Die Börse als Spiel. Und der Anleger als sein eigener Gegner

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Wer an der Börse gewinnen will, sucht gewöhnlich nach der richtigen Aktie, dem nächsten großen Trend oder jenem magischen Zeitpunkt, an dem man einsteigen muss, bevor die anderen es tun. Christian Rieck verschiebt in seinem Gespräch mit Marian Kopocz den Blick. Nicht das einzelne Wertpapier steht im Mittelpunkt, sondern die Struktur der Entscheidung: Wer handelt mit wem, unter welchen Regeln, mit welchen Anreizen, mit welchem Zeithorizont – und unter welchem psychologischen Druck? Die Börse erscheint dadurch weniger als große Rechenmaschine, die objektive Werte ausspuckt, sondern als mehrstufiges Spiel, in dem Erwartungen, Macht, Moden, institutionelle Zwänge und menschliche Selbsttäuschungen ineinandergreifen.

Spieltheorie ist keine Psychologie. Aber ohne Psychologie bleibt die Börse unverständlich

Zu Beginn räumt Rieck mit einer populären Verwechslung auf. Spieltheorie und Verhaltenspsychologie seien nicht dasselbe. Die klassische Spieltheorie fragt danach, welches Verhalten unter gegebenen Regeln und rationalen Erwartungen sinnvoll ist. Die Verhaltensökonomie untersucht dagegen, warum Menschen von diesem rationalen Modell abweichen: aus Angst, Gier, Gewohnheit, Gruppendruck oder kognitiver Überforderung.

An der Börse sind beide Ebenen kaum voneinander zu trennen. Ein Anleger kann rational erkennen, dass ein Kurs fundamental überzogen ist, und dennoch rational entscheiden, vorerst investiert zu bleiben, weil er erwartet, dass andere Käufer die Übertreibung noch weiter treiben. Umgekehrt kann ein Anleger ein langfristig vernünftiges Portfolio besitzen und es im schlechtesten Augenblick verkaufen, weil die emotionale Belastung eines Kurssturzes größer ist als seine zuvor behauptete Risikobereitschaft. Rationalität ist deshalb keine Charaktereigenschaft. Sie ist eine fragile Leistung, die von den Umständen abhängt.

Das KI-Wettrennen als Gefangenendilemma der Konzerne

Am Beispiel der künstlichen Intelligenz beschreibt Rieck eine Wettbewerbsstruktur, die Ähnlichkeiten mit Patentrennen und dem sogenannten Chicken Game besitzt. Die großen Technologiekonzerne müssen enorme Summen investieren, um überhaupt im Rennen zu bleiben. Wer sich zurückhält, schont zwar kurzfristig seine Bilanz, riskiert aber, technologisch abgehängt zu werden. Wer investiert, sichert sich eine Chance auf künftige Marktmacht, kann jedoch Milliarden verlieren, falls sich die eigene Technologie nicht durchsetzt oder die späteren Erträge hinter den Erwartungen zurückbleiben.

Das Ergebnis ist ein Rattenrennen: Alle müssen laufen, obwohl das gemeinsame Ergebnis für alle schlechter sein kann, als es bei koordinierter Zurückhaltung wäre. Der potenzielle Gewinn wird durch die Kosten des Wettrennens teilweise oder vollständig aufgezehrt. Was aus Sicht eines einzelnen Unternehmens rational erscheint, kann aus Sicht der Branche verschwenderisch sein.

Diese Analyse widerspricht der bequemen Vorstellung, hohe Investitionen seien automatisch ein Beweis für ebenso hohe künftige Gewinne. Sie können auch Ausdruck strategischer Notwehr sein. Ein Unternehmen investiert dann nicht, weil die Rendite sicher ist, sondern weil Nichtinvestieren noch gefährlicher wäre. Für Anleger ist das ein entscheidender Unterschied. Umsatzwachstum, Investitionsvolumen und technologische Bedeutung einer Branche sagen noch nichts darüber aus, welcher Teil der Wertschöpfung am Ende bei den Aktionären ankommt.

