Der Blick aus der bequemen Gegenwart in das tägliche Elend ist selten, und wenn er stattfindet, dann vorzugsweise mit der langen Pinzette der Geopolitik. Ladislaus Ludescher hat dieser Gewohnheit eine gründliche empirische Prüfung verpasst – und die Diagnose fällt verheerend aus. Seine Studie über den Globalen Hunger und die mediale Vernachlässigung des Globalen Südens wertet 39 Medienformate aus, darunter die reichweitenstärksten Nachrichtensendungen im deutschsprachigen Raum, rund 500 politische Talkshows und über 1.000 Printausgaben; der Kernzeitraum ist das Jahr 2022, ergänzt um Rück- und Ausblicke.
Es geht um mehr als Stimmungsbilder: über 8.000 Nachrichtensendungen (rund 2.100 Stunden), 500 Stunden Talkshows, 37.000 Druckseiten – ein Korpus, groß genug, um Routinen sichtbar zu machen. Visuell wird vor allem dies: In den primären Nachrichtengefäßen entfallen etwa zehn Prozent der Sendezeit auf den Globalen Süden, wo 85 Prozent der Weltbevölkerung leben¹. Das Thema Hunger selbst bleibt – angesichts von täglich rund 24.000 Toten, darunter alle 13 Sekunden ein Kind unter fünf Jahren – randständig². Die Studie nennt Hunger das »größte lösbare Problem der Welt« – und dokumentiert, wie er in der Öffentlichkeit systematisch unsichtbar bleibt³.
Die Nüchternheit der Zahlen ist die größte Anklage. Während die weltweiten Militärausgaben 2023 sich nahe 2,5 Billionen US-Dollar bewegten, standen 2020 für die Hungerbekämpfung etwa zwölf Milliarden bereit⁴ – ein Verhältnis, das man nicht erklären, sondern nur ertragen kann, wenn man es nicht sehen will. Ludescher insistiert darauf: Der Welthunger ist kein Naturereignis, sondern eine Frage des politischen Willens – und damit auch eine Frage der öffentlichen Aufmerksamkeit. Wer nicht ins Bild gerät, verschwindet aus der politischen Kalkulation.
Die Medien, erinnert der Autor, sind nicht bloß Spiegel, sie sind auch Motor. Ludescher zitiert Ezra Klein: »Die Medien reflektieren nicht nur, sie erschaffen auch selbst etwas«⁵. Das ist, in Zeiten algorithmischer Resonanzräume, keine steile These, sondern Alltag – und sie hat eine Kehrseite: Agenda-Setting ist immer auch Agenda-Cutting. Gatekeeping bedeutet Auswahl, und das Ausgelassene verschwindet, ohne je gewesen zu sein. Die Studie verortet den Globalen Hunger »am Ende der Nahrungskette der medialen Aufmerksamkeit«⁶ – dort, wo die Welt zwar stattfindet, aber nicht erwähnt wird.
Die Fallbeispiele machen aus der These eine Zustandsbeschreibung. In der Tagesschau erhielt in der ersten Jahreshälfte 2022 der Sport mehr Sendezeit als alle Länder des Globalen Südens zusammen; in der österreichischen Zeit im Bild 1 kam die britische Königsfamilie häufiger vor als der Globale Hunger; in der Schweizer Tagesschau wurde die Oscar-Ohrfeige von Will Smith umfangreicher behandelt als die Bürgerkriege im Jemen und in Tigray⁷. Das ist keine Karikatur, sondern Messresultat. Wer daraus bloß feuilletonistischen Zynismus liest, hat den Kern verfehlt: Es handelt sich um strukturelle Unsichtbarmachung, gewoben aus Routinen, Nachrichtenwertkriterien und einem Diskurszirkel, der vor allem die eigene Welt reproduziert.
Exemplarisch verdichtet sich die Schieflage am »ukrainischen Getreide«. Ja, die Blockade trieb die Weltmarktpreise, ja, sie verschärfte die Lage im Süden. Aber nur in einem Bruchteil der Beiträge wurde genau darüber berichtet; der Großteil ordnete das Getreide in die geopolitische Konfrontation zwischen Russland und der Ukraine respektive dem Westen ein. Der Globale Süden tauchte dabei oft nur als Spielfigur auf dem Brett einer europäischen Selbsterzählung auf⁸.
Zu den stärksten Passagen der Studie gehören die Rekonstruktionen vergessener Katastrophen. Die große Hungersnot am Horn von Afrika 2011 – über 250.000 Tote, mehr als die Hälfte Kinder – verschwand weitgehend aus dem Blick; der »tödlichste Krieg des 21. Jahrhunderts« in Tigray mit bis zu 600.000 Opfern und die »schlimmste humanitäre Krise der Welt« im Jemen fanden, gemessen an ihrer Dimension, kaum statt⁹. Diese Benennungen sind nicht polemisch, sondern Übernahmen aus UN- und Forschungsliteratur; die mediale Resonanz blieb, nüchtern gesagt, inadäquat.
Die Studie belässt es nicht beim Rundfunk. Sie blickt in die politischen Talkshows und findet, was viele ahnen: Desinteresse an den Ursachen und Konsequenzen des Welthungers dominiert. Am Beispiel Markus Lanz lässt sich nachzeichnen, wie die Dramaturgie nationaler Debatten den außenweltlichen Befund wegmoderiert¹⁰. Und sie nimmt die Printlandschaft in die Pflicht: Für Die Welt und die Welt am Sonntag konstatiert Ludescher eine euro- und wirtschaftszentrische Selektion, in der elementare Krisen im Süden zum großen Teil gar nicht vorkamen – dafür ein spielerischer Jahresrückblick im Monopoly-Design¹¹. Das ist – freundlich formuliert – eine hübsche Metapher wider Willen.
