Der weiße Schnee und die dunkle Bilanz

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Es gibt politische Begriffe, die klingen wie frische Münzen, obwohl sie längst von vielen Händen abgerieben worden sind. „Soft Power“ ist so ein Wort. „Sportswashing“ erst recht. Beide Begriffe tragen heute den Geruch von Talkshows, Leitartikeln und akademischen Konferenzen. Aber selten werden sie so sauber an einem konkreten Fall durchgespielt wie in Tobias Thune Jacobsens Forschungsaufsatz über die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking, erschienen am 28. Januar 2026 im International Journal of Sport Policy and Politics. Jacobsen untersucht nicht nur, wie China die Spiele zur Verbesserung seines internationalen Ansehens einzusetzen versuchte. Er zeigt auch, dass zwischen Propagandashow, diplomatischer Bühne, Medienkampf und innerer Herrschaftsstabilisierung kein sauberer Trennstrich verläuft. Gerade darin liegt der Erkenntniswert des Textes: Die Winterspiele erscheinen nicht als sportliches Großereignis mit politischen Nebengeräuschen, sondern als ein geopolitisches Labor, in dem Macht ästhetisch verpackt und Kritik taktisch umgelenkt wird.

Der vielleicht wichtigste Verdienst des Berichts besteht darin, dass er die alte liberale Illusion zerlegt, Sport sei ein neutrales Feld, auf dem sich Völker friedlich begegnen und Politik nur als unerwünschter Gast auftauche. Jacobsen erinnert daran, dass Sport nie außerhalb gesellschaftlicher Konflikte existiert. Er ist Bühne, Markt, Ritual, Identitätsmaschine und, wo Staaten ihn großformatig organisieren, immer auch ein Instrument symbolischer Herrschaft. Peking 2022 war dafür ein Musterfall: China konnte sich als erste Stadt inszenieren, die sowohl Sommer- als auch Winterspiele ausgerichtet hat, und damit nicht bloß organisatorische Kompetenz, sondern weltpolitische Reife reklamieren. Die olympische Bühne wurde so zum Schaufenster eines Staates, der sich nicht nur modern, effizient und technologisch führend zeigen wollte, sondern zugleich beanspruchte, innerhalb einer westlich geprägten Institution die eigenen Werte und das eigene Entwicklungsmodell als konkurrenzfähig vorzuführen.

Damit berühren wir den Kern des Problems. Das autoritäre Regime tritt heute nicht mehr notwendig mit der groben Pose des Zensors auf, der nur verbietet, sperrt und niederknüppelt. Es bevorzugt oft die feinere Methode: die Inszenierung von Zustimmung. Nicht die offene Drohung ist das erste Bild, sondern die choreografierte Harmonie. Nicht der Stacheldraht steht im Vordergrund, sondern das makellose Stadiondach. Nicht das Arbeitslager beherrscht die Kamera, sondern die Eiskunstlaufkür. Gerade deshalb ist der Begriff „Sportswashing“ so wirkmächtig geworden. Er benennt die Praxis, mit Hilfe des Sports den Schmutz politischer Repression durch Glanzbilder zu überblenden. Doch Jacobsen belässt es nicht bei dieser moralischen Pointe. Er arbeitet heraus, dass der Begriff selbst aus dem medialen Schlagwortschatz stammt und zunächst eher anklagende Formel als analytisch präzises Instrument war. Erst neuere Forschung versucht, daraus einen belastbaren Begriff zu machen. Das ist wichtig, weil die Debatte sonst im bloßen Empörungsreflex steckenbleibt: Man ruft „Sportswashing!“ und fühlt sich bereits auf der richtigen Seite der Geschichte. Aber Erkenntnis verlangt mehr als Alarmrufe; sie verlangt Begriffe, die erklären, wie Macht konkret funktioniert.

Jacobsen verweist deshalb auf den Forschungsstand, nach dem Sportswashing nicht einfach das Reinwaschen eines schlechten Rufs bedeutet, sondern ein Geflecht aus Interessen, Deutungen und institutionellen Mitspielern umfasst. Sportverbände, Sponsoren, Medien, Fans, Staaten und kommerzielle Akteure bilden zusammen jene Maschine, die aus Mega-Events globale Bedeutungsfabriken macht. An diesem Punkt wird die Sache unerquicklich für all jene, die sich gern einreden, der Internationale Olympische Ausschuss sei ein über den Mächten schwebender Hüter edler Ideale. Der Bericht legt vielmehr nahe, dass gerade die Institutionen des Weltsports tief in politische und ökonomische Logiken eingelassen sind. Der IOC erscheint dabei nicht nur als naiver Gastgeberverteiler, sondern als Teil jener Struktur, die Legitimität erzeugt, während sie Neutralität behauptet. Die Winterspiele in Peking waren darum keine Kontamination eines ansonsten unschuldigen Sports. Sie waren die Fortsetzung institutioneller Komplizenschaft mit den Mitteln der Eröffnungszeremonie.

