Wer die Angst besitzt, regiert die Deutung

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Propaganda erscheint heute als Warnung auf dem Handy, fürsorglicher Schubs, Expertenrat oder algorithmisch sortierte Wirklichkeit. Im Gespräch mit Mike Wyniger seziert Jonas Tögel die Techniken der Meinungsmacht. Er zeigt unbeabsichtigt, wie schnell Aufklärung selbst blinde Flecken bekommt.

Es ist eine Kolonne, die noch immer durch das Gedächtnis fährt. Militärlastwagen in der Nacht, Särge aus Bergamo, eine Straße wie aus einem Kriegsfilm. Im Frühjahr 2020 wurde das Bild zum visuellen Kürzel der Pandemie. Man musste keine Statistik lesen, keine Reproduktionszahl verstehen. Es genügte, hinzusehen – und Angst zu haben.

Mike Wyniger, Schweizer Regisseur des Corona-Rückblicks »Der Hype«, beginnt sein Gespräch mit Jonas Tögel genau dort: bei Bildern, die nicht bloß informieren, sondern in den Körper greifen. Tögel, Amerikanist, Propagandaforscher und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie der Universität Regensburg, nennt Propaganda die »gezielte Beeinflussung der Gedanken und Gefühle der Bevölkerung«. In einer Demokratie trägt die Lexikonformel Sprengstoff. Wo Mehrheiten über Macht entscheiden, wächst der Anreiz, nicht nur um Zustimmung zu werben, sondern die Bedingungen zu formen, unter denen Zustimmung entsteht.

Propaganda und Demokratie, sagt Tögel, gehörten deshalb historisch eng zusammen, obwohl Propaganda in einer »echten Demokratie« nichts verloren habe. Der Widerspruch ist produktiv: Demokratie braucht öffentliche Kommunikation, besonders in der Krise. Doch sobald Regierungen ihre Adressaten nicht mehr als urteilsfähige Bürger, sondern als zu steuernde Population behandeln, kippt Aufklärung in Verhaltensmanagement. Aus dem Souverän wird eine Zielgruppe.

Pädagogik der Urangst

Für die Coronajahre hält Tögel Angst für den »mächtigsten Manipulator«. Sein stärkstes Beweisstück ist kein heimliches Verschwörungspapier, sondern ein reales Dokument: das im März 2020 für das Bundesinnenministerium verfasste Strategiepapier »Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen«. Es empfahl, eine »gewünschte Schockwirkung« zu erzeugen. Kinder sollten sich vorstellen, sie könnten durch mangelndes Händewaschen ihre Eltern anstecken und an deren qualvollem Tod schuld sein. Der Satz steht tatsächlich in dem Papier. Das ist keine nüchterne Risikoaufklärung, sondern schwarze Pädagogik: Gehorche, sonst stirbt jemand deinetwegen.

Allerdings war das Dokument ein Beratungspapier, nicht der zweifelsfreie Regieplan sämtlicher Maßnahmen und Medienberichte. Wer aus einem drastischen Textbaustein eine allumfassende Steuerungszentrale konstruiert, bedient sich derselben Verkürzung, die er kritisiert. Dennoch bleibt der demokratische Skandal: In einer Ministeriumsvorlage wurde Furcht nicht nur als Folge einer Gefahr behandelt, sondern als politisch nutzbare Ressource.

Auch die Bilder aus Bergamo waren keine Fälschung. Die Armee transportierte Särge ab, weil die örtlichen Kapazitäten nicht ausreichten; die Region erlebte eine katastrophale Übersterblichkeit. Die Konvois und ihr realer Hintergrund sind dokumentiert. Doch authentische Bilder können propagandistisch eingesetzt werden. Propaganda beginnt nicht erst bei der Lüge, sondern dort, wo Auswahl, Wiederholung und emotionale Rahmung komplexe Wirklichkeit auf eine alternativlose Botschaft verengen. Ähnlich doppeldeutig war die Maske: Schutzmittel und sichtbares Machtsymbol, medizinisches Instrument und Stoffstück, an dem die Gesellschaft ihre Moral sortierte.

Der Experte als Orakel

Tögel kritisiert die mediale Fixierung auf ausgewählte Experten. Als Beispiel führt er Christian Drosten an. Anfang März 2020 hatte der Virologe Covid-19 als für den Einzelnen meist milde Erkrankung bezeichnet; später warnte er vor einer Überlastung des Gesundheitssystems und dramatischen Folgen in Afrika. Tögel deutet das als Kehrtwende um 180 Grad.

