„Besondere“ politische Beziehungen werden so genannt, weil das gewöhnliche Vokabular für ihre Widersprüche nicht ausreicht. Die USA liefern Israel Waffen, diplomatischen Schutz und strategische Rückendeckung. Zugleich wächst in der amerikanischen Bevölkerung die Ablehnung der israelischen Regierung und ihrer Kriegführung. Die Bilder aus Gaza sind auf Millionen Bildschirmen angekommen; im Kongress scheint die Verbindung gelegentlich schlechter zu sein.
John J. Mearsheimer, der mit Stephen M. Walt schon 2007 ein viel diskutiertes Buch über die Israel-Lobby veröffentlichte, macht diese Trennung zum Kern seiner Besprechung von Israel’s Lobby: America in the Grip of a Foreign Power. Das neue Buch des Investigativjournalisten Eli Clifton und des Politikwissenschaftlers Ian S. Lustick erschien im August. Mearsheimers Kurzformel lautet: Die Lobby habe die Kontrolle über den Diskurs verloren, nicht aber über die Politik.
Das ist eine starke These, weil sie eine sichtbare Verschiebung beschreibt. Sie wird gefährlich bequem, sobald sie als Universalantwort dient. Außenpolitik entsteht aus Wahlkampfgeld und Ideologie, Militärindustrie und imperialer Strategie. Eine Lobby kann enorme Macht ausüben. Sie ersetzt aber nicht das System, in dem diese Macht gekauft, belohnt und von Regierungen gewollt wird.
Eine Lobby ist keine Religion
Mearsheimer setzt zu Beginn eine notwendige Grenze. „Es handelt sich keineswegs um eine jüdische Lobby“, sagt er. „Es handelt sich um eine Israel-Lobby.“ Nicht alle Jüdinnen und Juden unterstützten sie; zugleich gehörten viele Nichtjuden dazu, vor allem christliche Zionisten. Diese Unterscheidung ist mehr als eine Fußnote. Ohne sie kippt politische Kritik in die alte antisemitische Fantasie, Juden bildeten einen geschlossenen Machtblock und steuerten Staaten aus dem Hintergrund.
Schon der Singular „die Lobby“ glättet Unterschiede. Gemeint ist ein Netzwerk aus AIPAC und anderen Organisationen, Großspendern, evangelikalen Gruppen, Denkfabriken und Politikern beider Parteien. Ihre Motive sind nicht identisch. Ihre politische Wirkung kann es dennoch sein.
Mearsheimer und Walt behaupteten damals, dieser Einfluss schade den strategischen und moralischen Interessen der USA. Clifton und Lustick erweitern die Anklage: Die heutige Lobby schade auch Israel, amerikanischen Juden und der liberalen Demokratie. Es geht nun ebenso darum, wer auf einem Campus protestieren darf, welcher Kandidat eine millionenschwere Gegenkampagne fürchten muss und wann Staatskritik zum Angriff auf eine Bevölkerungsgruppe erklärt wird.
Gerade darin liegt die dialektische Pointe: Eine Politik, die vorgibt, Israel vor Feindschaft zu schützen, kann durch die Gleichsetzung von Staat, Regierung und Judentum selbst antisemitische Denkmuster befestigen. Wer jede Kritik an Benjamin Netanjahus Regierung „den Juden“ zurechnet, vollzieht genau jene Kollektivierung, vor der der Kampf gegen Antisemitismus schützen müsste.
Der Feed hat die Schleusen geöffnet
Als Mearsheimer und Walt ihre Studie schrieben, bestimmten große Fernsehsender und Zeitungen weit stärker, welche Bilder aus dem Nahen Osten sichtbar und welche Stimmen zitierfähig waren. Heute umgehen TikTok, YouTube, Substack und andere Plattformen die alten Schleusen. Mearsheimer sagt: „Das Internet war für Israel ein großes Problem.“ Präziser wäre: Das Internet wurde zum Problem für die Kontrolle der Erzählung.
Das Netz ist kein Wahrheitsministerium mit umgekehrtem Vorzeichen. Es verbreitet Belege und Erfindungen mit derselben technischen Gleichgültigkeit. Trotzdem können Staaten die Folgen ihrer Gewalt schlechter hinter Pressekonferenzen und dem Wort „Kollateralschaden“ verbergen. Das Smartphone durchbricht die Hierarchie der Aufmerksamkeit.