Wie also versuchte China, auf dieser Bühne Anziehungskraft zu produzieren? Jacobsen identifiziert drei große Erzählstränge: Einheit, Innovation und Nachhaltigkeit. Unter dem Motto „Together for a Shared Future“ und der Zeremonieformel „One World, One Family“ wurde die Welt als schneeflockenförmige Versöhnungsgemeinschaft dargestellt. Die Eröffnungsfeier zeigte Vertreter aller 56 offiziell anerkannten Ethnien Chinas, darunter auch Uiguren; einzelne Schneeflocken mit den Namen der teilnehmenden Nationen verschmolzen zu einem großen Symbol globaler Harmonie. Das ist, nüchtern betrachtet, die Ästhetik des Einverständnisses: ein visuelles Versprechen, dass Unterschiede im olympischen Geist aufgehoben werden könnten. Politisch gelesen war es mehr. Es war die Behauptung, China sei nicht Problem, sondern Klammer; nicht Gegenstand von Kritik, sondern Moderator einer gemeinsamen Zukunft. Wer eine solche Botschaft sendet, will nicht bloß gefallen. Er will Deutungshoheit.

Zur zweiten Erzählung gehörte das Bild des technologisch überlegenen, infrastrukturell souveränen Staates. Moderne Wettkampfstätten, erneuerte Prestigeobjekte wie das „Bird’s Nest“, neue Schnellbahnverbindungen, künstliche Intelligenz in Übersetzung, Sicherheit, Catering und Organisation: Die Spiele sollten als Leistungsschau einer Macht erscheinen, die nicht nur gehorchen, sondern führen kann. Selbst das Maskottchen Bing Dwen Dwen, ein Panda im eisigen Astronautenanzug, wurde zum Symbol dieser Bildpolitik. Hier lächelt nicht irgendein Tier; hier winkt die freundlich verniedlichte Version eines Staates, der seine Weltraumambitionen, seinen Modernisierungswillen und seine technologische Selbstgewissheit in ein konsumierbares, herziges Emblem gießt. So funktioniert zeitgenössische Herrschaftsästhetik: Sie tarnt Stärke nicht mehr nur als Ordnung, sondern als Niedlichkeit. Ein Regime, das Satelliten plant, sendet Pandas.

Die dritte Erzählung lautete Nachhaltigkeit. Auch sie wurde sorgfältig aufpoliert. Wiederverwendete Infrastruktur aus den Spielen von 2008, umfunktionierte Hallen, erneuerbare Energie in Zhangjiakou, Wasserwürfel als Curlinghalle, Wasserstoffbusse, grüne Stromnetze – all das sollte Peking 2022 als Modell eines ökologisch verantwortlichen Mega-Events erscheinen lassen. Die Flamme selbst wurde verkleinert und als Symbol eines „grünen, inklusiven, offenen und sauberen“ Olympia gedeutet. Es ist die typische Dialektik solcher Inszenierungen: Gerade dort, wo der ökologische Fußabdruck gigantischer Events längst notorisch ist, wird Nachhaltigkeit zum emotionalen Werbewort erhoben. Je offensichtlicher die materielle Belastung, desto emphatischer die moralische Verpackung.

Und hier beginnt die Fassade zu reißen. Denn derselbe Bericht, der Chinas Erzählstrategien rekonstruiert, zeigt auch die Gegenkräfte: Menschenrechtskritik, diplomatische Boykotte, Medienberichte über Repressionen, Fragen nach Zwangsarbeit in Xinjiang, Vorwürfe gegen den IOC wegen unzureichender Sorgfaltspflichten. Mehr als 180 Menschenrechtsorganisationen riefen laut der im Bericht referierten Quellen zum Boykott der Spiele auf; mehrere Staaten, darunter die USA, Kanada, Großbritannien, Australien, Litauen, Belgien, Estland und Dänemark, beteiligten sich an diplomatischen Boykotten. Was hier sichtbar wird, ist die Grundspannung jeder autoritären Imagepolitik: Je größer die Bühne, desto heller auch das Licht, das auf ihre dunklen Ränder fällt.

