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Gesellschaft

IG Metall hält an Forderungen fest

Die IG Metall bietet in der Metalltarifrunde befristete Abweichungen vom Flächentarif an, wenn Unternehmen sich zu Investitionen, Arbeitsplätzen und Standorten verpflichten. In Hannover endete die dritte Runde ohne Einigung. Vor den Gesprächen am Montag liegen die Tarifparteien beim Entgelt weiter auseinander. Offen ist auch, wer die Zusagen der Betriebe prüfen und durchsetzen könnte.

HANNOVER, 7. November 2026 – Die IG Metall hat den Arbeitgebern in der Metall- und Elektroindustrie befristete Abweichungen vom Flächentarif angeboten, wenn Unternehmen sich im Gegenzug verbindlich zu Investitionen, Arbeitsplätzen und Standorten verpflichten. Die dritte niedersächsische Verhandlungsrunde ging am Freitag in Hannover ohne Einigung zu Ende. Bei ihrer Forderung nach fünf Prozent mehr Entgelt für zwölf Monate bleibt die Gewerkschaft. Am Montag wird unter anderem in Bayern, Sachsen und Nordrhein-Westfalen weiterverhandelt.

Nach dem Vorschlag könnte ein eigener Tarifvertrag einzelnen Betrieben erlauben, tarifliche Leistungen vorübergehend und in begrenztem Umfang anzupassen. Die Entscheidung soll bei den Tarifparteien bleiben. Die IG Metall will ihre Mitglieder beteiligen. Welche Leistungen zur Disposition stünden und wie die Beteiligung aussähe, geht aus der öffentlichen Darstellung bislang nicht hervor.

»Unser Vorschlag gibt den Betrieben Luft, wenn es schwierig wird«, sagte der niedersächsische IG-Metall-Verhandlungsführer Thorsten Gröger laut einer Mitteilung seiner Gewerkschaft. Für diesen Spielraum verlangt er feste Zusagen. »Investitionen hier, Arbeitsplätze hier, Zukunft hier«, sagte Gröger. Zum Tarifpaket der Gewerkschaft gehören zudem eine soziale Komponente für untere Entgeltgruppen und eine Gewinnbeteiligung in wirtschaftlich gut aufgestellten Betrieben.

NiedersachsenMetall berichtete von vertieften Gesprächen über Instrumente zur Sicherung von Investitionen, Innovationen und Beschäftigung. »Bei der Entgeltentwicklung liegen wir jedoch noch auseinander«, sagte Verhandlungsführer Mladen Petkovic laut Verbandsmitteilung. Hauptgeschäftsführer Volker Schmidt verwies auf den Druck, unter dem viele Autozulieferer stünden. Zusätzliche Kosten träfen sie in einer angespannten Lage. Ob der Verband den konkreten Vorschlag der Gewerkschaft mittragen würde, blieb offen.

Arbeitgeber wollen bestehende Spielräume ausweiten

Das am 27. Oktober in fünf Tarifgebieten vorgelegte Arbeitgeberangebot sieht im Juli 2027 eine Einmalzahlung von einem Prozent des durchschnittlichen tariflichen Jahresbruttoentgelts vor. Die Zahlung soll sich nach der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens richten können. Die Entgelttabellen würden im Juli 2028 um 1,3 Prozent steigen. Der Vertrag soll bis Ende Dezember 2028 laufen.

In Baden-Württemberg bezifferte Südwestmetall die angebotene Einmalzahlung auf 700 Euro. Unternehmen mit einer Nettoumsatzrendite unter 2,3 Prozent könnten sie nach dem regionalen Angebot verschieben und gegebenenfalls streichen. Die dritte Runde in Ludwigsburg endete am Donnerstag ebenfalls ohne Annäherung beim Entgelt. Der Verband berichtete zugleich von intensiveren Gesprächen über tarifliche Instrumente zur Standortsicherung.

Gesamtmetall will die sogenannte automatische Differenzierung dauerhaft verankern und ausweiten. Sie erlaubt Unternehmen unter festgelegten Voraussetzungen, bestimmte Zahlungen an ihre wirtschaftliche Lage anzupassen. Daneben fordert der Verband ein betriebliches Instrument für Investitionen, Innovation, Standorte und Beschäftigung. Im niedersächsischen Vorschlag der IG Metall soll dagegen jede betriebliche Ausnahme nach dem neuen Modell an konkrete Zusagen und eine Entscheidung der Tarifparteien gebunden sein.

Für die Beschäftigten macht der Zeitpunkt einer Tabellenanhebung einen Unterschied. Wer monatlich 4.000 Euro brutto nach Tabelle verdient, käme bei einem Plus von 1,3 Prozent auf 52 Euro mehr im Monat. Bei einem Beginn im Juli ergäbe das im zweiten Halbjahr 312 Euro zusätzlich. Der höhere Tabellenwert wäre auch die Basis für spätere prozentuale Erhöhungen. Eine Einmalzahlung erhöht das Einkommen zum Auszahlungstermin. Der Tabellenwert bleibt dabei gleich.