Hinzu kommt das Verhalten der israelischen Regierung. Mearsheimer spricht ohne juristische Vorbehalte von Völkermord. Die rechtliche Bewertung ist Gegenstand internationaler Verfahren. Politisch lässt sich jedoch nicht übersehen, was die Wahrnehmung verändert hat: massenhaft getötete und verstümmelte Zivilisten, zerstörte Lebensgrundlagen, Vertreibung, Hunger und die Besatzungspolitik im Westjordanland.
Eine Brandeis-Studie unter knapp 4.000 Studierenden an 303 US-Hochschulen liefert dafür einen bemerkenswerten Seismografen. 74 Prozent stimmten der Aussage zu, Israel begehe an den Palästinensern einen Genozid. Die Zahl beweist weder den juristischen Tatbestand noch besondere Sachkunde: Mehr als die Hälfte der Befragten gab zugleich an, nur wenig über den Konflikt zu wissen. Sie belegt aber, wie weit sich das moralische Urteil einer jungen Generation von der offiziellen Sprache Washingtons entfernt hat.
Auch die Gesamtgesellschaft bewegt sich. Nach einer Pew-Erhebung vom Frühjahr 2026 bewerteten 60 Prozent der Erwachsenen Israel negativ; 2022 waren es 42 Prozent. Bei den Demokraten lag der Anteil bei 80 Prozent. Gallup registrierte erstmals mehr Sympathie für die Palästinenser als für die Israelis. Die „besondere Beziehung“ besitzt eine institutionelle Mehrheit, aber keine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit mehr.
Wenn Politik taub wird
Hier setzt Mearsheimers wichtigster Gedanke an. „Politik und Diskurs laufen nicht mehr synchron“, sagt er. Das Publikum sieht einen anderen Film als der Kongress, bezahlt aber weiterhin die Eintrittskarte.
Weshalb bleibt die Politik zurück? Die Lobbythese gibt eine belegbare Teilantwort. In einem Wahlsystem, in dem Kandidaturen Millionen verschlingen, erzeugt die Drohung finanzstarker Interessengruppen vorauseilenden Gehorsam. AIPACs Super-PAC United Democracy Project gab 2024 allein im Vorwahlkampf gegen den progressiven Abgeordneten Jamaal Bowman rund 14,6 Millionen Dollar aus. Beim erfolgreichen Angriff auf Cori Bush waren es mindestens 8,6 Millionen. Die Werbespots redeten oft nicht über Israel. Das machte sie nicht weniger zu Instrumenten einer Organisation, die Kritikerinnen der israelischen Politik aus dem Kongress drängen wollte.
Clifton und Lustick verknüpfen diese Macht mit der Plutokratisierung der Vereinigten Staaten. Mearsheimer verweist auf Citizens United, das Urteil des Supreme Court von 2010. Seine Darstellung ist dabei etwas zu grob. Das Gericht erlaubte Unternehmen und Gewerkschaften unbegrenzte unabhängige Wahlausgaben; zusammen mit weiteren Entscheidungen entstand die Grundlage für Super-PACs, die unbegrenzt Geld annehmen können, solange sie formal nicht mit Kandidaten kooperieren. Direktspenden blieben begrenzt. Die juristische Feinheit ändert wenig an der politischen Grobheit: Wer genug besitzt, darf die öffentliche Meinung mit industrieller Lautstärke beschallen.
Proisraelische Großspender nutzen dieses System besonders diszipliniert, aber nicht exklusiv. Das Spezifische ist die Verbindung aus Geld, parteiübergreifender Organisation und moralischer Immunisierung. Wer israelische Militärhilfe an Bedingungen knüpfen will, riskiert zusätzlich, als antisemitisch gebrandmarkt zu werden.
Mearsheimer sagt über Joe Biden und Donald Trump: „Weder Biden noch Trump wagen es, sich der Lobby zu widersetzen.“ Das trifft ihre Anpassung, entlastet sie aber zu sehr. Präsidenten sind keine Geiseln, die auf Befreiung warten. Biden war über Jahrzehnte ein ideologisch überzeugter Unterstützer Israels. Trump verbindet evangelikale Machtpolitik, autoritäre Bewunderung und Geschäftsinstinkt. Beide fanden in der Lobby nicht bloß einen Zuchtmeister, sondern einen Verstärker eigener Überzeugungen und Interessen.
Auch der amerikanische Staat handelt nicht gegen seine Natur, wenn er Israel unterstützt. Israel dient Washington als militärisch und technologisch eng verflochtener Partner. Rüstungskonzerne profitieren von Hilfspaketen, Geheimdienste und Militärs haben eigene Interessen. Die Lobby macht diese Verbindung fester und politisch teurer angreifbar. Erfunden hat sie den US-Imperialismus nicht.