Besonders deutlich wurde diese Spannung am Umgang mit der Uiguren-Frage. Die Auswahl der uigurischen Athletin Dinigeer Yilamujiang als eine der letzten Fackelträgerinnen in der Eröffnungszeremonie konnte man als symbolische Inklusion lesen. Kritiker lasen sie anders: als kalkulierte Gegenbotschaft gegen internationale Berichte über Unterdrückung in Xinjiang. Genau hier entfaltet der Begriff Sportswashing seine Schärfe. Es geht nicht nur darum, dass Sport von Politik missbraucht wird. Es geht darum, dass Symbolhandlungen so arrangiert werden, dass sie moralische Gegenbeweise simulieren. Die Choreografie sagt: Seht her, die Angegriffenen stehen doch mitten im Bild. Als ob Sichtbarkeit bereits Freiheit wäre. Als ob ein Platz im Rampenlicht die Struktur der Herrschaft widerlegte, die dieses Licht überhaupt kontrolliert.

Hinzu kam, dass selbst die grüne Erzählung auf einem materiellen Widerspruch stand. Laut den im Aufsatz referierten Angaben wurden die Skiwettbewerbe vollständig von Kunstschnee getragen; allein dessen Herstellung soll mehr als 222 Millionen Liter Wasser verbraucht haben. Das ist die Ökologie des Spektakels in Reinform: Man verkündet Nachhaltigkeit und züchtet parallel die technischen Voraussetzungen einer künstlichen Winterlandschaft in einer Region mit unzureichendem natürlichen Schneefall. Der Kunstschnee wird so zur treffenden Metapher des gesamten Ereignisses. Er ist weiß, aber nicht unschuldig; er glänzt, aber er fällt nicht vom Himmel. Er ist das Produkt einer Apparatur, die Natur imitieren muss, um ihre Erzählung von Natürlichkeit aufrechterhalten zu können.

Doch Jacobsen geht einen Schritt weiter, der den Aufsatz interessant und zugleich diskussionswürdig macht. Er argumentiert, dass Sportswashing nicht notwendig beim Vorwurf stehenbleibt. Unter bestimmten Bedingungen kann aus anfänglich negativer Aufmerksamkeit mit der Zeit eine stabilisierende Soft-Power-Wirkung entstehen. Er stützt sich dabei auf Forschung, die ein Drei-Wellen-Modell beschreibt: zuerst scharfe Medienkritik, dann Debatten über Werte und kulturelle Unvereinbarkeit, schließlich das Abflauen der Kritik, während ökonomische und sportliche Aspekte wieder dominieren. Für Peking 2022 verweist der Bericht unter anderem auf eine Inhaltsanalyse von 1640 Zeitungsartikeln aus Deutschland, Litauen, Italien und Rumänien, wonach während der Spiele Begriffe wie „Boykott“, „Menschenrechte“, „Uiguren“ und „Xinjiang“ seltener wurden als im Vorfeld. Das ist eine zentrale, unbequeme Beobachtung. Sie besagt: Nicht jede frühe Empörung hält durch. Das Spektakel besitzt die Kraft, seine eigenen Ankläger zu ermüden. [1]

Gerade hier muss man allerdings journalistisch nachfassen. Denn aus dem Rückgang kritischer Begriffe in der Berichterstattung folgt nicht automatisch ein moralischer oder politischer Erfolg des Regimes. Es könnte ebenso bedeuten, dass der Nachrichtenzyklus seine bekannte Krankheit auslebt: Die Aufmerksamkeit springt, die Entrüstung ist konjunkturell, das Event verdrängt den Kontext. Ein Slalomlauf produziert Bilder; ein Internierungslager produziert Akten. Die mediale Ökonomie bevorzugt das Bewegte, das Farbige, das Siegerfoto. Wenn also Kritik während der Spiele abnimmt, ist das nicht nur ein möglicher Sieg chinesischer Narrativkontrolle, sondern womöglich auch ein Beleg für die strukturelle Oberflächlichkeit globaler Event-Berichterstattung. Das macht Jacobsens These nicht falsch, aber es macht sie unruhig. Die Grenze zwischen erfolgreicher Soft Power und bloßem Aufmerksamkeitsverschleiß verläuft nicht sauber. Sie ist selbst Teil des Problems.