Wichtig ist, dass Ludescher nicht in kulturpessimistische Agonie verfällt. Er zeigt, dass es anders geht. Das ARTE Journal und die taz treten als Gegenbelege auf: globaler Zugriff, erkennbare Bereitschaft, Ereignisse im Süden nicht nur unter den vier K’s (Krisen, Kriege, Katastrophen, Krankheiten) zu fassen, sondern in ihrer Eigenlogik – bis hin zu Positivbeispielen. Auch quantitativ fällt die taz aus dem Raster; sie war 2022 die seltene Tageszeitung, die Hunger mehrfach als Topthema setzte¹². Die Pointe ist schlicht: Öffentlichkeit kann anders organisiert werden.
Dass Ludescher die ethische Dimension nicht outsourct, ist eine seiner Stärken. Er erinnert daran, was Hilfsorganisationen seit Jahren vermelden: Schon während der Pandemie drohten zusätzliche Millionen Fälle akuter Mangelernährung; selbst die Auszeichnung des Welternährungsprogramms mit dem Friedensnobelpreis 2020 rutschte in der Tagesschau ans Ende der Sendung¹³. Nicht, weil es unbedeutend gewesen wäre, sondern weil es nicht in die Dramaturgie passte. Wer je die Theorie der »strukturellen Gewalt« gelesen hat, wird hier an Johan Galtung denken: Gewalt ist auch, was Lebensmöglichkeiten systematisch verkürzt¹⁴ – und das lässt sich, traurigerweise, messen.
Die politische Gegenwart verschärft das Problem. Wo »Zeitenwende« zur Chiffre der Aufrüstung wird, rückt die Frage nach der Prioritätensetzung unausweichlich in den Vordergrund. Der Verteidigungsminister hat im Herbst 2023 öffentlich postuliert, Deutschland müsse »kriegstüchtig« werden; 2024 bekräftigte er im Bundestag die Zielmarke 2029¹⁵. Man kann das, aus sicherheitspolitischer Perspektive, plausibel finden. Man sollte dann aber erklären, warum die Gesellschaft nicht zugleich »hungertüchtig« sein soll – wehrhaft gegen das Sterben, das jeden Tag stattfindet.
Ludescher zieht aus alledem keine simplen medienfeindlichen Schlüsse. Er beschreibt einen »Diskurszirkel«, der Binnenaufmerksamkeit erzeugt und die Welt entlang eingefahrener Pfade reproduziert; und er erklärt, warum es schwer ist, diesen Zirkel zu durchbrechen. Aber er zeigt auch, dass es möglich ist – wenn Redaktionen ihre eigenen Kriterien befragen und das Publikum als bild-, nicht als abbildbar begreifen. Das ist, nebenbei, auch Demokratiepädagogik: Wer über den Süden nicht berichtet, wird seine Politik nicht verstehen. Die divergierenden Abstimmungen in der UNO – jüngst sichtbar im Schatten von Ukraine- und Gaza-Krieg – überraschen den Westen nur, weil er seinen Gegenüber weder sieht noch hören will¹⁶.
Die Rezension einer Studie ist kein Ort für Pathos, und Ludescher hat es nicht nötig. Er liefert, was Debatten brauchen: belastbare Daten, nachvollziehbare Operationalisierungen, transparente Beispiele. Gewiss, man kann über Schwellenwerte und Kategorienschemata streiten, wie in jeder Inhaltsanalyse. Aber der strukturierte Befund – Marginalisierung des Südens; Geopolitik statt Leben; Ereignis- statt Prozesslogik – ist in seiner Evidenz schwer zu bestreiten. Noch schwerer ist es wegzudiskutieren, dass aus ihm eine Verantwortung folgt: Wenn Medien Diskurse erzeugen, dann sind sie für das, was sie nicht erzeugen, mitverantwortlich.
Der letzte Satz gehört Brecht: »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.«¹⁷ Es ist eine bittere Wahrheit über den Menschen – und ein unfreundlicher Spiegel für den Journalismus, der die Moral gern als Leitartikel rubriziert, während er das Fressen in den Fußnoten belässt. Vielleicht ist es Zeit, die Ordnung einmal umzudrehen – nicht als Moralpredigt, sondern als redaktionelle Praxis.
Ladislaus Ludescher: Vergessene Welten und blinde Flecken. Wie deutsche Medien über den Globalen Süden berichten (heiBOOKS, Heidelberg 2025, ISBN 978-3-911056-35-9, 296 Seiten, 38 Euro)
Endnoten
- Ludescher, Vergessene Welten und blinde Flecken, S. 21 ff.
- Ebenda, S. 36–39.
- Ebenda, S. 42.
- Ebenda, S. 44; vgl. UN FAO 2023.
- Ebenda, S. 53.
- Ebenda, S. 55.
- Ebenda, S. 61–64.
- Ebenda, S. 75–78.
- Ebenda, S. 84 ff.
- Ebenda, S. 97.
- Ebenda, S. 112.
- Ebenda, S. 129 ff.
- Ebenda, S. 136.
- Galtung, J. (1969). Violence, Peace, and Peace Research. Journal of Peace Research, 6(3), 167–191.
- Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll 20/241, 17. 10. 2024.
- Ludescher, Vergessene Welten, S. 147 ff.
- Bertolt Brecht: Die Dreigroschenoper, 1928, Zweiter Akt.