Der Antisemitismus als Waffe und Wirklichkeit
Besonders scharf kritisiert Mearsheimer den Einsatz des Antisemitismusvorwurfs. Die IHRA-Arbeitsdefinition habe den Begriff so erweitert, dass „Kritik an Israel als Antisemitismus angesehen wird“. Das ist zugespitzt bis zur Unrichtigkeit. Im Text der IHRA steht ausdrücklich, Kritik an Israel, wie sie auch gegenüber jedem anderen Land geübt werde, könne nicht als antisemitisch gelten. Problematisch sind vielmehr die angefügten Beispiele und ihre institutionelle Anwendung. Einige beziehen sich auf Israel, auf doppelte Standards oder auf die Leugnung jüdischer Selbstbestimmung. Aus einem unverbindlichen Orientierungstext kann so in Behörden oder Hochschulen ein dehnbares Disziplinierungswerkzeug werden.
Mearsheimer nennt den Antisemitismusvorwurf den „großen Mundtotmacher“. Tatsächlich wurden propalästinensische Proteste pauschal verdächtigt, Hochschulleitungen vor Kongressausschüsse zitiert, Veranstaltungen abgesagt und Camps polizeilich geräumt. Lobbyorganisationen, Großspender, republikanische Kulturkämpfer und die Biden-Regierung wirkten dabei zusammen. Wer den Schutz jüdischer Studierender ausschließlich mit der Unterdrückung palästinensischer Stimmen verwechselt, schützt keine Universität. Er schafft einen Campus, auf dem die Regierung eines Staates mehr Sicherheit genießt als die Meinungsfreiheit seiner Kritiker.
Doch auch die Gegenwahrheit gehört in den Satz: Antisemitismus ist real. Er erscheint auf Demonstrationen, in Verschwörungsmythen und im Gerede über „doppelte Loyalität“. Genau hier wird Mearsheimers Vortrag unsauber. Er registriert beinahe erleichtert, dass heute von „Israel Firsters“ gesprochen werde. Aber der Vorwurf, jüdische Bürger seien einem fremden Staat loyaler als ihrem eigenen, steht selbst in der IHRA-Liste antisemitischer Beispiele. Das macht jede Untersuchung konkreter politischer Bindungen noch nicht antisemitisch. Entscheidend ist, ob Handlungen, Geldflüsse und öffentliche Positionen belegt werden oder ob jüdische Herkunft als Beweis einer verborgenen Loyalität herhalten soll.
Mearsheimer warnt vor der „jüdischen Lobby“ und bewegt sich wenig später gefährlich nahe an ihrem semantischen Schatten. Eine materialistische Machtanalyse muss genauer sein. Sie fragt, wer wie viel spendet, welche Organisation welche Kampagne bezahlt, welcher Politiker welche Entscheidung trifft und welche Institution Sanktionen verhängt. Sie ersetzt Akten nicht durch Abstammung und Strukturen nicht durch Verdacht.
Der verrückte Staat und die vernünftige Gewalt
Clifton und Lustick beschreiben Israel laut Mearsheimer als „crazy state“, als verrückten Staat. Gemeint ist ein Akteur mit nahezu unbegrenzten Zielen, der zu extremen Mitteln greift: territoriale Expansion, Zerschlagung möglicher Rivalen, Angriffskriege, gezielte Tötungen. Mearsheimer hält diese Übertragung für „äußerst überzeugend“.
Der Begriff erzeugt Aufmerksamkeit, analytisch ist er zweischneidig. „Verrückt“ klingt nach Kontrollverlust und verdeckt die planvolle Seite der Gewalt. Siedlungen entstehen nicht im Affekt. Blockaden werden verwaltet, Bombenziele berechnet und diplomatische Vetos organisiert. Was moralisch wahnsinnig erscheint, kann innerhalb einer kolonialen Logik rational betrieben werden.
Die Pathologisierung Israels verdeckt zudem die Normalität westlicher Gewalt. Die USA verwüsteten den Irak nicht unter dem Kommando einer Israel-Lobby. Europäische Regierungen liefern Waffen und messen palästinensisches Leben anders als israelisches. Israel treibt die Gewalt besonders brutal voran; seine Partner liefern Material und Legitimation.
Auch Mearsheimers Realismus stößt hier an seine Grenze. Wessen „nationales Interesse“ meint er? Für einen Rüstungskonzern kann ein militarisierter Naher Osten vernünftig sein, für einen Kandidaten das Schweigen. Für palästinensische Familien ist dieselbe Rationalität tödlich. Der Staat bündelt gesellschaftliche Kräfte; die Stärksten geben ihre Bedürfnisse als nationale Vernunft aus.