Rieck sieht einen möglichen Ausweg in der Spezialisierung. Wenn sich die Anbieter auf unterschiedliche Fähigkeiten, Kundengruppen oder Anwendungsfelder konzentrieren, können sie der direkten Vernichtungskonkurrenz teilweise entkommen. Statt eines einzigen Siegers entstünde ein System komplementärer Angebote. Das ist plausibel, aber keineswegs garantiert. Netzwerkeffekte, Datenvorsprünge, Rechenkapazitäten und Kapitalzugang begünstigen zugleich Konzentration. Die KI-Ökonomie kann deshalb sowohl zu Spezialisierung als auch zu oligopolistischer Macht führen. Wahrscheinlich wird sie beides hervorbringen: einige wenige Basismodelle und darum herum zahlreiche spezialisierte Dienste.

Die Schaufeln der digitalen Goldgräber

Rieck gesteht ein, dass er selbst lange auf die KI-Anbieter blickte und die klassischen „Schaufelverkäufer“ unterschätzte. Gemeint sind Halbleiterhersteller, Speicherproduzenten, Rechenzentren, Netzwerktechnik und Energieversorger. Der Gedanke ist alt, aber aktuell: Im Goldrausch verdienen nicht zwangsläufig die Goldsucher am meisten, sondern diejenigen, die unverzichtbare Ausrüstung liefern.

Diese Perspektive ist für langfristige Anleger wertvoll, weil sie den Blick von der Schlagzeile auf die Infrastruktur lenkt. Ein technologischer Umbruch erzeugt nicht nur Gewinner im sichtbaren Zentrum, sondern verschiebt Nachfrageketten. KI benötigt Strom, Kühlung, Netze, Chips, Flächen, Rohstoffe, Ingenieurwissen und politische Genehmigungen. Wer nur die bekanntesten Plattformunternehmen betrachtet, sieht einen Ausschnitt.

Doch auch die Schaufelthese darf nicht zum neuen Börsenmärchen gerinnen. Sobald jeder weiß, wer die Schaufeln verkauft, können deren Aktien bereits so hoch bewertet sein, dass selbst glänzende Geschäfte keine angemessene Rendite mehr liefern. Ein gutes Unternehmen ist nicht automatisch eine gute Aktie. Entscheidend bleibt der Preis, den man für die erwarteten Gewinne bezahlt. Riecks Argument hilft deshalb vor allem bei der Suche nach Zusammenhängen; es ersetzt keine Bewertung.

Die rationale Blase und die soziale Strafe des frühen Ausstiegs

Besonders aufschlussreich ist Riecks Erklärung spekulativer Blasen. Eine Blase muss nicht dadurch entstehen, dass alle Beteiligten den Verstand verlieren. Wenn Kurse schnell steigen und Anleger erwarten, dass andere weiterhin kaufen, kann es rational sein, sich an die Bewegung anzuhängen – selbst wenn man weiß, dass sich der Preis vom fundamentalen Wert entfernt hat. Solange der nächste Käufer noch mehr bezahlt, belohnt der Markt die Teilnahme.

Das macht Blasen so gefährlich. Wer sie erkennt, weiß noch nicht, wann sie endet. Ein früher Warner kann jahrelang falsch aussehen, obwohl seine Diagnose im Kern stimmt. Die soziale und berufliche Strafe des Nichtmitmachens ist erheblich. Fondsmanager verlieren Mandate, wenn sie zu lange hinter einem steigenden Markt zurückbleiben. Privatanleger erleben Freunde, Kollegen und Internetfiguren, die scheinbar mühelos reich werden. Das Gefühl, als einziger Dummkopf am Rand zu stehen, gehört zum Treibstoff der Blase.

Rieck nennt zwei Warnzeichen: die Ausweitung der Teilnahme auf immer breitere Kreise und den wachsenden Einsatz von Fremdkapital. Wenn späte Käufer nicht nur ihr verfügbares Geld, sondern Kredite und Hebel einsetzen, werden die letzten Reserven mobilisiert. Das kann den finalen Kursschub erzeugen – und zugleich die Fallhöhe vergrößern. Denn gehebelte Positionen müssen bei sinkenden Kursen zwangsweise reduziert werden. Aus freiwilligem Kaufen wird erzwungenes Verkaufen.

