Sánchez in Peking: Die Weltkarte wackelt

S

Wer Pedro Sánchez an der Tsinghua-Universität nur als höflichen europäischen Gastredner hören wollte, hat die politische Mechanik dieser Rede verpasst. In der offiziellen, von der Moncloa veröffentlichten Fassung ist ziemlich klar zu erkennen, dass es hier nicht bloß um akademische Freundlichkeiten ging. Sánchez sprach in Peking nicht einfach über Wissenschaft, Austausch und Verständigung. Er sprach über eine Verschiebung des weltpolitischen Koordinatensystems – und darüber, wie Spanien und Europa darin nicht untergehen, sondern neu auftreten wollen. Die Tsinghua-Universität diente dabei als Bühne eines symbolischen Ortswechsels: vom alten Atlantikreflex zu einer Politik, die anerkennt, dass Macht, Produktion, Technologie und diplomatische Schwerkraft längst nicht mehr nur im Westen konzentriert sind. (1)

Der rhetorische Schlüssel dieser Rede ist die Geschichte von Matteo Ricci. Sánchez beginnt mit dem jesuitischen Gelehrten, der China einst mit einer europäischen Weltkarte erreichte und dann lernen musste, dass jede Zivilisation ihre eigene Mitte kennt. Das ist nicht bloß dekorative Bildungspolitik. Es ist ein sauber gewähltes Gleichnis für den gegenwärtigen Zustand des Westens. Die eigentliche Pointe seiner Rede lautet nämlich: Nicht China ist an den Rand der Karte gerückt, sondern Europa und die USA sind es gewohnt gewesen, ihre eigene Perspektive für die Welt selbst zu halten. Sánchez benutzt Ricci, um eine Kritik am alten Eurozentrismus zu formulieren, ohne in antiwestliche Pose zu fallen. Das ist der entscheidende Kunstgriff. Er betreibt keine Anbetung Pekings, sondern eine Korrektur der Landkarte. Europa soll nicht abtreten; es soll aufhören, sich für den natürlichen Nullmeridian der Geschichte zu halten. (2)

Gerade darin ist die Rede politisch bemerkenswert. Denn Sánchez redet China stark, aber nicht, um Europa kleinzureden. Er anerkennt Chinas ökonomische und technologische Rolle und spricht von einer bereits realen multipolaren Welt. Doch er koppelt diese Anerkennung an eine zweite Botschaft: Europa bleibt ein unverzichtbarer Faktor für Stabilität, Wohlstand und Frieden. Das ist keine bloße Selbstberuhigung. Es ist der Versuch, Europa in einer Welt jenseits des US-zentrierten Westens als eigenständigen Pol zu definieren. Sánchez formuliert also keine Unterwerfungsgeste vor Peking, sondern ein Angebot zur Neuverhandlung globaler Gewichte. Wer nur den ersten Halbsatz hört – China als künftige Schlüsselmacht –, unterschlägt den zweiten: Europa will nicht Zuschauer der neuen Ordnung sein, sondern Mitarchitekt. Genau deshalb hat der spanische Regierungschef dieselbe Botschaft, wie die Moncloa betont, ausdrücklich für Madrid, Brüssel und den Rest der Welt reklamiert. (3)

Hier beginnt der dialektische Kern. Sánchez verwirft die Vorstellung eines bloßen Hegemoniewechsels und spricht stattdessen von einer Vermehrung der Pole. Das klingt zunächst optimistisch, fast versöhnlich: mehr Zentren, mehr Fortschritt, mehr Möglichkeiten. Aber dieser Optimismus ist nicht naiv, sondern interessengeleitet. Denn für ein Land wie Spanien, das weder Weltmacht noch Randfigur sein will, ist Multipolarität die historische Chance der mittleren Mächte. In einer binären Welt zwischen Washington und Peking wäre Madrid immer nachgeordnet. In einer pluraleren Welt kann es als Vermittler, Brückenbauer, Taktgeber und europäischer Sonderakteur auftreten. Deshalb nennt Sánchez in seiner Rede nicht zufällig auch Brasilien, Indien, Südafrika und Mexiko. Er zeichnet das Tableau einer Welt, in der nicht nur Großmächte zählen, sondern auch Staaten, die zwischen den Blöcken politische Elastizität entwickeln. (4)

