Die kalte Verwaltung (+Cast)

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Es beginnt mit einem Cursor. Blinkt, starrt, wartet. Auf Eingaben, die man nicht versteht. Auf Codes, die man nicht kennt. Auf Pflichtfelder, die sich nicht füllen lassen. Wer heute mit dem Staat kommuniziert, tut dies zunehmend nicht mehr mit einem Menschen, sondern mit einer Maske. Einer Eingabemaske, wohlgemerkt – kein Gesicht, kein Gespräch, keine Empathie. Willkommen im Zeitalter der kalten Verwaltung.

Was einst als nüchterne Tugend preußischer Amtsstuben galt – Unparteilichkeit, Berechenbarkeit, Ordnung – hat sich in den neoliberalen Gegenwartsstaaten zu einer digital gestählten Variante autoritärer Steuerung gewandelt. Die Bürokratie wird zum unsichtbaren Exekutor sozialtechnologischer Machtausübung. Der berühmte »stahlharte Käfig« Max Webers, durchzogen von Hierarchie und Aktenordnung, ist heute ein Cloud-basiertes Kontrollraster, das in Echtzeit selektiert, sanktioniert, aussortiert. Was dabei verloren geht: das Subjekt. Und das Vertrauen.

Die Verwaltung, so suggeriert es ihr öffentliches Selbstbild, ist neutral. Technisch, effizient, modern. Sie digitalisiert, um zu dienen. Doch worin besteht dieser Dienst, wenn die dafür vorgesehenen Werkzeuge selbst zur Hürde werden? Wer etwa 2021 zur Hochphase der Corona-Impfkampagne versuchte, als über 80-jährige Person in Niedersachsen einen Termin zu buchen, konnte ein absurdes Lehrstück erleben: Überlastete Websites, abgestürzte Server, nicht erreichbare Hotlines. Es war das digitale Äquivalent zur Kafka’schen Tür zum Gesetz – nur dass hier der Türsteher ein Algorithmus war, der nichts wusste außer: »Diese Seite ist momentan nicht erreichbar.«

Währenddessen war die Verwaltung bereits damit beschäftigt, sich selbst zu beglückwünschen – für die »Modernisierung« des Services. Wer nicht mitkam, war eben analog. Und also zurückgeblieben. Dass ausgerechnet die vulnerabelsten Gruppen – Alte, Arme, Menschen mit Behinderung – ausgeschlossen wurden, störte nicht. Der Fortschritt ist unaufhaltsam. Er duldet keine Alternativen.

So wurde die Impfterminvergabe zum Paradefall dessen, was man euphemistisch »digitale Transformation« nennt, ideologiekritisch jedoch als Technokratisierung der Verfügungsgewalt zu begreifen hat. Die öffentliche Verwaltung gab nicht nur Kompetenzen ab, sie gab auch ihre Verantwortung preis. Der Mensch, das störende, unberechenbare Wesen, wurde durch den »Flow« ersetzt – ein Prozess ohne Gesicht, ohne Gewissen, aber mit Eingabezeitfenster.

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Es sind nicht nur die Versäumnisse, die beunruhigen. Es ist die Logik. Nehmen wir das Beispiel der Hartz-IV-Verwaltung, deren technokratische Infrastruktur mit dem Bürgergeld keineswegs überwunden ist. Zwar wurde das Bürgergeld 2023 als »sozialere« Nachfolge eingeführt, doch in der Praxis knüpft es nahtlos an die digitalen Steuerungsmechanismen seines Vorgängers an. Die Software A2LL, später durch ALLEGRO ersetzt, wurde im Hauruckverfahren eingeführt, entwickelte unter den Bedingungen privatwirtschaftlicher Profitmaximierung Systemfehler am Fließband – und war dennoch jahrelang Grundlage existenzieller Bescheide für Millionen. Rückforderungen, Fehlberechnungen, Intransparenz – die Betroffenen litten. Die Verwaltung schirmte sich ab. Der Sachbearbeiter wurde zur Exekutive des Codes, nicht selten unfähig, eigene Entscheidungen zu treffen oder zu begründen. Wer einen falschen Bescheid erhielt, durfte sich durch Widersprüche kämpfen – oft erfolglos, da weder Fehlerquelle noch Logik nachvollziehbar waren.

Das Entscheidende: Der Rückzug des Menschen aus der Verwaltung ist kein Betriebsunfall. Er ist gewollt. Er ist Teil eines Systems, das auf Misstrauen gründet. Der Leistungsbezieher gilt als potenzieller Betrüger. Die Rentnerin ohne Internetanschluss als lästige Anomalie. Der Migrant als Datenrisiko. Wer von öffentlichen Leistungen lebt, lebt unter permanenter Beobachtung – durch Datenabgleiche, Plausibilitätsprüfungen, Cross-Check-Algorithmen. Die Bürokratie des digitalen Kapitalismus ist eine des Verdachts.