Der Autopilot als Schutz vor dem eigenen Temperament

Auf die Frage nach seiner persönlichen Geldanlage antwortet Rieck auffallend unspektakulär. Er bevorzuge eine langfristige, möglichst automatisierte Portfoliostruktur, die nicht ständig verändert wird. Sparpläne, regelgebundenes Rebalancing und gegebenenfalls Robo-Advisor seien für viele Anleger sinnvoller als hektisches Eingreifen. Vor allem solle man nicht zu häufig ins Depot schauen.

Darin liegt möglicherweise der wichtigste praktische Gedanke des gesamten Interviews. Die Qualität einer Anlagestrategie zeigt sich nicht nur an ihrer theoretischen Rendite, sondern daran, ob ein Mensch sie über Jahrzehnte durchhalten kann. Eine optimale Strategie, die beim ersten Crash aufgegeben wird, ist schlechter als eine etwas bescheidenere, die psychologisch tragfähig bleibt.

Automatisierung ist dabei keine Kapitulation vor dem Denken. Sie ist geronnenes Denken. Der Anleger trifft seine wichtigsten Entscheidungen in einem ruhigen Zustand: Wie hoch darf der Aktienanteil sein? Welche Verluste kann er finanziell und emotional verkraften? Wann wird rebalanciert? Welche Summe wird regelmäßig investiert? Danach verhindert die Regel, dass jede Nachricht zu einer neuen Grundsatzentscheidung wird.

Rieck erlaubt dem Spieltrieb ein begrenztes Ventil. Wer Freude an Einzelaktien und aktivem Handeln hat, könne dafür einen kleinen, klar abgegrenzten Teil des Vermögens verwenden. Das entspricht der Core-Satellite-Idee: ein robuster, langweiliger Kern und ein kleiner Satellit für Überzeugungen, Experimente oder schlicht Unterhaltung. Entscheidend ist die Grenze. Aus dem Spielkonto darf kein Kasino werden, das den Vermögensaufbau auffrisst.

Den Markt schlagen – aber nur dort, wo andere nicht warten können

Rieck hält kurzfristige Überrenditen für Privatanleger kaum erreichbar. Informationsgeschwindigkeit, Handelssysteme und Marktnähe professioneller Akteure seien zu überlegen. Eine Chance sieht er eher bei mittel- und langfristigen Entwicklungen, die intellektuell erkannt werden können, deren Umsetzung aber Geduld verlangt.

Hier entsteht eine seltene Möglichkeit für Privatanleger. Institutionelle Investoren werden an Quartalen, Benchmarks und Mittelzuflüssen gemessen. Ein Fondsmanager kann eine langfristig richtige Position nicht beliebig lange halten, wenn sie kurzfristig schlecht aussieht. Der Privatanleger besitzt dagegen – zumindest theoretisch – den Luxus, nicht gekündigt zu werden. Sein Vorteil ist nicht mehr Information, sondern ein längerer Atem.

Doch auch dieser Vorteil wird gern romantisiert. Langfristigkeit macht aus einer falschen These keine richtige. Geduld ist nur dann eine Tugend, wenn die ursprüngliche Annahme regelmäßig überprüft wird. Sonst wird sie zur höflichen Bezeichnung für Starrsinn. Eine gute langfristige Strategie braucht deshalb vorher definierte Kriterien, an denen sie scheitern kann. Wer keinen denkbaren Grund zum Ausstieg nennen kann, besitzt keine Analyse, sondern einen Glauben.

Das ETF-Paradox: Wer macht noch die Preise?

Riecks Kritik am passiven Investieren gehört zu den provokantesten Teilen des Gesprächs. ETFs profitieren davon, dass andere Marktteilnehmer Unternehmen analysieren und Preise bilden. Aktive Investoren leisten die kostspielige Arbeit, Bilanzen zu prüfen, Geschäftsmodelle zu bewerten und Fehlbewertungen auszunutzen. Passive Anleger hängen sich an das Ergebnis dieser Preisfindung an, ohne deren Kosten in gleicher Weise zu tragen.

Spieltheoretisch ist das ein Trittbrettfahrerproblem. Solange genügend aktive Akteure vorhanden sind, funktioniert passives Investieren hervorragend. Würden jedoch nahezu alle Anleger nur noch Indizes nachbilden, könnte die Preisbildung schlechter werden. Kleine aktive Entscheidungen könnten dann überproportional große Kapitalströme auslösen, weil Indexfonds mechanisch folgen. Rieck warnt vor Instabilität und im Extremfall vor manipulativen Strukturen.

