Die Fußball-WM 2026 soll das größte Fest der Ballgeschichte werden. Doch ausgerechnet im Gastgeberland USA trifft der globale Sport auf Abschottung, Polizeistaat, Wohnungskrise, Klimasünde und FIFA-Geschäftsmodell.
Die Wirklichkeit beginnt an diesem 11. Juni 2026 im Estadio Azteca von Mexiko-Stadt. Die größte Fußball-WM der Geschichte startet: 48 Mannschaften, 104 Spiele, 16 Städte in Kanada, Mexiko und den USA. Das Finale soll am 19. Juli im MetLife Stadium in East Rutherford steigen. Die USA richten mit 78 von 104 Partien den Löwenanteil aus. Es ist also, bei allem trilateralen Dekor, vor allem eine US-WM. Eine Weltmeisterschaft im Land der Stadien, der Show, der Sponsoren, der Super-Bowl-Logik. Und im Land einer Politik, die vielen Menschen signalisiert: Willkommen seid ihr nur, wenn ihr durch das Raster passt. [1]
Das ist der erste große Widerspruch dieses Turniers. Es wird als globales Gemeinsinnsritual verkauft, aber unter Bedingungen organisiert, die den Zugang zur Weltbühne politisch sortieren. Fans aus Ländern, die von US-Reiserestriktionen betroffen sind, stehen vor Hürden, die aus einem Fußballturnier eine geopolitische Schleuse machen. Nach Angaben von Einwanderungs- und Menschenrechtsorganisationen sind unter den qualifizierten Nationen unter anderem Haiti, Iran, Senegal und Côte d’Ivoire von vollständigen oder teilweisen Restriktionen betroffen; Ausnahmen gelten eher für Teams, Funktionäre oder Staff als für gewöhnliche Fans. [2]
So wird aus der WM eine Art Passkontrolle mit Rasenheizung. Wer im falschen Staat geboren ist, darf vielleicht seine Mannschaft im Fernsehen sehen, aber nicht im Stadion. Die FIFA verweist dann gern auf die Zuständigkeit der Gastgeberregierung. Formal nicht falsch, politisch sehr bequem. Denn wer ein Turnier vergibt, verkauft nicht nur ein Sportprodukt. Er akzeptiert auch die Machtverhältnisse, in denen dieses »Erzeugnis« stattfindet.
Der Fall des somalischen Schiedsrichters Omar Abdulkadir Artan hat diesen Widerspruch grell ausgeleuchtet. Artan, als einer der besten Referees Afrikas für das Turnier vorgesehen, wurde trotz gültiger Dokumente bei der Einreise in die USA abgewiesen. Die US-Behörden sprachen von »vetting concerns«, FIFA-Präsident Gianni Infantino erklärte, Einreiseentscheidungen lägen nicht in der Hand der FIFA. So klingt Verantwortung, wenn sie am Zoll abgegeben wird. [3]
Klar benötigen Großereignisse auch Sicherheitskonzepte. Aber Sicherheit ist längst zu einem Containerwort geworden, in dem sich fast alles verstauen lässt: Grenzregime, Überwachung, Abschreckung, Racial Profiling, Protestkontrolle. Amnesty International spricht im Vorfeld der WM von einer akuten Menschenrechtskrise. Die Organisation warnt vor Risiken für Fans, Spieler, Journalistinnen, Arbeiter und lokale Communities, insbesondere wegen US-Einwanderungspolitik, Einschränkungen von Protestrechten und repressiver Sicherheitsapparate in allen drei Gastgeberstaaten. [4]
Diese WM erweitert den Sport formal wie nie zuvor – mehr Teams, mehr Spiele, mehr Märkte –, während der reale Zugang enger wird. Die FIFA demokratisiert das Teilnehmerfeld und privatisiert zugleich die Teilnahmebedingungen. Wer zahlen kann, fliegen kann, dokumentiert ist, visatauglich erscheint und politisch unauffällig bleibt, darf mitfeiern. Wer arm, migrantisch, wohnungslos, queer sichtbar, protestierend oder aus dem falschen Passregister kommt, lernt die andere Seite des Turniers kennen.