Dass diese Rede ausgerechnet jetzt gehalten wurde, ist kein Nebengeräusch, sondern ihr eigentlicher Untertext. Reuters und AP ordnen die China-Reise in einen Moment hoher globaler Spannungen ein: Krieg um Iran, die fortgesetzten Verwüstungen in Gaza, Konflikte im Libanon und in der Ukraine, dazu eine sichtbar brüchigere Bindung zwischen Europa und den Vereinigten Staaten unter Donald Trump. Sánchez reiste nach China zum vierten Mal in vier Jahren beziehungsweise in gut drei Jahren – also nicht als diplomatischer Tourist, sondern als Politiker mit Linie. Seine Regierung hat sich in dieser Lage als stärker eigenständig profiliert als viele andere europäische Hauptstädte: kritisch gegenüber der israelischen Kriegsführung, skeptisch gegenüber US-Kriegslogiken, offen für Kontakte nach Peking, ohne formal den europäischen Kurs zu verlassen. Die Tsinghua-Rede ist daher weniger eine Ausnahme als die sprachlich eleganteste Verdichtung dieser Linie. (5)

Man sollte sich deshalb nicht vom milden Ton täuschen lassen. Diese Rede ist auch ein Dokument der Emanzipation, nicht vollständig von Washington, aber doch ein Stück weit aus seiner disziplinierenden Umlaufbahn. Wenn Sánchez in Peking sagt, dass Multipolarität akzeptiert werden müsse, dann richtet sich das nicht nur an China oder an seine chinesischen Zuhörer. Es ist ebenso eine Botschaft an jene europäische Klasse, die noch immer glaubt, strategische Mündigkeit bestehe darin, die alte Abhängigkeit in moralisch erhöhter Sprache zu wiederholen. Der spanische Regierungschef signalisiert: Europa muss sich in einer Welt behaupten, in der die USA nicht mehr automatisch Ordnungsgeber, Schutzmacht und ökonomischer Schiedsrichter zugleich sind. Das ist kein Bruch mit dem Westen, wohl aber eine Absage an den westlichen Monolog. (6)

Doch so geschmeidig die geopolitische Choreografie auch ist: Sánchez redet nicht bloß weich, er redet auch hart. Gerade nachdem er Chinas Größe, seine industrielle Kraft und seine Rolle in der Zukunft der Welt anerkannt hat, setzt er den zweiten Akzent: Handel müsse ausgewogener und gegenseitiger werden. Er fordert von China Öffnung, damit Europa sich nicht abschotten müsse. Das ist der Punkt, an dem die höfliche Peking-Rede ihren ökonomischen Stahlkern zeigt. Die Europäische Kommission beschreibt das Verhältnis zu China offiziell zugleich als Kooperation, Wettbewerb und systemische Rivalität; sie spricht von De-Risking, nicht von Entkopplung, und verweist auf erhebliche Marktasymmetrien, chinesische Industriepolitik und fortbestehende Hindernisse für europäische Unternehmen. Sánchez übersetzt genau diese Brüsseler Matrix in eine freundlichere, aber keineswegs weichere Sprache. (7)

Die nackten Zahlen erklären, warum. Nach Eurostat exportierte die EU 2025 Waren im Wert von 199,6 Milliarden Euro nach China und importierte 559,4 Milliarden Euro; das Defizit lag bei 359,8 Milliarden Euro. Die Kommission verweist zudem für 2024 auf ein Warenhandelsdefizit von 305,8 Milliarden Euro und betont ausdrücklich die strukturelle Unwucht der gegenseitigen Marktöffnungen. Für Spanien selbst ist die Lage ebenfalls unerquicklich: Reuters und AP berichten von einem Handelsdefizit mit China von rund 50 Milliarden Dollar beziehungsweise 42,3 Milliarden Euro im Jahr 2025; laut Sánchez mache China 74 Prozent des gesamten spanischen Handelsdefizits aus. Wer diese Zahlen liest, versteht sofort, warum die Rede in Peking zugleich Einladung und Warnung ist. Sánchez umarmt die Multipolarität, aber nicht um den Preis einer europäischen Deindustrialisierung mit freundlicher Begleitmusik. (8)

