazitätsgrenze von 50 000 Fans erreicht war und niemand mehr hinein durfte.
Auch andere Gruppen machten die Straßen zur Bühne: Aktivisten, die nach den über 130 000 in Mexiko verschwundenen Menschen suchen, protestierten gegen ein Turnier, das ihre Realität ignoriert. In Guadalajara richteten Familien von Verschwundenen Mahnwachen ein und hielten Plakate mit der Aufschrift »Hinter dem Pokal sind Gräber und Soldaten verborgen«. Der Chefanalyst Carlos Pérez Ricart fasste die Lage zusammen: »Mexiko will der Welt ein Bild zeigen, das nicht der Realität entspricht«.
Die Show machte auch vor den Städten nicht Halt: Straßen wurden für Touristen hübsch hergerichtet, während Händler, Obdachlose und Sexarbeiterinnen von den Behörden vertrieben wurden. Sogar 17 Kilometer neue Fahrradwege wurden gebaut, sie schneiden jetzt durch Busspuren und verdrängen die Ärmsten vom Straßenrand. Axolotl‑Motive schmücken U‑Bahn‑Stationen, obwohl die echten Tiere im verschmutzten Xochimilco zu verenden drohen. Und die Weltmeisterschaft läuft im Juni mit einer künstlichen Día‑de‑los‑Muertos‑Parade, um Touristen zu beeindrucken.
Während des Eröffnungsspiels selbst kam es rund um das Estadio Azteca zu Auseinandersetzungen. Protestierende warfen Steine und Raketen, die Polizei setzte Schlagstöcke ein. Ein Mann erlitt laut Medienberichten einen Herzinfarkt, Sanitäter hatten Mühe, durch das Gedränge zu gelangen. Lehrer, Angehörige von Verschwundenen und Mütter forderten »Gerechtigkeit«, während drinnen die Sponsorenlogos in 8K leuchteten.
Vom Public Viewing zur Public‑Shopping‑Show
Im fernen Deutschland sorgte nicht nur der Mexiko‑Torjubel, sondern auch der Bildschirminhalt für hitzige Debatten. Das ZDF verpasste den Beginn der pompösen Eröffnungsfeier, weil es lieber Werbeblöcke, darunter ausgerechnet eine Telekom‑Reklame mit WM‑Experte Thomas Müller, sowie ein Konserven‑Interview mit Aleksandar Pavlović zeigte. Erst als Shakira tanzte, schaltete der Sender zu Kommentator Oliver Schmidt. MagentaTV sendete dagegen pünktlich, allerdings hinter einer Bezahlschranke.
Nach dem ersten Tag der Weltmeisterschaft 2026 kann man festhalten: Der Fußball liefert weiter herrliche Metaphern. Auf dem Rasen irrten 22 Männer durch die Halbzeitpause, während außerhalb des Rasens Lehrer und Aktivisten die Straße zum Spielfeld erklärten. In der VIP‑Loge wurden Deals gemacht, während an der Grenze Menschen abgewiesen wurden. Die FIFA inszeniert Einheit, während Donald Trump von den »richtigen Leuten« spricht. Die Sponsoren predigen Nachhaltigkeit, während indigene Näherinnen zwei Dollar pro Stunde bekommen und Zuschauer ihre Wasserflaschen abgeben müssen.
»Brot und Spiele« trifft es daher nicht mehr. Es ist eher Brot, Spiele und Barrikaden. Je größer die Bühne, desto sichtbarer die Risse. Am Tag 1 hat der gläserne Tempel des Fußballs gezeigt, wie durchsichtig das Versprechen der Harmonie ist und wie viel satirisches Material im Schatten der Werbebanden lauert. Sicher ist nur: der Zirkus weiter. Heute spielen die USA gegen Paraguay, und irgendwo werden wieder Lehrer streiken, Politiker schwören, der Ball bringe Frieden, und die Kasse klingelt.
