Das Ende der Weltordnung?

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In einem Interview mit acTVism Munich (15.02.2026) analysiert der Historiker Peter Kuznick die aktuelle geopolitische Lage unter dem Einfluss der Trump-Administration. Er thematisiert die weitreichenden Verstrickungen der Epstein-Akten in die US-Politik sowie die wachsenden Spannungen mit dem Iran und die Gefahr eines neuen atomaren Wettrüstens. Kuznick kritisiert zudem die Militarisierung Europas im Zuge des Ukraine-Krieges und die Abkehr Japans von seiner pazifistischen Tradition. Das Gespräch warnt eindringlich vor einer Zerstörung der internationalen Rechtsordnung durch machtpolitische Interessen. Der Gast fordert abschließend globale Alternativen zum aktuellen Hegeomonialstreben, um den Weltfrieden langfristig zu sichern.

Wir schreiben den Beginn des Jahres 2026, und die geopolitische Tektonik verschiebt sich mit einer Gewalt, die selbst erfahrene Beobachter erschüttert. Peter Kuznick, Historiker und Direktor des Nuclear Studies Institute, bringt es in einer beklemmenden Analyse auf den Punkt: Die Welt geht gerade förmlich „den Bach runter“.

Der Auslöser für diese jüngste Welle der Instabilität ist die Veröffentlichung von 3,5 Millionen Seiten der „Epstein-Akten“ durch das US-Justizministerium. Was viele als abgeschlossenes Kapitel der Kriminalgeschichte abgetan hatten, entpuppt sich als das Epizentrum eines Bebens, das die Fundamente der westlichen Machtarchitektur freilegt. Als Senior Analyst müssen wir hier tiefer blicken: Es geht nicht nur um Sexskandale, sondern um die totale Erosion von Moral und internationalem Recht zugunsten einer amoralischen Elite.

Die „Tentakel“ des Jeffrey Epstein – Systemische Korruption und Geheimdienst-Netzwerke

Die freigegebenen Dokumente haben bereits jetzt institutionelle Konsequenzen, die das Mark der globalen Finanz- und Politikelite treffen. Der Rücktritt von Katherine Ruemmler, der leitenden Rechtsberaterin von Goldman Sachs und ehemaligen Obama-Beraterin, ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Akten enthüllen eine gezielte Strategie der Unterwanderung.

Kuznick betont, dass Epstein aktiv versuchte, Intellektuelle wie Noam Chomsky oder sogar Kuznick selbst in seinen Orbit zu ziehen – oft durch die schiere Naivität der Zielpersonen. Das Ziel war die „Intellektualisierung“ seines Netzwerks, um eine Aura der Legitimität zu schaffen. Doch hinter dieser Fassade verbargen sich tiefere, dunklere Verbindungen zu Geheimdiensten wie dem Mossad, der CIA und dem MI6.

Besonders entlarvend ist das aktuelle politische Theater in Washington. Die Anhörung von Pam Bondi vor dem Kongress war ein Tiefpunkt der politischen Kultur. Anstatt auf die schweren Vorwürfe einzugehen, präsentierte sie das, was Kritiker als ihr „Burnbook“ bezeichnen: ein hysterisches Ablenkungsmanöver voller Beleidigungen, das nur ein Ziel hatte – Donald Trump zu gefallen.

„Seine Tentakel waren überall verbreitet und das war Teil seiner Strategie. Es war ein bewusster Versuch, so viele Menschen wie möglich in diese schmutzige, ekelhafte und verachtenswerte Welt einzuschleusen.“

Trump selbst erscheint in diesen Akten nicht als Staatsmann, sondern als Teil einer amoralischen Clique. Kuznick nutzt hier ein drastisches Bild: Trump wirke wie ein „fetter kleiner Verbindungsstudent“, der Frauen auf der Tanzfläche nachglotzt – ein Symbol für eine Elite, die sich wie im „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch an Macht und Gier berauscht, ohne jede soziale Verantwortung.

Das nukleare Roulette – Warum die „Triade“ wankt

Wir befinden uns in der gefährlichsten Phase des nuklearen Zeitalters seit 1945. Mit dem Ende des „New Start“-Vertrags ist die Ära der kontrollierten Abschreckung (Deterrence) faktisch vorbei. An ihre Stelle tritt eine neue, hochgefährliche Schule von Nuklearplanern, die glauben, ein Atomkrieg sei durch Präventivschläge gewinnbar.

Der technologische Wendepunkt: Bisher galt die U-Boot-Flotte als der stabilste Teil der nuklearen Triade, da sie unauffindbar war. Doch neue KI-gestützte Sensoren und Sonartechnologien machen diese Sicherheit zunichte. Dies nährt die Illusion, man könne die gegnerische Zweitschlagskapazität durch einen Erstschlag komplett ausschalten.

Trumps Forderung nach neuen Atomtests ist in diesem Kontext brandgefährlich und technisch absurd. Die Testanlagen in Nevada sind verrostet; es würde Jahre dauern, sie zu reaktivieren. Während Experten Trumps „Golden Dome“ (Raketenschutzschirm) als „goldenes Sieb“ verspotten, fließen Billionen in die Rüstungsindustrie. Das Erschreckendste für uns Analysten: Es gibt im System keine Instanz, die einen unberechenbaren Präsidenten daran hindern könnte, den nuklearen Knopf zu drücken.