Gerade hier zeigt sich die Stärke und die Schwäche seines Ansatzes. Die Stärke: Er benennt die ökonomische Frage offen, statt sie hinter Phrasen von Dialog und Vertrauen zu verstecken. Die Schwäche: Er spricht so, als ließe sich das Problem durch ausgewogenere Handelsbeziehungen allein befrieden. Das ist der klassische Optimismus des reformistischen Internationalismus. Er hofft, dass globale Lieferketten gerecht organisiert werden können, wenn nur genügend politische Vernunft an den Tischen sitzt. Aber die kapitalistische Weltwirtschaft ist kein Seminarraum der Tsinghua-Universität. Sie ist ein Geflecht aus Überkapazitäten, Lohngefällen, Rohstoffabhängigkeiten, technologischen Monopolen und erzwungener Standortkonkurrenz. Wo Sánchez von geteiltem Wohlstand spricht, müsste man nüchterner hinzufügen: Geteilt werden in dieser Ordnung meist auch die Kosten – nur eben nicht gleichmäßig, sondern entlang der bekannten Falllinien von Klasse, Region und politischer Macht. Für den Süden oft als Verschuldung, für Europas Arbeiter als Standortdruck, für die Umwelt als ausgelagerte Verwüstung. Die Rede sieht die Schieflage, aber sie unterschätzt die Lok, die sie zieht. (9)

Ähnlich verhält es sich mit seinem Lob des Multilateralismus. Sánchez verteidigt die UNO, verlangt einen repräsentativeren Sicherheitsrat, eine stärkere Generalversammlung, mehr Mitsprache für alle Regionen und sogar den Verzicht des Westens auf einen Teil seiner Repräsentationsquoten zugunsten des globalen Südens. Das ist, gemessen an der oft selbstgerechten Routine europäischer Außenpolitik, erstaunlich weitgehend. Es ist auch politisch klug, weil es das Misstrauen vieler Länder des Südens gegenüber einer selektiven, westlich dominierten Regelordnung wenigstens rhetorisch ernst nimmt. Aber Multilateralismus ist kein Zauberwort. Er kann Kriege einhegen, aber nicht automatisch die Kräfte beseitigen, die sie hervorbringen. Er kann Institutionen demokratisieren, aber nicht von selbst die ökonomischen Ungleichheiten abschaffen, die hinter Machtblöcken, Sanktionen und militärischen Eskalationen stehen. Sánchez hat recht: Multipolarität ohne Regeln produziert Rivalität. Aber man muss hinzufügen: Regeln ohne materielle Gegenmacht verkommen oft zu Papier, sobald die großen Akteure ihre Interessen gefährdet sehen. (10)

Bemerkenswert ist, dass Sánchez in Peking das Völkerrecht ausdrücklich auf die Konflikte im Libanon, im Iran, in Gaza, im Westjordanland und in der Ukraine bezieht. Das ist diplomatisch nicht banal. Reuters und AP berichten, dass er China zu größerem Engagement drängte und zugleich selbst deutliche Positionen gegen Völkerrechtsbrüche und gegen die Eskalation im Nahen Osten vertreten hat. Damit versucht er, ausgerechnet in Peking eine Norm zu retten, die anderswo gerade zerrieben wird: dass Macht nicht alles darf. Man kann darüber spotten, weil das Völkerrecht seit Jahren von den Mächtigen selektiv benutzt, ignoriert oder gebeugt wird. Aber die Alternative wäre die offene Rückkehr zur nackten Gewalt, ordentlich kostümiert nur durch geopolitische PR. Insofern hat Sánchez in einem entscheidenden Punkt recht: Wenn die Welt sich vervielfacht, müssen auch die Regeln vervielfältigte Geltung bekommen. Sonst endet die schöne Multipolarität als Markthalle bewaffneter Nationalismen. (11)

Und doch bleibt in der Rede ein Schweigen hörbar. Sánchez spricht von globalen öffentlichen Gütern, von Klimakrise, Gesundheit, künstlicher Intelligenz, nuklearer Kontrolle und Armutsbekämpfung. Er hat allen Grund dazu, denn diese Felder lassen sich tatsächlich nicht national lösen. Aber auch hier wird die Sprache schnell moralisch, wo die Realität brutal ökonomisch ist. Wer soll zahlen, wer verzichtet, wer verliert Profite, wer gibt Patente frei, wer erlässt Schulden nicht aus humanitärer Geste, sondern gegen die Interessen der eigenen Finanz- und Industriebasis? Die Rede beantwortet das nicht. Sie appelliert an Verantwortung, wo in Wahrheit eine Auseinandersetzung um Eigentum, Technologiezugang, Kreditmacht und Ressourcenkontrolle tobt. Der Rückgang der Finanzierung globaler öffentlicher Güter, auf den Sánchez verweist, ist ja kein Naturereignis. Er ist das politische Ergebnis einer Welt, in der Rüstung, Abschottung und industriepolitischer Nationalismus schneller mobilisieren als solidarische Transfermechanismen. (12)

