Olfat Magdoub versucht, das Wasser aus ihrem Zelt zu fegen. Es ist Samstag, der 7. November, in Gaza-Stadt. Andere Bewohner schütten Sand vor ihren Unterkünften auf oder holen ihre Kinder aus den überfluteten Zelten. Schon beim vorigen Regen habe sie vier Nächte auf Decken am Boden verbracht, erzählt Magdoub den Reuters-Reportern Dawoud Abu Alkas und Nidal al-Mughrabi. Jetzt seien die Matratzen wieder nass. »Was passiert, wenn es am nächsten Tag wieder regnet?«
Die Frage richtet sich an Menschen, die über mehr verfügen als einen Besen. An die israelischen Behörden, die Hilfsgüter freigeben oder zurückhalten. An die Geberstaaten, die Geld auszahlen können. Und an die Regierungen, die eine Waffenruhe vermittelt haben und hinnehmen, dass der Schutz der Zivilbevölkerung hinter den militärischen Verhandlungen zurücksteht.
»Was wir befürchtet haben, ist eingetreten«, sagt Mahmoud Basal, Sprecher des palästinensischen Zivilschutzes, zu Al Jazeera. Seine Behörde meldete rund 1.500 Notrufe. Das von der Hamas geführte Medienbüro in Gaza sprach von mindestens 70.000 überfluteten Zelten binnen zwölf Stunden. Eine unabhängige Gesamtzählung liegt bislang nicht vor. Die Berichte aus Gaza-Stadt und dem mittleren Gazastreifen zeigen das Ausmaß an einzelnen Orten. Wie schlecht die Lager auf den Regen vorbereitet waren, war schon vorher dokumentiert.
Erfolgsbilanz endet am Grenzübergang
»Die Ergebnisse vor Ort sprechen für sich«, erklärte die israelische Armee am Freitag. Die humanitäre Lage sei so gut wie zu keinem anderen Zeitpunkt seit Kriegsbeginn. Armee und Militärbehörde COGAT melden mehr als 85.000 eingeführte Zelte seit Beginn ihres Winterprogramms. Das UN-Nothilfebüro OCHA nennt eine andere Zahl. Nach Schätzung seiner Partner fehlten am 1. November noch rund 121.000 Zelte. Israels Militär zählt die Einfuhren über einen längeren Zeitraum, die UN-Partner den offenen Bedarf an einem Stichtag. Beide Zahlen können stimmen. Die Frage an COGAT lautet, wie viele Menschen mit den eingeführten Zelten inzwischen einen sicheren Schlafplatz haben.
Die UN-Zahlen zeigen, wie wenig Spielraum die Helfer vor dem Sturm hatten. Rund 2.800 Zelte lagen bei ihren Partnern in Gaza auf Lager. Etwa 2.000 weitere waren bereits beschafft und warteten außerhalb auf die Einfuhr. Ein großer Teil der angekündigten Lieferungen befand sich noch in Beschaffung oder Planung. Für die Winterhilfe fehlten laut OCHA 186,5 Millionen Dollar, knapp 70 Prozent des veranschlagten Bedarfs. COGAT verweist auf Logistik- und Budgetprobleme außerhalb der israelischen Zuständigkeit. Der Einwand trifft einen Teil des Problems. Eine Grenzfreigabe bezahlt keine Bestellung. Für das bereits beschaffte Material können israelische Behörden jedoch selbst den Weg freimachen. Laut OCHA lehnten sie weiterhin die Einfuhr von Bauholz für Notunterkünfte ab.
Am 1. November kündigten die israelischen Behörden den UN laut OCHA an, humanitäre und kommerzielle Lieferungen aus Ägypten bis auf Ausnahmen auszusetzen. Sie beriefen sich auf Schmuggelbedenken. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz hält fest, dass Konfliktparteien Hilfslieferungen kontrollieren dürfen und die rasche, ungehinderte Passage unparteiischer Hilfe ermöglichen müssen. Wer einen konkreten Verdacht hat, soll die betreffende Ladung prüfen. Wer einen ganzen Lieferweg einschränkt, muss erklären, wie lebenswichtige Güter trotzdem rechtzeitig ankommen. Dafür braucht es kurze Prüffristen, begründete Entscheidungen und verlässliche Ausweichrouten.
Eine Waffenruhe muss auch die Pumpen schützen
Wie eng Krieg und Hochwasser zusammenhängen, zeigt ein Vorfall aus Rafah. Am 3. November trafen Schüsse laut OCHA mehrere Zelte eines Vertriebenenlagers. Eine Hilfsorganisation zog sich daraufhin aus dem Gebiet zurück, in dem sie gerade am Hochwasserschutz arbeitete. Zugleich fielen schon vor dem Sturm Systeme aus, die Regen- und Abwasser abpumpen. Es fehlte unter anderem an Motoröl und Ersatzteilen, deren Einfuhr Israel laut OCHA stark beschränkt. COGAT teilte Reuters mit, in der Woche vor dem Sturm seien vier weitere Saugfahrzeuge eingeführt worden. Damit sie etwas ausrichten, brauchen die kommunalen Teams Treibstoff, Wartung und eine sichere Zufahrt. Die Zahl der Fahrzeuge verrät wenig darüber, wann in einem überfluteten Lager das Wasser sinkt.
Der UN-Sicherheitsrat hat vor fast einem Jahr die vollständige Wiederaufnahme der humanitären Hilfe gefordert und verlangt, ihre Umleitung durch bewaffnete Gruppen zu verhindern. Über die Bedingungen für die Entwaffnung der Hamas und den Rückzug israelischer Truppen gibt es Reuters zufolge weiterhin keine Einigung. Ein Ersatzteil für eine Pumpe darf davon ebenso wenig abhängen wie die Lieferung einer Notunterkunft. Das palästinensische NGO-Netzwerk PNGO fordert nach dem Sturm die sofortige Einfuhr von Unterkünften und Treibstoff sowie den raschen Wiederaufbau der Grundversorgung. Wer über Gazas Zukunft verhandelt, sollte palästinensischen Kommunen und Hilfsorganisationen jetzt die Mittel und den sicheren Zugang geben, die sie dafür brauchen.
Auch die Bundesregierung kann sich an konkreten Taten messen lassen. Sie sollte zur Schließung der Finanzierungslücke beitragen und gegenüber der israelischen Regierung auf die zügige Einfuhr von Material für Unterkünfte und Entwässerung drängen. Die Geber müssen auch den Betrieb vor Ort finanzieren, vom Treibstoff bis zur Wartung. Und die Hilfsorganisationen sollten mit den Bewohnern der Lager erfassen können, welche Familien einen trockenen Schlafplatz haben und welche beim nächsten Regen erneut umziehen müssen.
Olfat Magdoub hat gefragt, was beim nächsten Regen passiert. Die Antwort schulden ihr jene, die heute über Geld, Grenzfreigaben und den Schutz der Helfer entscheiden. Sie haben bis zum nächsten Regen Zeit. Wie viel das ist, steht in keiner Waffenruhevereinbarung.