Noch schärfer wird diese Unruhe im Kapitel über Medienkontrolle und Disziplinierung. Jacobsen beschreibt, wie China während der Spiele Medien- und Internetkontrolle verschärfte, internationalen Journalisten die freie Arbeit erschwerte und Athleten vor kritischen Äußerungen warnte. Laut den im Bericht zitierten Quellen drohten Konsequenzen bis hin zum Ausschluss aus dem Olympischen Dorf bei unangemessenen Aussagen; einzelne Athleten sprachen erst nach der Abreise offen oder hielten sich aus Sorge zurück. Selbst Social-Media-Inhalte wurden demnach entfernt oder korrigiert. Das ist der Punkt, an dem die Maske der Soft Power zu rutschen beginnt. Denn Attraktivität, die durch Zensur abgesichert werden muss, ist eine merkwürdige Attraktivität. Wenn ein Staat die Begeisterung überwacht, beweist er damit unfreiwillig sein Misstrauen gegen die Freiheit des Begeisterten.

Trotzdem wäre es zu einfach, hier nur die bekannte Moralfabel zu erzählen: autoritäres Regime böse, freie Welt gut. Jacobsen macht auf eine wichtige Asymmetrie aufmerksam, die man ernst nehmen muss. Nichtwestliche, insbesondere autoritär regierte Staaten werden bei imagepolitischen Sportstrategien oft schneller mit dem Vorwurf des Sportswashing belegt, während westliche Demokratien ähnliches Handeln eher unter „Sportdiplomatie“ oder „Soft Power“ verbuchen lassen. Dieser Hinweis ist unerquicklich, aber notwendig. Denn Begriffe sind nie unschuldige Instrumente. Sie spiegeln Machtverhältnisse, kulturelle Vorannahmen und geopolitische Sympathien. Wer Sportswashing analysieren will, darf darum weder autoritäre Propaganda relativieren noch westliche Doppelstandards verschweigen. Die begriffliche Moral muss selbst moralisch geprüft werden.

Gerade deshalb ist der originellste Begriff des Aufsatzes auch sein riskantester: „reverse sportswashing“. Gemeint ist damit, dass internationale Kritik am Sportereignis nicht einfach den Ruf des Gastgeberstaates beschädigt, sondern im Innern politisch umgewertet und zur Stabilisierung des Regimes genutzt werden kann. Was von außen als Skandal erscheint, wird nach innen als feindliche Kampagne gerahmt; was als Delegitimierung gedacht ist, kann in nationalistische Trotzenergie verwandelt werden. Das Regime sagt dann sinngemäß: Seht ihr, man gönnt uns unseren Erfolg nicht, weil wir unseren eigenen Weg gehen. Kritik von außen wird zur Bestätigung der eigenen Größe umcodiert.

Diese Figur ist außerordentlich aufschlussreich. Sie erinnert daran, dass Macht nicht nur darin besteht, ein freundliches Bild nach außen zu senden, sondern auch darin, negative Fremdwahrnehmung nach innen produktiv zu machen. In diesem Sinne war Peking 2022 nicht bloß eine internationale PR-Kampagne, sondern auch ein innenpolitisches Lehrstück über Loyalität. Die Medaillen chinesischer Athleten – neunmal Gold, viermal Silber, zweimal Bronze, wie der Bericht festhält – konnten in staatlichen Medien als Beweis nationaler Stärke gefeiert werden. Die Spiele dienten so zugleich als patriotische Verdichtungsmaschine. Das Publikum im Innern sollte nicht lediglich stolz auf gute Organisation sein, sondern auf die Vorstellung, einer aufsteigenden, verkannten, von außen unfair behandelten Zivilisationsmacht anzugehören.

Hier berührt der Aufsatz eine Wahrheit, die weit über China hinausweist. Autoritäre Systeme leben nicht nur von Repression, sondern von Erzählungen über Würde, Wiederaufstieg, historische Kränkung und nationale Selbstbehauptung. Der Sport eignet sich dafür glänzend, weil er Siege ohne lange Begründung liefert. Eine Goldmedaille argumentiert nicht; sie glänzt. Eine Siegerehrung ist die politische Kurzform einer Weltanschauung. Wenn also ein Staat solche Bilder ausrichtet, kuratiert und kommentiert, dann nutzt er den Sport als komprimierte Pädagogik des Nationalgefühls. Man könnte sagen: Das Podium ist die Kanzel der säkularen Nation.