Schlechte Hilfe für Israel
Die erweiterte These von Clifton und Lustick verdient Beachtung: Bedingungslose Unterstützung schade Israel selbst. Wer einer Regierung jede rote Linie abnimmt, beseitigt den äußeren Druck zur Umkehr. Kurzfristig schützt Washington vor Sanktionen. Langfristig fördert es eine Politik, die Besatzung vertieft, Gegner radikalisiert und den demokratischen Gehalt Israels aushöhlt.
Sie schadet auch jüdischem Leben außerhalb Israels, wenn Lobbyakteure behaupten, Israels Regierung spreche für alle Juden. Viele amerikanische Jüdinnen und Juden widersprechen der Kriegführung, demonstrieren für einen Waffenstillstand oder lehnen den Zionismus ab. Sie werden von einer Politik vereinnahmt, die sie nicht gewählt haben. Gleichzeitig machen Antisemiten israelische Verbrechen tatsächlich „den Juden“ zum Vorwurf. Gegen beides hilft nur dieselbe klare Trennung: Der Staat Israel ist kein Kollektivsubjekt des Weltjudentums, und jüdische Menschen tragen keine Verantwortung für seine Regierung.
Mearsheimer referiert eine israelische Identitätsvorstellung, nach der Juden „für sich allein“ stünden und die Welt gegen sie sei. Solche Belagerungsmythen existieren. Doch der Sprung vom politischen Lager zum Volk ist unzulässig. Israel ist eine konfliktreiche Gesellschaft: Angehörige von Geiseln protestieren gegen Netanjahu, Menschenrechtsgruppen dokumentieren Besatzungsgewalt. Wer diese Gegensätze unterschlägt, kopiert die Homogenisierung, die er kritisiert.
Die Lücke kann nicht ewig bleiben
Mearsheimers Prognosefrage ist gut gestellt: Wie lange kann Washington bedingungslose Unterstützung fortsetzen, wenn sie in der Bevölkerung erodiert? Institutionen können gesellschaftlichen Wandel erstaunlich lange abwehren. Der US-Senat gewichtet kleine konservative Bundesstaaten überproportional. Wahlkämpfe hängen an reichen Spendern. Außenpolitik ist dem direkten demokratischen Zugriff weitgehend entzogen. Und solange Kritik parteipolitisch aufgespalten wird – hier progressive Solidarität mit Palästina, dort rechter Isolationismus, mitunter durchsetzt von offenem Antisemitismus –, entsteht aus Ablehnung noch keine gemeinsame Gegenmacht.
Dennoch ist die Verschiebung nicht folgenlos. Kandidaten müssen ihre Haltung erklären. Jüdische Organisationen streiten offener. Gewerkschaften, Kirchen und Studierendenverbände verlangen Waffenstillstand, Embargo oder Sanktionen. Medien können palästinensische Opfer schwerer als namenlose Kulisse behandeln. Der Preis der bisherigen Politik steigt.
Die entscheidende Auseinandersetzung verläuft deshalb nicht zwischen einer allmächtigen Lobby und einer ansonsten gesunden Demokratie. Sie verläuft innerhalb einer Demokratie, die politischen Einfluss zur Ware gemacht hat und außenpolitische Gewalt gern der öffentlichen Kontrolle entzieht. Die Israel-Lobby nutzt diese Ordnung mit großer Wirksamkeit. Präsidenten, Parteien und Konzerne nutzen sie ebenfalls. Wer nur auf die Lobby zeigt, lässt ihre Geschäftspartner im Halbdunkel stehen.
Mearsheimer hat recht, wenn er die auseinanderlaufenden Welten von Diskurs und Politik beschreibt. Das Netz hat den Blick geöffnet, aber noch keinen Hebel gebaut. Bilder erzeugen Empörung; Macht verändert sich erst, wenn Empörung Organisation, Geld, Stimmen und institutionellen Druck hervorbringt. Die alte Erzählung verliert ihre Herrschaft. Die alte Politik besitzt noch Waffen, Haushaltslinien und Vetos.
Vielleicht liegt genau darin die neue Lage: Washington kann die Wirklichkeit nicht mehr unsichtbar machen. Es kann sie nur noch ignorieren. Und Ignoranz ist, anders als Unsichtbarkeit, eine zurechenbare Entscheidung.
Quelle: Prof. Mearsheimer: A Must Read Book on the Israel Lobby, veröffentlicht am 9.9.26 auf dem Youtube-Kanal von Mearsheimer.