BERLIN, 7. November 2026 – Der Autor und Propagandaforscher Jonas Tögel hat davor gewarnt, dass Bedrohungsbilder und überzogene Behauptungen die öffentliche Debatte über Krieg und Aufrüstung prägen. Im YouTube-Gespräch mit dem Autor Sören Schumann sagte er, dass »tagtäglich um unsere Gedanken und Gefühle gekämpft wird«. Tögel sieht darin ein Mittel, Zustimmung zu militärischer Politik zu gewinnen. Am selben Tag begründete Bundeskanzler Friedrich Merz weitere Hilfe für die Ukraine mit der Sicherheitslage in Europa und kündigte neue Gespräche über Unterstützung und Sicherheitsgarantien an.
»Unsere Unterstützung der Ukraine ist deshalb im deutschen und im europäischen Interesse«, sagte Merz bei seinem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Berlin. Er stellte weitere Hilfe für die Luftverteidigung und die Energieversorgung in Aussicht. Für den 19. November lud er zu einem Treffen der Unterstützerstaaten nach Berlin ein. Dort soll es nach seinen Angaben auch darum gehen, in welchem Umfang die Partner der Ukraine 2027 weiterhelfen.
Den Begriff »Zeitenwende« hatte der damalige Kanzler Olaf Scholz drei Tage nach Beginn der russischen Großinvasion im Februar 2022 im Bundestag geprägt. Er kündigte ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr an. Die UN-Generalversammlung verurteilte den russischen Angriff im März 2022 mit 141 Stimmen und forderte den Abzug der russischen Truppen. Die Resolution dokumentiert, wie die große Mehrheit der Staaten den Angriff bewertete. Über Umfang und Ziele der deutschen Militärhilfe entscheidet Berlin.
Wie Feindbilder entstehen
Tögel beruft sich auf den US-Politikwissenschaftler Harold D. Lasswell, der 1927 die Propaganda mehrerer Kriegsparteien im Ersten Weltkrieg untersuchte. Tögel unterscheidet im Gespräch zwei Wege der Beeinflussung. Auf dem einen sollen Angst und Empörung mobilisieren. Auf dem anderen sollen politische Begründungen Menschen überzeugen, die nach Fakten und Argumenten fragen. Als wiederkehrende Muster nennt er die Darstellung des eigenen Handelns als Verteidigung, die Personalisierung des Feindes und die Aussicht auf einen baldigen Sieg.
Lasswell beschrieb Propaganda als Versuch, kollektive Einstellungen mit Symbolen zu steuern. Das kann über Bilder, Schlagworte und die Auswahl von Nachrichten geschehen. Wie viele Menschen sich dadurch tatsächlich überzeugen lassen, ist eine eigene Frage. Für die im Interview genannte Größenordnung von 80 bis 90 Prozent, die emotionale Propaganda erreichen könne, nennt Tögel keine Untersuchung. Die Zahl lässt sich aus dem Gespräch daher nicht als gemessene Wirkung ableiten.
Als historisches Beispiel nennt Tögel die Erzählung, deutsche Soldaten hätten 1914 in Belgien Kindern die Hände abgehackt. Die Historiker John Horne und Alan Kramer haben anhand von Archiven aus mehreren Ländern untersucht, wie sich solche Geschichten verbreiteten und wie sie sich zu den dokumentierten Taten verhielten. Ihre Forschung belegt, dass deutsche Truppen beim Einmarsch tatsächlich Zivilisten töteten. Die Geschichte von den abgehackten Kinderhänden gehört zur Überlieferung der Kriegspropaganda. Für die Bewertung kommt es deshalb auf die Belege für den jeweiligen Vorwurf an.
Ein Fernsehauftritt als Beispiel
Für die Gegenwart führt Tögel einen Auftritt der FDP-Europaabgeordneten Marie-Agnes Strack-Zimmermann an. Die ORF-Diskussion »Waffen für Frieden« stammt aus dem März 2025. Der Journalist Tobias Riegel zitierte die Politikerin damals in einem Kommentar für die NachDenkSeiten mit der Angabe, die Ukraine ernähre 70 Milliarden Menschen. Das übersteigt die Weltbevölkerung um ein Mehrfaches. Die Vereinten Nationen bezifferten sie für 2024 auf rund 8,2 Milliarden.
Riegel schrieb auch, Strack-Zimmermann habe dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Sendung den Tod Hunderter Millionen Menschen zugeschrieben. Tögel wertet die Aussagen als Beispiele für emotionale Propaganda und berichtet, er habe zwei Faktencheck-Redaktionen darauf aufmerksam gemacht. Der vollständige ORF-Mitschnitt ließ sich für diese Korrespondenz nicht überprüfen. Ob es in der Sendung oder später eine Korrektur gab, bleibt damit offen. Aus der Wiedergabe einer falschen Zahl allein lässt sich auch die Absicht der Sprecherin nicht bestimmen.