Die verdrängte Geschichte Irans und das doppelte Maß

Um die aktuelle Eskalation im Iran zu verstehen, müssen wir die historische Amnesie des Westens überwinden. Die westliche Erzählung beginnt meist 1979, doch die Wurzel des Misstrauens liegt im Jahr 1953. Damals stürzte die CIA den populären Premierminister Mossadek, um britische Ölinteressen zu sichern – ein Akt, der 26 Jahre brutaler Unterdrückung unter dem Schah einleitete.

In der heutigen Krise operiert die Trump-Administration mit einer atemberaubenden Doppelmoral. Während man die Proteste im Iran lautstark unterstützt – wobei die Zahl von 3117 Opfern durch ihre seltsame Präzision (im Vergleich zu Schätzungen zwischen 700 und 30.000) eher wie ein Propagandawerkzeug wirkt –, fordert Trump im Inland, etwa in Minneapolis oder Chicago, härtestes Durchgreifen gegen Dissidenten.

Das Atomabkommen (JCPOA) von 2015 war ein diplomatisches Meisterstück, das den Iran bei einer Anreicherung von 2,7 % hielt. Die Aufkündigung durch Trump war ein Akt internationaler Rücksichtslosigkeit, der den Iran direkt dazu trieb, die Anreicherung auf heute 60 % zu steigern – ein katastrophales Ergebnis für die globale Sicherheit.

Europa in der Angstfalle – Die „Abrissbirne“ der alten Ordnung

In Europa sehen wir ein gefährliches Auseinanderdriften von politischer Rhetorik und öffentlicher Meinung. Politiker wie Friedrich Merz nutzen eine Sprache, die an das Sudetenland von 1938 erinnert, um eine massive Aufrüstung zu rechtfertigen. Merz warnt davor, dass Putin nach der Ukraine ganz Europa angreifen werde – eine Behauptung, die Kuznick angesichts der militärischen Realitäten in der Ukraine als „Wahnsinn“ bezeichnet.

Die Diskrepanz der Wahrnehmung: In Sicherheitsberichten sank die Sorge der europäischen Bevölkerung vor Russland von Platz 2 auf Platz 8. Dennoch setzen Merz, Macron und Starmer auf Militarisierung, während sie gleichzeitig das soziale Netz ihrer Länder schwächen.

Trump nutzt diese Situation als „Abrissbirne“ (Wrecking Ball), um die internationale Ordnung zu zertrümmern. Er plant, die Vereinten Nationen durch einen von ihm dominierten „Friedensrat“ zu ersetzen. Europa reagiert darauf nicht mit Diplomatie, sondern mit einer Angstspirale, die den Kontinent in die Abhängigkeit von Militärkonzernen treibt.

Japans Abkehr vom Pazifismus und der „Air-Sea Battle Plan“

Die vielleicht unterschätzteste Verschiebung findet im Pazifik statt. Unter Sanay Takaichi bricht Japan radikal mit seinem pazifistischen Erbe und Artikel 9 der Verfassung. Besonders erschreckend ist die Geschichtsvergessenheit der jungen Generation, die keine Erinnerung mehr an Hiroshima, Nagasaki oder die Gräueltaten der Einheit 731 hat.

Hier tritt ein konkreter militärischer Plan zutage: Der „Air-Sea Battle Plan“. Da US-Truppen aufgrund der Distanz Wochen bräuchten, um im Falle eines Konflikts um Taiwan einzugreifen, sieht die Strategie vor, dass japanische und südkoreanische Truppen als „First Responder“ vor Ort sind.

Dies ist keine neue Entwicklung von Trump allein; schon unter Obama wurde die pazifistische Bewegung in Japan (wie die von Premier Hatoyama) systematisch unterdrückt. Heute jedoch wird offen über eigene japanische Atomwaffen debattiert, was eine neue Welle der nuklearen Proliferation in Asien auslösen könnte.

Ein alternativer Weg zum Frieden

Wir stehen an einem Scheideweg. Die alte, regelbasierte Ordnung wird durch eine Welt der rohen Gewalt, der Geheimdienst-Tentakel und des nuklearen Pokers ersetzt. Trumps Versuch, das Völkerrecht durch einen egozentrischen „Friedensrat“ zu ersetzen, ist zum Scheitern verurteilt, da keine andere Großmacht sich diesem Diktat dauerhaft beugen wird.

Die einzige Chance für Stabilität liegt in einem Gegengewicht durch den globalen Süden – BRICS, die SCO und die Afrikanische Union müssen einen alternativen Weg der Entwicklung aufzeigen, der nicht auf militärischer Hegemonie basiert.

Die abschließende Frage für uns alle lautet: Sind wir bereit, die Moral dem Streben nach absoluter Macht zu opfern, oder gibt es noch eine Chance für eine internationale Ordnung, die auf Anstand und Recht basiert? Die Zeit für eine Antwort läuft ab.

About the author

Holger Elias

Studien der Journalistik und Kommunikations-Psychologie. War beruflich als Korrespondent und Redakteur bei Nachrichtenagenturen (reuters, cna usw.), für überregionale Tageszeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen tätig. Lebte und arbeitete knapp acht Jahre als EU-Korrespondent in Brüssel. Als Verleger und Publizist gab er knapp 140 Buchtitel heraus.

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