Nun ja, so glatt ist die Sache wohl nicht. Drostens frühes Zitat wurde häufig um seinen Kontext gekürzt: Eine Krankheit kann für viele Einzelne mild und in der Summe gefährlich sein, wenn sehr viele gleichzeitig erkranken. Zudem veränderte sich die Erkenntnislage. Wissenschaftliche Revision ist nicht automatisch Propaganda. Drostens düstere Afrika-Prognose wiederum erwies sich in dieser Form als falsch. Problematisch war weniger, dass ein Forscher seine Einschätzung änderte, als die Neigung von Politik und Medien, vorläufige Stimmen zu Orakeln aufzuwerten. Und die Unsicherheit, aus der Wissenschaft besteht, hinter Gewissheit verschwinden zu lassen.

Zum Arsenal der Verhaltenslenkung zählt Tögel 2G- und 3G-Regeln, Sanktionen, die Impfbratwurst und die unvollständige Impftorte auf dem Berner Bundesplatz. Nudging gestaltet die Entscheidungsumgebung so, dass Menschen in eine gewünschte Richtung »gestupst« werden. Doch formale Wahlfreiheit kann mit sozialem Ausschluss einhergehen. Die Bratwurst wirkt lächerlich; ihr Geistesblitz liegt vielmehr in der Haltung dahinter: Gesundheitspolitik entdeckt den Bürger als berechenbares Versuchstier, das sich mit Zuckerbrot und Zugangsbeschränkung optimieren lässt.

Der unsichtbare Text hinter jedem Klick

Mit dem Internet, sagt Tögel, habe sich der Schwerpunkt der Propaganda verschoben. Knapp sei nicht mehr Information, sondern Aufmerksamkeit. Wer im Datenstrom die Blickrichtung kontrolliert, besitzt eine Macht, die kein klassisches Zensurministerium je hatte. Tögel fasst das mit »Freedom of speech, but not freedom of reach«: Man darf etwas sagen, doch Algorithmen entscheiden, ob es zehn Menschen sehen oder zehn Millionen.

Seine Behauptung, Erwachsene verbrächten acht bis zehn Stunden täglich »im Internet«, dürfte Onlinezeit mit gesamter Mediennutzung vermengen. Die Überhöhung ist unnötig. Plattformen löschen nicht nur; sie empfehlen, bremsen und priorisieren. Der moderne Zensor trägt keine Schere, sondern verändert die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Gedanke einem anderen Menschen begegnet.

Jeder Klick schreibe an einem »Schattentext«, sagt Tögel, aus Suchanfragen, Käufen, Aufenthaltsorten und Reaktionsmustern. Daraus entsteht kein perfekter »digitaler Zwilling«, wohl aber ein statistisches Modell. Seine Target-Anekdote über die algorithmisch erkannte Schwangerschaft einer Jugendlichen ist in Details nicht sauber belegt. Das Prinzip ist es: Banale Datenspuren verraten Intimes und wahrscheinliches Verhalten.

Cambridge Analytica wurde zum Markennamen dieser Epoche, doch die Fixierung auf eine Firma entlastet das System. Mikrotargeting heißt: beobachten, klassifizieren, vorhersagen, beeinflussen. Werbung, Wahlkampf und psychologische Operation unterscheiden sich weniger in der Methode als in Auftraggeber und Schadenspotenzial. Verkauft werden nicht nur Produkte an Menschen, sondern Menschen als erreichbares Produkt.

Der Mensch als sechste Front?

Hier wechselt das Gespräch von der Pandemie zum Militär. »Kognitive Kriegsführung« bezeichnet den Kampf um Wahrnehmung, Urteilsfähigkeit, Emotionen und Verhalten. Tögel beschreibt sie als Klammer um Propaganda, psychologische Operationen, Informationskrieg, soziale Manipulation und KI-gestützte Auswertung. Der Mensch selbst werde zum »Kriegsschauplatz«.

Das ist keine Fantasie aus dem verschwörungsideologischen Giftschrank. Das Allied Command Transformation der Nato schreibt selbst, das Gehirn sei »Ziel und Waffe«; kognitive Kriegsführung könne Rationalität angreifen und gesellschaftliche Systeme schwächen. Tögel geht jedoch weiter, wenn er den Menschen als bereits formell erklärte sechste Front darstellt. Die Nato beschreibt das Konzept offiziell vor allem als Abwehr gegnerischer Einflussoperationen; der kognitive Raum ist noch keine unstrittig etablierte Operationsdomäne neben Land, See, Luft, Cyber und Weltraum. Das widerlegt die Gefahr nicht. Es trennt Dokument von Interpretation.

Denn »Abwehr« ist ein dehnbares Wort. Wer definiert, was feindliche Desinformation ist? Wer entscheidet, wann Dissens die »Resilienz« schwächt? Wenn militärische Kategorien in die zivile Öffentlichkeit einsickern, wird der Andersdenkende leicht vom politischen Gegner zum Sicherheitsrisiko. Das Vokabular des Krieges muss keinen Schuss abfeuern, um demokratische Räume zu besetzen.