Wie überprüfte Zahlen zustande kommen und wo ihre Grenzen liegen, zeigt der Septemberbericht der UN-Menschenrechtsmission in der Ukraine. Sie dokumentierte für den Monat mindestens 328 getötete und 2.105 verletzte Zivilisten, darunter Opfer in russisch besetzten Teilen des Landes. Die Mission berichtete über russische Angriffe auf die ukrainische Energieversorgung sowie über ukrainische Angriffe auf Stromanlagen in besetzten Gebieten. Die große Mehrheit der von russischen Behörden gemeldeten Fälle konnte sie nach eigenen Angaben wegen fehlenden Zugangs und fehlender unabhängiger Quellen nicht verifizieren.
»Wenn Moral gilt, dann muss sie immer für alle Seiten gelten«, sagte Tögel. Er verurteilte Russlands Vorgehen in der Ukraine und verwies zugleich auf die Folgen der Kriege nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Das von ihm angeführte Projekt Costs of War der Brown University schätzt die Zahl der direkten und indirekten Todesfälle in mehreren Kriegsgebieten auf 4,5 bis 4,7 Millionen. Die Schätzung umfasst unter anderem Afghanistan, Irak, Pakistan, Syrien und Jemen. Sie berücksichtigt auch Menschen, die etwa infolge zerstörter Infrastruktur oder mangelnder medizinischer Versorgung starben.
Was die Akten zu MKUltra belegen
Auf Schumanns Nachfrage spricht Tögel über MKUltra, das geheime Forschungsprogramm des US-Auslandsgeheimdienstes CIA. Es habe 1963 begonnen, sagt er. Der damalige CIA-Direktor Stansfield Turner datierte das Programm bei einer Anhörung im US-Senat 1977 dagegen auf die Jahre 1953 bis 1964. Aus dem Jahr 1963 stammt ein interner Prüfbericht. Die Anhörung dokumentiert unter anderem LSD-Versuche an Menschen, die von der Verabreichung nichts wussten.
Tögel vergleicht die damalige Vorstellung, Erinnerungen zu löschen und Verhalten neu zu formen, mit dem Überschreiben einer Festplatte. Im Gespräch beschreibt er die Schädigung von Versuchspersonen und sagt selbst, der Versuch, ihnen neue Verhaltensprogramme »aufzuspielen«, sei gescheitert. Das Senatsprotokoll belegt die Menschenversuche. Für eine Verbindung zu den später im Interview angesprochenen Szenarien über heutige Neurotechnik führt Tögel keine Belege an.
Wer den Informationsfluss bestimmt
Für die Rolle der Medien greift Tögel ein Bild aus Walter Lippmanns Buch Public Opinion auf. Auf einer abgelegenen Insel erfahren Engländer, Franzosen und Deutsche 1914 erst mit der nächsten Zeitung, dass ihre Länder Krieg führen. Tögel überträgt das Bild auf die Gegenwart. Menschen seien auf Vermittler angewiesen, wenn sie sich über Ereignisse informieren, die sie selbst kaum beobachten können. Das Internet eröffne ihnen die Möglichkeit, mehrere solcher »Postschiffe« zu nutzen.
Tögel sieht in der europäischen Plattformregulierung die Gefahr, dass Anbieter unter dem Druck hoher Bußgelder zu weitgehend in die öffentliche Debatte eingreifen. Der von ihm angesprochene Digital Services Act verpflichtet sehr große Plattformen und Suchmaschinen, Risiken ihrer Dienste etwa für Wahlen und die öffentliche Debatte zu untersuchen und zu mindern. Bei Verstößen gegen die Verordnung kann die EU-Kommission gegen diese Anbieter Bußgelder von bis zu sechs Prozent ihres weltweiten Jahresumsatzes verhängen.
Die Verordnung schließt eine allgemeine Überwachungspflicht aus. Sie sieht zudem Begründungen für bestimmte Moderationsentscheidungen und Beschwerdemöglichkeiten vor. Für Tögels Vorwurf kommt es damit auf konkrete Fälle an: ob eine Plattform einen Beitrag wegen eines Gesetzesverstoßes, nach ihren eigenen Regeln oder aus einem anderen Grund eingeschränkt hat und wie sie das begründet.
Auf Schumanns Frage nach Wegen zum Frieden verweist Tögel zum Schluss auf den früheren US-General Smedley Butler. In seiner Schrift War Is a Racket von 1935 wollte Butler Kriegsgewinne begrenzen, Entscheidungen über einen Krieg denjenigen überlassen, die ihn führen müssten, und das Militär auf Verteidigungsaufgaben beschränken. Tögel verbindet diese Vorschläge mit einem Appell für den Alltag. Wo politische Streitfragen Freundschaften oder Familien belasten, sollten Menschen zunächst darüber sprechen, was sie verbindet. »Ich möchte aufklären über Propaganda«, sagte er.