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In der Sozialarbeit zeigt sich dieses Prinzip besonders perfide. Hamburgs Jugendhilfe setzte auf JUS-IT – eine Software, die helfen sollte, gefährdete Kinder schneller zu identifizieren und Abläufe zu standardisieren. Was sie stattdessen bewirkte: Überwachung der Mitarbeitenden, Formular-Zwang, Rückzug aus der Fallarbeit. Sozialarbeiter:innen wurden zu Dateneingabekräften, Hausbesuche litten, Menschlichkeit wich der Frist. Die Software dokumentierte lückenlos – und scheiterte grandios. Ein System, das mehr mit IBM kommunizierte als mit Familien, wurde dennoch jahrelang fortgeführt. Offizielle Begründung: wirtschaftliche Erwägungen. Kinder als Kollateralschaden der Prozessoptimierung.

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Der Fall Luca-App wiederum zeigt, wie schnell der Staat selbst zum Kunden wird – und damit zum Handlanger privatwirtschaftlicher Interessen. Mit Millionensummen aus Steuergeldern ausgestattet, aber ohne nennenswerte Effektivität bei der Pandemiebekämpfung, diente die App eher den Interessen des Unternehmens als dem öffentlichen Gesundheitsdienst. Als bekannt wurde, dass die Polizei illegal auf Nutzerdaten zugriff – mit Wissen der Gesundheitsämter – war der Skandal perfekt. Es war kein Ausrutscher, sondern Symptom. Die Verwaltung verliert ihre Souveränität, wenn sie sich auf dem Markt bedienen muss. Die kalte Verwaltung ist auch eine verwaltete Verwaltung.

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International betrachtet, ist Deutschland (noch) milde davongekommen. In den Niederlanden jedoch führte das automatisierte Risikoprofiling im Kindergeldwesen zur staatlichen Diskriminierung zehntausender Familien. In Australien verschickte ein Algorithmus massenhaft Schuldenbescheide an Sozialhilfeempfänger, die nie welche hatten. In Österreich bewertete ein KI-gestütztes Profiling-System Arbeitssuchende – und sortierte Frauen, Ältere und Behinderte systematisch nach unten. Diese Systeme waren nicht korrupt, sondern korrekt – nach den Vorgaben, die man ihnen gegeben hatte. Was sie taten, war nicht illegal, sondern programmiert. Der Skandal war nicht der Fehler – sondern das System.

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Der technokratische Staat, wie ihn Herbert Marcuse in seiner „Eindimensionalität“ bereits ahnte, duldet keine Mehrdeutigkeiten. Es gibt Eingaben, aber keine Gespräche. Es gibt Masken, aber keine Mimik. Die Software ist das Subjekt, der Mensch das Objekt – oder vielmehr: das zu bearbeitende Feld. Der Fortschritt, so will es die Legende, macht alles effizienter. Die Erfahrung zeigt: Er macht vieles kälter. Und einiges unmenschlicher.

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Dass Verwaltung auch anders kann, zeigt sich selten – aber immer dann, wenn sie sich erinnert, was ihr ursprünglicher Daseinszweck ist: Dienen, nicht dirigieren. Unterstützen, nicht überwachen. Begleiten, nicht bevormunden. Eine demokratische Verwaltung muss aus Prinzip analog mitdenken – nicht aus Nostalgie, sondern aus Gerechtigkeit. Sie muss die Schwächsten im Blick behalten, nicht die Prozesskosten. Sie darf nicht von Softwarelösungen träumen, sondern muss Lebensrealitäten ernst nehmen.

Die Forderung nach Transparenz, nach Kontrolle über Algorithmen, nach einer Re-Demokratisierung der Verwaltung, ist kein Technikpessimismus. Es ist Humanismus. Kein Mensch darf einem System ausgeliefert sein, das weder reagiert noch erklärt. Keine Behörde darf Entscheidungen delegieren, ohne Verantwortung zu tragen. Kein Staat darf sich einrichten in einer Welt, in der nur noch zählt, was in die Maske passt.

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Am Ende bleibt ein nüchterner Befund: Die kalte Verwaltung ist kein Naturgesetz. Sie ist gemacht. Und was gemacht ist, kann auch anders gemacht werden. Aber dazu braucht es politischen Willen. Und Mut zur Unordnung. Denn eine gerechte Verwaltung ist nicht perfekt – aber menschlich. Sie kennt Fehler. Und sie kennt Gnade. Zwei Begriffe, die im Code nicht vorgesehen sind.

About the author

Holger Elias

Studien der Journalistik und Kommunikations-Psychologie. War beruflich als Korrespondent und Redakteur bei Nachrichtenagenturen (reuters, cna usw.), für überregionale Tageszeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen tätig. Lebte und arbeitete knapp acht Jahre als EU-Korrespondent in Brüssel. Als Verleger und Publizist gab er knapp 140 Buchtitel heraus.

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