Trotzdem wäre es falsch, diese Rede als bloßes Illusionstheater abzutun. Sie ist politisch bedeutsam, gerade weil sie etwas Seltenes versucht: eine europäische China-Politik zu formulieren, die weder in kalten Blockreflex verfällt noch in die schwärmerische Legende vom harmonischen Aufstieg einer neuen Weltmitte. Sánchez sagt im Kern: China ist Realität, Europa ist Realität, die USA sind nicht mehr der alleinige Taktstock, und wer in dieser Lage nur in Freund-Feind-Schablonen denkt, handelt verantwortungslos. Das ist weniger spektakulär als manche martialische Sonntagsrede, aber strategisch womöglich klüger. Er bietet Peking Respekt an, ohne die europäische Interessenfrage aufzugeben. Er verteidigt Europa, ohne die Welt auf Europa zu verengen. Und er spricht über Kooperation, ohne Konkurrenz zu leugnen. Genau deshalb wirkt die Rede nicht wie ein Bekenntnis, sondern wie ein Positionspapier eines Landes, das seinen Platz in der kommenden Unordnung sucht. (13)

Am Ende greift Sánchez zum Bild der Erde aus dem All: eine blaue Kugel ohne Grenzen, gesehen aus jener Distanz, in der die alten Karten und ihre Eitelkeiten verblassen. Das ist schön, vielleicht zu schön. Denn von dort oben sieht man weder Containerhäfen noch zerstörte Städte, weder Zollschranken noch Flüchtlingslager, weder Aktienkurse noch Massengräber. Der Blick aus dem Orbit versöhnt, weil er abstrahiert. Politik aber muss unten stattfinden, wo Macht, Kapital und Gewalt konkrete Adressen haben. Vielleicht ist das die letzte Dialektik dieser Rede: Sie entwirft eine universale Menschheit, während sie zugleich ein sehr konkretes nationales und europäisches Interesse organisiert. Gerade deshalb ist sie lesenswert. Nicht weil sie die Widersprüche der Gegenwart aufhebt, sondern weil sie sie in eine Sprache übersetzt, die weder offen zynisch noch offen unterwürfig ist. Ich würde behaupten: Das ist keine neue Weltordnung. Aber es ist der Versuch, die alte endlich nicht mehr für naturgegeben zu halten. (14)

Quellen:

(1) https://www.lamoncloa.gob.es/presidente/intervenciones/Paginas/2026/20260413-transcripcion-sanchez-universidadtsinghua.aspx

(2) ebenda

(3) ebenda

(4) ebenda

(5) https://www.reuters.com/world/china/spanish-premier-sanchez-heads-fourth-china-visit-risks-annoying-trump-2026-04-12/

(6) https://www.reuters.com/world/china/spanish-premier-urges-china-take-bigger-role-multipolar-order-2026-04-13/

(7) https://policy.trade.ec.europa.eu/eu-trade-relationships-country-and-region/countries-and-regions/china_en

(8) https://ec.europa.eu/eurostat/web/products-eurostat-news/w/ddn-20260410-2

(9) https://www.lamoncloa.gob.es/presidente/intervenciones/Paginas/2026/20260413-transcripcion-sanchez-universidadtsinghua.aspx

(10) ebenda

(11) https://www.reuters.com/world/china/spanish-premier-urges-china-take-bigger-role-multipolar-order-2026-04-13/

(12) https://www.lamoncloa.gob.es/presidente/intervenciones/Paginas/2026/20260413-transcripcion-sanchez-universidadtsinghua.aspx

(13) ebenda

(14) ebenda

About the author

Holger Elias

Studien der Journalistik und Kommunikations-Psychologie. War beruflich als Korrespondent und Redakteur bei Nachrichtenagenturen (reuters, cna usw.), für überregionale Tageszeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen tätig. Lebte und arbeitete knapp acht Jahre als EU-Korrespondent in Brüssel. Als Verleger und Publizist gab er knapp 140 Buchtitel heraus.

By Holger Elias

Neueste Beiträge

Archiv

Get in touch