Auch ökonomisch ist die WM ein Meisterstück moderner Umverteilung. Die FIFA und ihre Gutachter verkaufen das Turnier als globalen Wachstumsmotor. In einer FIFA/WTO-nahen Wirkungsanalyse ist von bis zu 40,9 Milliarden Dollar zusätzlichem globalem BIP und fast 824.000 Vollzeitäquivalent-Arbeitsplätzen die Rede. Hurra, Stadionwurst für alle! Doch die Geschichte der Sportgroßereignisse erzählt meist etwas anderes: kurzfristiger Konsumschub, langfristige öffentliche Kosten, private Profite und viele Excel-Tabellen, in denen Hoffnungen wie Fakten aussehen. [5]
In Nordtexas etwa warnen Ökonomen vor überhöhten Erwartungen. Dallas kann mit einem kurzen Ausschlag bei Hotel- und Umsatzsteuern rechnen, aber nicht mit einem dauerhaften Strukturwunder. Die Spiele finden zudem nicht einfach dort statt, wo die Stadt ihre Hoffnungen bilanziert: Das große Stadion steht in Arlington, die touristische Marke heißt trotzdem Dallas. [6]
Gleichzeitig fließt öffentliches Geld in Sicherheit. Die US-Katastrophenschutzbehörde FEMA stellt 625 Millionen Dollar für die elf US-Austragungsstädte bereit. Offiziell geht es um Vorbereitung, Schutz, Koordination, Einsatzfähigkeit. Man kann das angesichts eines Turniers dieser Größe notwendig finden. Man darf aber auch fragen, warum die öffentliche Hand immer dann als natürliche Geldquelle gilt, wenn ein privatwirtschaftlich verwertetes Spektakel reibungslos funktionieren soll. [7]
Während also Steuergeld die Infrastruktur der Sicherheit polstert, verteidigt Infantino Ticketpreise, die vielen Fans das alte Volksfest Fußball endgültig austreiben. Dynamische Preisgestaltung, hohe Finalpreise, Ermittlungen mehrerer US-Bundesstaaten wegen Ticketing-Praktiken: Die WM 2026 ist also nicht nur ein Turnier. Sie ist ein Stresstest dafür, wie viel Kommerzialisierung ein Sport noch verträgt, bevor er seine eigene soziale Herkunft verleugnet. [8]
Nun gut, die FIFA hat dieses Problem ja nicht erfunden. Sie perfektioniert es nur. Der Weltfußball ist längst kein Spiel mehr, dem nebenbei ein Markt angehängt wurde. Er ist ein Markt, dem zur besseren Verdaulichkeit ein Spiel beigelegt wird. Auf dem Platz werden sich weiterhin Dramen ereignen: Grätschen, Fehler, späte Tore, Torhüterhände, die für ein Land zur Mythologie werden. Aber um den Platz herum regiert die Bilanz. Die WM 2026 ist der Moment, in dem selbst die Romantik im Premiumsegment angeboten wird.
Am härtesten trifft diese Logik jene, die gar keine Eintrittskarte kaufen wollen. In vielen Gastgeberstädten wird seit Monaten darüber gestritten, wie man mit Wohnungslosigkeit umgeht. Offiziell betonen manche Städte, sie wollten Menschen unterbringen statt vertreiben. Atlanta, Dallas und Seattle nennen Programme, Budgets und Zielzahlen. Atlanta startete eine große Initiative gegen Wohnungslosigkeit, Dallas verweist auf deutliche Rückgänge im Innenstadtbereich, Seattle wollte Hunderte Tiny Homes schaffen. [9]
Das klingt zunächst besser als die klassische olympische Methode: Armut wegräumen, Stadtbild säubern, Kameraachsen glätten. Und doch berichten Aktivisten weiter von Räumungen, Druck, Polizeipräsenz und der alten Versuchung, soziale Not nicht zu lösen, sondern aus dem Bild zu schieben. Reuters erinnerte kurz vor Turnierbeginn an Atlantas Vorgeschichte: Vor den Olympischen Spielen 1996 kam es dort zu massenhaften Festnahmen wohnungsloser Menschen. Die Stadt will dieses Image nicht wiederholen. Aber schon die Angst davor zeigt, wie nah Großereignis und Verdrängungsmanagement beieinander liegen. [10]
Das Problem ist nicht nur moralisch. Es ist strukturell. Städte wollen glänzen, weil die Welt hinsieht. Sponsoren wollen saubere Bilder. Sicherheitsbehörden wollen kontrollierbare Räume. Touristiker wollen begehbare Innenstädte ohne störende Widersprüche. Und die FIFA will Stadien, Fanmeilen, Verkehrswege, TV-Zonen. Wohnungslosigkeit ist in dieser Logik kein Ausdruck sozialer Gewalt, sondern eine Störung der Inszenierung. Oder anders: Der Mensch ohne Wohnung wird zum Produktionsrisiko.
Die tückischste Form dieser Politik ist ihre humanitäre Sprache. Niemand sagt mehr gern: Wir räumen die Armen weg. Man sagt: Outreach, Unterbringung, Sicherheitslage, Fan Experience. Der moderne Polizeistaat kommt nicht immer mit dem Schlagstock um die Ecke. Manchmal trägt er nur das Namensschild einer Arbeitsgruppe.