Der Pilotabschluss von 2024 kombinierte eine Einmalzahlung von 600 Euro mit zwei Tabellenstufen. Im April 2025 stiegen die Entgelte um zwei Prozent, im April 2026 um weitere 3,1 Prozent. Zugleich vereinbarten die Tarifparteien, dass Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten das Transformationsgeld für 2025 und 2026 verschieben und unter bestimmten Voraussetzungen streichen konnten. Die Zahlung entspricht 18,4 Prozent eines individuellen Monatsentgelts.

Was ein Betrieb für eine Ausnahme zusagen müsste

Betriebliche Abweichungen haben in der Branche eine Vorgeschichte. Das Pforzheimer Abkommen von 2004 schuf einen Rahmen für befristete Vereinbarungen, etwa zur Sicherung von Beschäftigung und Investitionen. Die Arbeitsmarktforscher Reinhard Bispinck und Thorsten Schulten beschreiben in einer Studie für die EU-Agentur Eurofound, wie Gewerkschaft und Arbeitgeberverbände dadurch mehr Kontrolle über zuvor teils informell ausgehandelte Abweichungen erhielten.

Das Tarifvertragsgesetz setzt für beiderseits Tarifgebundene den Rahmen. Abweichende Abmachungen sind zulässig, wenn der Tarifvertrag sie gestattet oder sie für Beschäftigte günstiger sind. Tariflich geregelte oder üblicherweise tariflich geregelte Entgelte sind einer Betriebsvereinbarung grundsätzlich entzogen. Ein Tarifvertrag kann ergänzende Betriebsvereinbarungen ausdrücklich zulassen. Damit kommt es darauf an, welche Rolle Gewerkschaft, Arbeitgeberverband und Betriebsrat im konkreten Verfahren erhalten.

Bei einer Investitionszusage wäre etwa zu klären, welches Projekt ein Unternehmen bis wann finanzieren soll. Bei der Beschäftigung macht es einen Unterschied, ob ein Betrieb betriebsbedingte Kündigungen ausschließt oder eine Mindestzahl an Stellen garantiert. Auch bei einem Kündigungsschutz kann die Belegschaft schrumpfen, wenn frei werdende Stellen unbesetzt bleiben. Ein Vertrag könnte zudem regeln, wer die Einhaltung prüft und ob bei einer gebrochenen Zusage die volle Tarifleistung wieder fällig wird oder Nachzahlungen anfallen. Solche Einzelheiten sind für den Hannoveraner Vorschlag bislang offen.

Wie unterschiedlich Standorterhalt und Beschäftigungsschutz ausfallen können, zeigt Volkswagen. Der Konzern vereinbarte nach eigenen Angaben im Dezember 2024 eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 und zugleich einen sozialverträglichen Abbau von mehr als 35.000 Stellen an deutschen VW-Standorten bis dahin. In der Gläsernen Manufaktur in Dresden endete nach Konzernangaben im Dezember 2025 die Fahrzeugproduktion. Volkswagen bleibt dort unter anderem mit Vertrieb und Marketing präsent. Auf einem Teil des Geländes soll ein Innovationscampus entstehen.

Warnstreiks erhöhen den Druck

Die Konjunkturdaten zeigen, wie unterschiedlich sich die Industriezweige entwickeln. Die preisbereinigte Produktion im produzierenden Gewerbe stieg im September nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamts um 0,7 Prozent gegenüber August, bereinigt um Saison- und Kalendereffekte. Im dritten Quartal lag sie um 0,4 Prozent unter dem Vorquartal. Die Autoproduktion legte im September von einem niedrigen Niveau aus um 17,1 Prozent zum Vormonat zu. Im Maschinenbau sank die Produktion um 6,5 Prozent. Ob ein einzelner Betrieb eine Entlastung braucht, ließe sich erst anhand seiner Aufträge und Finanzen beurteilen.

Die IG Metall meldete am Freitag bundesweit mehr als 413.000 Beteiligte an Ausständen, Kundgebungen und weiteren Aktionen seit dem Ende der Friedenspflicht. In Osnabrück gingen nach Gewerkschaftsangaben bereits am Mittwoch rund 2.000 Menschen auf die Straße, darunter Beschäftigte von Volkswagen und dem Metallverarbeiter KME. Der KME-Auszubildende Joel Braun sagte dem NDR über seine Vergütung: »Am Ende des Monats sieht’s ziemlich knapp aus.«

Auch die Gespräche im Tarifgebiet Küste gingen am Freitag in Bremen ohne Ergebnis zu Ende. Nordmetall-Verhandlungsführerin Lena Ströbele forderte eine baldige Fortsetzung und drängte auf ein Ende der Warnstreiks. Ausgefallene Arbeitsstunden belasteten die Unternehmen und schmälerten die Mittel für Investitionen und Entgelte, sagte sie laut Verbandsmitteilung. Für das Tarifgebiet Niedersachsen stand nach Angaben des IG-Metall-Bezirks zunächst kein neuer Termin fest. Am Montag sind weitere Runden in München, Dresden und Düsseldorf sowie in Sachsen-Anhalt und im Tarifgebiet Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim angesetzt.