Der Einwand ist theoretisch ernst zu nehmen, sollte aber nicht dramatisiert werden. Märkte besitzen einen Anpassungsmechanismus: Je schlechter die Preise werden, desto größer werden die möglichen Gewinne für aktive Anleger, die Fehlbewertungen erkennen. Gerade diese Überrenditen locken neues aktives Kapital an. Passivität kann daher nicht unbegrenzt wachsen, ohne ihre eigene Gegenbewegung zu erzeugen.

Riecks Warnung bleibt dennoch wertvoll, weil sie eine verbreitete Illusion zerstört: ETFs beseitigen Risiko nicht. Sie verändern dessen Form. Das Einzelwertrisiko sinkt, doch Konzentrations-, Bewertungs-, Liquiditäts- und Systemrisiken bleiben bestehen. Ein Weltindex ist kein Naturgesetz, sondern ein nach bestimmten Regeln konstruiertes Produkt. Wer ihn kauft, entscheidet sich unter anderem für Marktkapitalisierungsgewichtung, Länderdominanz und die Fortschreibung bestehender Gewinner.

Bitcoin, Gold und der missverständliche Kettenbrief

Beim Bitcoin insistiert Rieck auf einer begrifflichen Trennung. Eine Aktie ist ein Anspruch auf künftige Zahlungsströme. Bitcoin erzeugt keinen Cashflow und kann deshalb nicht mit denselben Bewertungsmethoden analysiert werden. Wer ihn wie eine Aktie behandelt, gelangt entweder zu absurden Kurszielen oder zum Fundamentalwert null.

Rieck deutet Bitcoin stattdessen als knappes Geld und als Versicherung gegen bestimmte politische, monetäre oder technische Risiken. Sein Wert könne daraus entstehen, dass Menschen Vermögen außerhalb traditioneller Systeme übertragen, verwahren oder gegen deren Zusammenbruch absichern wollen. In diesem Sinn ähnelt Bitcoin Gold: Auch dessen Marktpreis lässt sich nicht überwiegend aus industrieller Nutzung oder Schmucknachfrage erklären. Entscheidend sind Knappheit, Akzeptanz und die Erwartung, dass andere es künftig ebenfalls als Wertaufbewahrungsmittel akzeptieren.

Die Bezeichnung „Kettenbrief“ soll auf die Abhängigkeit vom Vertrauen späterer Teilnehmer hinweisen. Sie ist analytisch anregend, aber rhetorisch gröber als nötig. Ein klassischer Kettenbrief verspricht Erträge aus dem Zufluss neuer Teilnehmer und kollabiert strukturell, sobald dieser Zufluss endet. Gold und Bitcoin können dagegen auch ohne laufende Ausschüttung einen Tausch- oder Versicherungsnutzen besitzen. Ihr Preis hängt zwar stark von kollektiver Akzeptanz ab, doch das gilt in unterschiedlicher Weise auch für staatliches Geld, Kunst, Grundstücke und zahlreiche andere Vermögenswerte.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Bitcoin „eigentlich“ null oder eine Million wert ist. Sie lautet: Welche Funktion erfüllt er, wie dauerhaft ist die Nachfrage nach dieser Funktion, wie glaubwürdig ist die Knappheit, welche regulatorischen und technologischen Risiken bestehen, und welchen Anteil darf ein solches Asset in einem Portfolio einnehmen, ohne dessen Stabilität zu gefährden?

Riecks Konsequenz ist vernünftig: Wer Bitcoin hält, sollte dies als langfristige, unsichere Wette auf eine monetäre oder versicherungsähnliche Funktion verstehen – nicht als kurzfristig berechenbare Renditemaschine. Hebel und Kredit passen dazu besonders schlecht. Ein Versicherungsbaustein, der bei Kursschwankungen die finanzielle Existenz bedroht, verkehrt seinen Zweck ins Gegenteil.