In Kanada sind ähnliche Befürchtungen zu hören. Toronto und Vancouver setzen offiziell auf bestehende Programme, doch Wohnungs- und Armutsinitiativen warnen vor wachsendem Druck auf Menschen, die sich in sichtbaren Zonen aufhalten. In Vancouver ist die Downtown Eastside seit Jahren Symbol eines urbanen Elends, das in schönen Stadtprospekten nicht vorkommt. Wenn ein Turnier wie die WM anrückt, entscheidet sich, ob eine Stadt ihre Verwundbaren schützt. Oder sie nur anders parkt. [11]
Die dritte große Dreistigkeit dieser WM ist ökologischer Art. Gerade weil die Gastgeber viele bestehende Stadien nutzen, verkauft sich das Turnier leichter als nachhaltiger als frühere Betonorgien. Doch der eigentliche Klimatreiber liegt nicht im Stadionbau, sondern im Maßstab. Nordamerika ist kein kompakter Austragungsraum. Es ist ein Kontinent. Wer Spiele zwischen Vancouver, Los Angeles, Dallas, Miami, Toronto, Mexiko-Stadt und New Jersey organisiert, organisiert Luftverkehr mit Ballbeilage.
Die CO₂-Bilanzierungsplattform Greenly schätzt den Fußabdruck der WM 2026 auf rund 7,8 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente, das sind mehr als doppelt so viel wie die offiziell angegebene Bilanz von Katar 2022. Besonders gravierend: Der allergrößte Anteil entfällt auf Zuschauerreisen. Das ist der ökologische Kern des aufgeblähten Formats. Nicht der Rasen entpuppt sich als das Problem. Es ist die Strecke dorthin. [12]
Die FIFA hat sich 2021 im Rahmen ihrer Klimastrategie zu einer Halbierung ihrer Emissionen bis 2030 und zu Netto-Null bis 2040 bekannt. Das kann jeder auf den Verbandsseiten nachlesen. Nur wird der ökologische Gehalt solcher Bekenntnisse genau dort fraglich, wo das Geschäftsmodell auf Expansion beruht: mehr Teilnehmer, mehr Spiele, mehr Märkte, mehr Flüge, mehr Übertragungen, mehr Konsum. Ein Verband kann nicht gleichzeitig Wachstumsmaschine und Klimavorbild sein, ohne irgendwann in den Spiegel lachen zu müssen. [13]
Und die Klimafrage im Fußball ist nicht etwa nur eine Nebensache für Feuilletonökologen. Sie trifft nämlich den Sport selbst. Hitze, Extremwetter, Rauch, Wasserknappheit und überlastete Infrastruktur verändern Trainingsbedingungen, Spielzeiten, Gesundheitsschutz und Fanreisen. Wer die WM 2026 diesbezüglich aufs Korn nimmt, kritisiert also nicht den Fußball. Er nimmt ihn ernster als jene, die ihn als endlos dehnbares Entertainment-Format behandeln.
Wagen wir den direkten Vergleich: Katar 2022 wurde in Europa mit großer moralischer Energie begleitet, oft zu Recht. Arbeitsmigration, Entrechtung, queere Unsicherheit, autoritäre Strukturen: All das musste Thema sein. Nur zeigt die WM 2026, wie selektiv westliche Empörung sein kann. Wenn der Gastgeber USA heißt, wird Kritik schneller als Störung des schönen Spiels empfunden. Dieselben Verbände, die in Katar Haltung simulierten oder einforderten, entdecken nun den Pragmatismus. [14]
Um nicht falsch verstanden zu werden: Keiner sollte versuchen, Katar nachträglich reinzuwaschen. Es heißt, den moralischen Maßstab nicht am Flughafen wechseln zu dürfen. Menschenrechte sind kein Auswärtsdress. Sie gelten nicht nur dort, wo Kritik geopolitisch passend erscheint. Wenn Fans wegen Herkunft ausgeschlossen werden, wenn Einwanderungsbehörden Angst verbreiten, wenn Städte Armut aus Sichtachsen drücken, wenn Tickets Klassenbarrieren errichten und wenn ein Turnier mit historischer Klimabilanz als Fest der Einheit firmiert, dann ist das nicht weniger politisch, nur weil es in einem westlichen Gastgeberland geschieht.
Der DFB und andere europäische Verbände hätten daraus eine Debatte machen können. Sie hätten öffentlich Garantien einfordern können: keine Einwanderungskontrollen an Stadien, Schutz für Fans unabhängig von Herkunft, sichere Räume für queere Menschen, Transparenz bei Sicherheitsmaßnahmen, soziale Mindeststandards in Host Cities, überprüfbare Klimaziele. Ja, das hätten sie. Stattdessen dominiert das gewohnte Verbandsballett: Man sei im Austausch, man beobachte, man vertraue auf Prozesse. Prozesse sind im Fußball das, was Nebelkerzen in der Politik sind: Man spürt allenfalls ein laues Lüftchen, das verschwindet aber sogleich wieder im klimagewandelten Raum.