Was folgt daraus? Zunächst dies: Wer Sportswashing nur als Täuschung der Außenwelt versteht, denkt zu flach. Jacobsen überzeugt gerade dort, wo er zeigt, dass dieselben Bilder gleichzeitig in verschiedene Richtungen arbeiten können. Nach außen sollen sie Attraktivität, Modernität und Verantwortung signalisieren; nach innen sollen sie Geschlossenheit, Stolz und Regimetreue nähren. Das ist kein Widerspruch, sondern die doppelte Buchführung politischer Symbolik. Der autoritäre Staat will bewundert werden und gehorcht sehen. Er will Marktchancen und emotionale Disziplin. Er will Investitionen und Identifikation. Peking 2022 bot dafür die passende Kulisse: Eis, Fahnen, Bildgewalt, Weltöffentlichkeit.

Aber der Bericht legt ungewollt noch eine zweite, fast bitterere Wahrheit frei. Sportswashing funktioniert nicht allein, weil autoritäre Staaten gut inszenieren. Es funktioniert auch, weil globale Institutionen, Medien und Konsumöffentlichkeiten bereitwillig mitspielen. Das Spektakel ist eine Kooperation. Der IOC braucht den zahlungskräftigen, effizienten Gastgeber. Sponsoren brauchen das Ereignis. Sender brauchen Bilder. Plattformen brauchen Aufmerksamkeit. Fans wollen Rekorde, Tränen, Dramen, Medaillen. Das Ganze gleicht weniger einer zentral gesteuerten Verschwörung als einem großen Markt der moralischen Verdrängung, in dem jeder Akteur ein Stück Verantwortung delegiert. Niemand will allein schuldig sein, also verteilt man die Schuld auf alle – bis sie unsichtbar wird.

Und genau hier liegt die bleibende Pointe von Jacobsens Analyse. Der Aufsatz zeigt, dass Soft Power keine sanfte, friedliche Alternative zur Macht ist, sondern oft deren elegante Oberfläche. Sie ist nicht das Gegenteil von Herrschaft, sondern ihre verführerische Form. Gerade im Sport wird das sichtbar, weil dort Leistung, Emotion und Symbolik sich so dicht verschränken, dass politische Fragen leicht als Störung des schönen Spiels erscheinen. Doch vielleicht ist es umgekehrt: Nicht die Kritik stört den Sport, sondern der depolitisierte Sport stört die Kritik. Er setzt an die Stelle des Nachdenkens ein Staunen, an die Stelle des Konflikts eine Zeremonie, an die Stelle der Gewaltgeschichte eine Medaillenstatistik.

Die Winterspiele von Peking waren deshalb nicht bloß ein Fall chinesischer Imagepolitik. Sie waren ein Lehrstück über die Gegenwart selbst. Über eine Welt, in der Herrschaft ästhetisch und Kritik episodisch geworden ist. Über eine mediale Ordnung, die Empörung zwar hervorbringen, aber nur selten durchhalten kann. Über internationale Institutionen, die sich moralisch überhöhen, während sie ökonomisch verstrickt bleiben. Und über autoritäre Regime, die gelernt haben, dass man heute nicht nur Panzer und Polizeiapparate braucht, sondern auch Maskottchen, Slogans und sauber ausgeleuchtete Eröffnungsfeiern.

Der Schnee von Peking war künstlich. Das macht ihn zum vollkommenen Symbol dieser Spiele. Er lag da wie Natur und war doch Produkt einer Apparatur. Er wirkte rein und war Teil einer hochpolitischen Herstellung. Er schuf die Bedingungen des Wettkampfs und verdeckte zugleich die Bedingungen seiner eigenen Existenz. So ähnlich verhält es sich mit dem großen politischen Schnee unserer Zeit: Er fällt nicht, er wird gemacht. Und wer unter ihm jubelt, sieht womöglich nicht mehr, auf welchem Boden er steht.

Quelle

[1] Tobias Thune Jacobsen: Understanding the interplay of sportswashing and soft power in the case of the Beijing 2022 Winter Olympics, International Journal of Sport Policy and Politics, online veröffentlicht am 28. Januar 2026, DOI: 10.1080/19406940.2026.2618789. Grundlage des Essays: hochgeladener Forschungsbericht.

About the author

Holger Elias

Studien der Journalistik und Kommunikations-Psychologie. War beruflich als Korrespondent und Redakteur bei Nachrichtenagenturen (reuters, cna usw.), für überregionale Tageszeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen tätig. Lebte und arbeitete knapp acht Jahre als EU-Korrespondent in Brüssel. Als Verleger und Publizist gab er knapp 140 Buchtitel heraus.

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