Die Herde ist nicht dumm – aber sie kann den Abgrund vergrößern

Warum schwanken Anleger zwischen Extremen? Rieck verbindet zwei Erklärungen. Erstens orientieren sich Menschen rational an anderen, weil niemand alle Gefahren und Informationen selbst prüfen kann. Seine Metapher ist der Taubenschwarm: Fliegt eine Taube plötzlich auf, ist es für die anderen oft sinnvoll, ihr zu folgen. Ein Fehlalarm ist billiger, als als Einzige sitzen zu bleiben und gefressen zu werden.

Zweitens trifft diese Nachahmung auf Märkte, in denen nur ein kleiner Teil der vorhandenen Wertpapiere tatsächlich gehandelt wird. Viele Aktien liegen langfristig in festen Händen. Wenn plötzlich eine große Gruppe kaufen will, konzentriert sich die Nachfrage auf den begrenzten frei verfügbaren Bestand. Schon relativ kleine Veränderungen der Nachfrage können deshalb überproportionale Preisbewegungen auslösen.

Herdentrieb ist somit nicht bloß Dummheit. Er ist eine unter Unsicherheit nützliche Abkürzung, die in bestimmten Marktstrukturen destabilisierend wirkt. Genau deshalb helfen moralische Appelle wenig. Der Anleger braucht Verfahren, die ihn vor der Übertragung eines sozial sinnvollen Reflexes auf eine finanziell gefährliche Situation schützen.

Erkenntnis ist nicht Erlebnis

Eine der bemerkenswertesten Passagen des Interviews betrifft nicht die Börse, sondern die Grenze abstrakter Erkenntnis. Rieck habe die Entwicklung der künstlichen Intelligenz früh und relativ präzise beschrieben. Dennoch habe ihn das tatsächliche Erleben ihrer Geschwindigkeit überrascht. Intellektuell etwas vorauszusehen sei etwas anderes, als mitten in der Veränderung zu stehen.

Deshalb genügt es nicht, Risikotoleranz in ruhigen Zeiten zu behaupten. Sie muss in konkrete Regeln übersetzt werden. Wer bei einem Verlust von zwanzig Prozent nicht schlafen kann, sollte kein Portfolio besitzen, das regelmäßig vierzig Prozent fallen kann. Das ist keine Feigheit, sondern Risikokompetenz.

Problematisch ist Riecks beiläufige Vermutung, unter erfolgreichen Investoren sei das Asperger-Syndrom besonders verbreitet. Er kennzeichnet sie selbst als unbelegte Vermutung. Dennoch reproduziert sie ein Klischee, nach dem autistische Menschen gefühllose Rationalitätsmaschinen seien. Erfolgreiches Investieren verlangt keineswegs Gefühllosigkeit, sondern den reflektierten Umgang mit Gefühlen. Disziplin kann aus Regeln, Erfahrung, Teamstrukturen und Demut entstehen; sie ist nicht an eine neurologische Zuschreibung gebunden.

Der Markt als Verhandlung – und der Preis als letzte Schicht

Am Ende erweitert Rieck die Perspektive nochmals. Märkte seien weniger anonym, als es die ökonomische Standarderzählung nahelegt. Preise entstehen nicht erst im Moment des Börsenhandels. Vorher werden Regeln gesetzt, Normen etabliert, Zugänge kontrolliert, Standards definiert, Subventionen verteilt, Sanktionen beschlossen und politische Rahmenbedingungen geschaffen. Wer diese Vorstufen beeinflusst, kann die spätere Preisbildung zu seinen Gunsten verschieben.

Der zugespitzte Kapitelbegriff „Märkte sind manipuliert“ greift allerdings zu kurz. Nicht jeder gestaltete Markt ist manipuliert. Regeln sind unvermeidlich. Die entscheidende politische Frage lautet, wer sie setzt, wem sie nutzen, wie transparent sie sind und ob Gegenmacht existiert. Manipulation beginnt dort, wo Informationsvorsprünge, Regelsetzung oder Marktmacht verdeckt und einseitig ausgenutzt werden. Wer jede institutionelle Gestaltung als Manipulation bezeichnet, verliert die Möglichkeit, zwischen legitimer Ordnung und illegitimer Vorteilsnahme zu unterscheiden.