Wyniger zitiert zudem aus einem über das Schweizer Öffentlichkeitsgesetz zugänglich gewordenen »Grundlagenpapier Information« der Armee. »Deutungsüberlegenheit« besitze, wer Zielgruppen mit seinem Narrativ belegen könne. Da das Dokument im Interview nur auszugsweise erscheint, bleibt die Einordnung offen. Der Satz aber destilliert eine Versuchung: Nicht das bessere Argument soll sich bewähren; der Informationsraum soll die eigene Deutung bereits als natürliche Wirklichkeit erscheinen lassen.

Auch Russland, China und andere Staaten betreiben Informationsoperationen und digitale Überwachung. Die Alternative zur westlichen Propaganda ist nicht östliche Propaganda, sondern eine Öffentlichkeit, in der Macht – gleich unter welcher Flagge – ihre Kommunikation begründen muss.

Auch Aufklärung hat ihre Verführer

Das Gespräch ist am stärksten, wo es Mechanismen beschreibt, und am schwächsten, wo daraus ein einheitlicher Wille »der Herrschenden« wird. Regierungen, Militärs, Konzerne, Redaktionen und Plattformen sind kein zentral gesteuertes Gehirn. Macht funktioniert oft ohne Oberkommando: über Eigentum, Abhängigkeiten, Karrieren, Werbemärkte und die Angst, aus dem Konsens zu fallen.

Auch Tögels Rede vom »Aufwachen« verdient Misstrauen. Sie kann eine Gemeinschaft der Eingeweihten erzeugen: hier die kritische Minderheit, dort die manipulierte Masse. Wer behauptet, 99,9 Prozent wollten Frieden, hat moralisch vermutlich recht, empirisch aber eine ebenso luftige Mehrheit konstruiert wie Kampagnen, die mit »Alle Ihre Nachbarn tun es bereits« Konformität erzeugen. Anti-Propaganda ist nicht gegen Propaganda immun. Auch sie kann mit Feindbildern, selektiven Beispielen und der Verheißung arbeiten, endlich hinter die Kulissen zu sehen.

Genau deshalb lohnt das Interview. Nicht weil es die eine verborgene Wahrheit liefert, sondern weil es nach den Produktionsbedingungen von Wahrheit fragt. Tögels Gegenmittel klingen unspektakulär: Aufmerksamkeit nicht verschenken, Vertrauen prüfen, weniger Medien konsumieren, Beziehungen pflegen, andere Argumente stehen lassen. Das ist sympathisch, doch politisch zu wenig. Der Einzelne kann sich aus dem Feed zurückziehen; die Macht der Plattformen, Regierungen und Sicherheitsapparate verschwindet dadurch nicht.

Nötig wären überprüfbare Regeln: Transparenz über staatliche Kampagnen, Kontrolle algorithmischer Reichweitenentscheidungen, Schutz persönlicher Daten und pluraler Medien, parlamentarische Aufsicht über psychologische Operationen und eine klare Grenze zwischen militärischer Feindabwehr und ziviler Meinungsbildung. Sonst heißt Medienkompetenz nur, dass jeder Bürger allein gegen die Beeinflussungsindustrie antreten soll – als müsste der Bewohner eines überschwemmten Hauses bloß besser schwimmen lernen.

Vielleicht ist das die dialektische Summe: Je aufwendiger Macht um Zustimmung werben muss, desto deutlicher zeigt sich ihre Schwäche. Aber Misstrauen allein emanzipiert nicht. Es kann solidarische Kritik hervorbringen. Oder Paranoia, Zynismus und neue autoritäre Sehnsüchte. Aufklärung beginnt nicht mit dem Reflex, alles Offizielle für gelogen zu halten. Sie beginnt mit der Unverschämtheit, jede Erzählung nach denselben Maßstäben prüfen zu müssen: die des Ministeriums ebenso wie die des Dissidenten, die der Nato ebenso wie die des Kreml, die des Leitmediums ebenso wie die des YouTube-Kanals.

Der Kampf um den Kopf wird nicht gewonnen, indem man ihn für eine Gegenbotschaft requiriert. Er wird gewonnen, wenn der Kopf aufhört, Frontgebiet zu sein – und wieder zum Ort des eigenen, widersprüchlichen Denkens wird.

Quelle: Mike Wyniger im Gespräch mit Dr. Jonas Tögel, YouTube, veröffentlicht am 16. August 2026.

About the author

Holger Elias

Studien der Journalistik und Kommunikations-Psychologie. War beruflich als Korrespondent und Redakteur bei Nachrichtenagenturen (reuters, cna usw.), für überregionale Tageszeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen tätig. Lebte und arbeitete knapp acht Jahre als EU-Korrespondent in Brüssel. Als Verleger und Publizist gab er knapp 140 Buchtitel heraus.

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