Natürlich wird diese WM sportlich Momente erzeugen, die man nicht einfach wegargumentieren kann. Ein Außenseiter wird ein großes Team ärgern. Hoffentlich. Eine Kurve wird singen, obwohl sie viel zu viel bezahlt hat. Ein Spieler wird nach Abpfiff weinen, und für einen Augenblick scheint der ganze administrative Ärger vergessen. Das ist die Stärke des Fußballs. Er produziert Wahrheit trotz seiner Verwertung.
Aber gerade deshalb ist Kritik notwendig. Nicht weil Fußball unwichtig wäre, sondern weil er zu wichtig ist, um ihn der FIFA-Logik zu überlassen. Die WM 2026 ist ein Schaufenster: für die Schönheit des Spiels, ja. Aber auch für eine Weltordnung, in der Mobilität Klassenprivileg ist, Sicherheit zur Abschreckung wird, Städte Armut ästhetisch verwalten, Klimaversprechen an Flugplänen zerschellen und ein Verband mit Gemeinsinn wirbt, während er Exklusivität verkauft.
Am Ende wird irgendjemand den Pokal heben. Konfetti wird fallen, nachdem es aus der Kanone geschossen aufstieg. Infantino wird lächeln. Kameras werden Kinder zeigen, Fahnen, Tränen, möglicherweise sogar einen Moment, der bleibt. Aber unter dem Konfetti liegt die Rechnung. Sie wird nicht von denen bezahlt, die in den Logen sitzen. Sie wird bezahlt von Fans, die ausgeschlossen werden; von Arbeiterinnen, die um Löhne und Schutz kämpfen; von Wohnungslosen, die aus dem Bild geraten sollen; von Städten, die Sicherheit finanzieren; und von einem Klima, das keine Nachspielzeit kennt.
Diese WM vereint die Welt nicht. Sie zeigt uns, wie zerrissen sie ist.
Endnoten
[1] FIFA und weitere aktuelle Berichte zur Turnierstruktur: 48 Teams, 104 Spiele, 16 Städte, Auftakt im Estadio Azteca und Finale im MetLife Stadium; die USA richten 78 Partien aus. (FIFA)
[2] Zu US-Reiserestriktionen und möglichen Folgen für Fans aus qualifizierten Ländern: Council on Foreign Relations, American Immigration Council und Fragomen. (CFR)
[3] Zum Fall Omar Abdulkadir Artan, der trotz geplanter WM-Teilnahme nicht in die USA einreisen durfte, sowie zu Infantinos Reaktion auf Visa- und Zuständigkeitsfragen. (AP News)
[4] Amnesty International, „Humanity Must Win“, sowie Amnesty-Mitteilungen zu Risiken für Fans, Communities, Journalistinnen, Arbeiter und Protestrechte bei der WM 2026. (Amnesty International)
[5] FIFA/WTO-nahe Wirkungsanalyse mit Projektionen zu BIP-Effekt, sozialen Effekten und Arbeitsplätzen. (Inside FIFA)
[6] KERA-Bericht zu wirtschaftlichen Erwartungen in Nordtexas und Einschätzung von SMU-Ökonom Cullum Clark. (keranews.org)
[7] FEMA/FIFA World Cup Grant Program: 625 Millionen Dollar Sicherheitszuschüsse für die elf US-Ausrichterstädte. (fema.gov)
[8] Zu Ticketpreisen, dynamischer Preisgestaltung, Kritik und Ermittlungen mehrerer US-Bundesstaaten gegen FIFA-Ticketing-Praktiken. (AP News)
[9] AP/Courthouse News zu Programmen gegen Wohnungslosigkeit in Atlanta, Dallas, Seattle und weiteren Host Cities. (AP News)
[10] Reuters zu Atlantas Olympia-Vorgeschichte, aktuellen Bemühungen und Kritik von Wohnungsloseninitiativen vor der WM. (Reuters)
[11] AP-Auswertung zu Host Cities, darunter Toronto und Vancouver, sowie Hinweise auf bestehende Programme und Kritik von Initiativen. (AP News)
[12] Greenly-Schätzung zur Klimabilanz der WM 2026: rund 7,8 Millionen Tonnen CO₂e, besonders getrieben durch Zuschauerreisen. (Greenly)
[13] FIFA-Klimastrategie: Verpflichtung zu 50 Prozent Emissionsreduktion bis 2030 und Netto-Null bis 2040. (Inside FIFA)
[14] Human Rights Watch und Sportschau zur Spannung zwischen FIFA-Versprechen, Verbandsrhetorik und politischer Zurückhaltung im Kontext der WM 2026. (hrw.org)