Riecks Verhandlungsblick ist dennoch produktiv. Anleger sollten nicht nur Bilanzen lesen, sondern Machtbeziehungen. Wer verfügt über Daten? Wer kontrolliert Standards? Wer kann Kosten auf andere abwälzen? Welche politischen Entscheidungen sind bereits in den Kursen enthalten? Welche Akteure setzen die Rahmenbedingungen, bevor der sichtbare Handel beginnt? Der Kurs ist, wie Rieck sinngemäß sagt, nur das Sahnehäubchen. Darunter liegen mehrere Schichten wirtschaftlicher und politischer Aushandlung.

Bessere Entscheidungen statt besserer Vorhersagen

Aus dem Gespräch lässt sich keine geheime Börsenformel gewinnen. Gerade darin liegt sein Wert. Rieck bietet keine sichere Methode, den nächsten Crash, den Sieger des KI-Rennens oder den künftigen Bitcoinpreis zu bestimmen. Er zeigt vielmehr, warum solche Gewissheiten meist unseriös sind.

Langfristig bessere Entscheidungen entstehen aus einer robusten Architektur.

Erstens muss der Anleger zwischen Risiko und Schwankung unterscheiden. Ein fallender Kurs ist nicht automatisch ein dauerhafter Verlust; ein stabiler Kurs ist nicht automatisch sicher. Wirkliches Risiko besteht darin, Kapital dauerhaft zu verlieren, verkaufen zu müssen oder ein Ziel nicht mehr erreichen zu können.

Zweitens sollte das Portfolio so konstruiert sein, dass keine einzelne Prognose über die finanzielle Zukunft entscheidet. Diversifikation ist kein Ausdruck mangelnder Überzeugung, sondern Anerkennung begrenzten Wissens.

Drittens braucht jede spekulative Idee ein Risikobudget. Wer KI, Bitcoin, Gold oder Einzelaktien beimischt, sollte vorher festlegen, welcher Verlust tragbar ist. Hebel verwandelt Unsicherheit in Zwang und ist deshalb der natürliche Feind langfristiger Strategien.

Viertens sollte man Entscheidungen möglichst in ruhigen Zeiten automatisieren. Sparpläne, Rebalancing-Regeln und feste Prüfintervalle reduzieren die Zahl emotionaler Eingriffe. Weniger ins Depot zu schauen ist kein Desinteresse, sondern kann eine Form der Selbstverteidigung sein.

Fünftens muss eine langfristige These überprüfbar bleiben. Geduld ohne Falsifikationskriterium ist Dogmatismus. Eine gute These enthält Bedingungen, unter denen sie aufgegeben wird.

Sechstens lohnt der Blick hinter den Preis. Technologische Trends, Lieferketten, politische Regeln, institutionelle Zwänge und Machtverhältnisse bestimmen, wer an einer Entwicklung tatsächlich verdient.

Die Börse belohnt nicht immer den Klügsten. Oft belohnt sie denjenigen, der lange genug liquide bleibt, seine eigenen Grenzen kennt und nicht gezwungen ist, im schlechtesten Moment zu handeln. Spieltheorie hilft dabei, weil sie den Anleger daran erinnert, dass er nie allein gegen einen abstrakten Markt spielt. Er spielt gegen andere Erwartungen, gegen institutionelle Regeln, gegen Zeitdruck – und nicht zuletzt gegen seine eigene Neigung, aus Unsicherheit Gewissheit zu fabrizieren.

Die bessere Börsenentscheidung ist deshalb selten die spektakulärste. Sie besteht nicht darin, den Gipfel einer Blase auf den Tag genau zu erkennen oder die nächste Jahrhundertaktie zu erraten. Sie besteht darin, ein Verfahren zu besitzen, das auch dann noch trägt, wenn die eigene Prognose falsch, die Stimmung unerträglich und die Zukunft unübersichtlich wird. Rendite ist wichtig. Aber die Voraussetzung jeder langfristigen Rendite lautet, im Spiel zu bleiben, ohne sich von ihm beherrschen zu lassen.

Link zum Video: https://www.youtube.com/watch?v=MGhtjAb2usU

About the author

Holger Elias

Studien der Journalistik und Kommunikations-Psychologie. War beruflich als Korrespondent und Redakteur bei Nachrichtenagenturen (reuters, cna usw.), für überregionale Tageszeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen tätig. Lebte und arbeitete knapp acht Jahre als EU-Korrespondent in Brüssel. Als Verleger und Publizist gab er knapp 140 Buchtitel heraus.

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