Erfurt legt früh vor, Chemnitz muss bis zuletzt zittern: Der 15. Spieltag der Regionalliga Nordost zeigt zwei Wege zum Erfolg. Hinter dem Spitzenduo bleiben mehrere Verfolger in Reichweite. Im Tabellenkeller verschärft sich dagegen die Frage, wer ansprechende Leistungen auch in Punkte umsetzt.
Fabian Gerber war »riesig erleichtert«, Benjamin Duda »sehr glücklich«. Beide hatten vier Tore ihrer Mannschaft gesehen und drei Punkte gewonnen. Doch Erfurts 4:1 gegen Babelsberg und das Chemnitzer 4:3 bei Tasmania Berlin kamen unterschiedlich zustande. Während der Spitzenreiter seinem Gegner mit einem entschlossenen Beginn die Richtung vorgab, musste der erste Verfolger mehrfach auf Rückschläge reagieren. Erfurt führt mit 34 Punkten vor dem CFC mit 33. Halle folgt mit 30, der BFC Dynamo mit 29 Zählern. Die Spitze bleibt eng.
Für Gerber lag die wichtigste Erkenntnis vor den sehenswerten Abschlüssen. Ihn überzeugte, »dass wir heute von der ersten Sekunde an da waren«. Zuletzt hatte der Trainer diese Bereitschaft vermisst, besonders beim vorangegangenen Auftritt gegen Greifswald. Wiederholt hatte seine Mannschaft Rückständen hinterherlaufen und erheblichen Aufwand betreiben müssen, um Spiele zu reparieren. Gegen Babelsberg gelang ihr nun, was der Trainer eingefordert hatte: Sie bestimmte sofort die Zweikämpfe und das Tempo.
»Du musst natürlich die Tugenden erstmal erfüllen«, betonte Gerber. Darin steckt der Maßstab für die kommenden Wochen. Erfurts spielerische Qualität und Torgefahr sind bekannt. Zur Geltung kommen sie, wenn die Mannschaft den Gegner unter Druck setzt und in den Zweikämpfen zupackt.
Wie beides ineinandergreifen kann, zeigte das 1:0. Der Ball in die Tiefe, Caciels überlegte Hereingabe und Quiala-Titos Lauf an den ersten Pfosten ergaben einen Angriff, dessen Abläufe Gerber ausdrücklich als Trainingsinhalt beschrieb. Der Treffer nach drei Minuten bestätigte zugleich seine Personalentscheidung. Hajrulla war angeschlagen und hatte unter der Woche nur eingeschränkt trainiert. Der Trainer wollte bei ihm kein Risiko eingehen. Quiala-Tito nutzte seine Chance und behauptete sich auch körperlich gegen die Babelsberger Abwehr.
Mit Ikenes 2:0 nach 16 Minuten war die Partie früh vorgeprägt. Michael Braune machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl: Bei den ersten beiden Gegentoren habe sich seine Mannschaft »schon sehr naiv angestellt«. Der frühe verletzungsbedingte Ausfall von Lang erschwerte die Aufgabe, sollte dem Gästetrainer aber ausdrücklich nicht als Ausrede dienen. Wer bei einer Spitzenmannschaft bestehen wolle, dürfe nicht nach einer Viertelstunde mit zwei Toren zurückliegen.
Aufschlussreicher als die Kritik am Beginn war Braunes Unterscheidung zwischen gefälligem Spiel und tatsächlicher Gefahr. Zwischen den Strafräumen sei Babelsbergs Auftritt durchaus in Ordnung gewesen. Doch: »Wir haben heute einfach diese Dringlichkeit im letzten Drittel vermissen lassen.« Mehr Ballbesitz nach der Pause veränderte das Kräfteverhältnis vor den Toren nur bedingt. Erfurt verteidigte die entscheidenden Räume, Babelsberg fehlte die Konsequenz beim letzten Pass und Abschluss.
Das 3:0 verdichtete Braunes Analyse zu einer Szene. Hajrulla, gerade erst eingewechselt, wurde in die Tiefe geschickt, legte im richtigen Moment quer, Forkel traf in den Winkel. Für Braune zeigte sich hier der Unterschied zwischen einer Mannschaft aus dem Mittelfeld und einer Spitzenmannschaft. Erfurts Vorsprung beruhte auf der Fähigkeit, eine offene Situation schnell und sauber zu Ende zu spielen.
Hajrullas Auftritt gab Gerber zudem ein Argument für die Qualität seiner Wechselmöglichkeiten. »Tor aufgelegt, Tor gemacht«, fasste er zusammen. Nach Boboys Eigentor stellte der Angreifer per Kopf den Drei-Tore-Abstand wieder her. Dass Gerber das Gegentor dennoch beanstandete, passte zu seinem Blick auf die Leistung: Beim schnell ausgeführten Freistoß habe seine Mannschaft geschlafen. Auch ein deutlicher Sieg entbindet den Tabellenführer nicht davon, kurze Unaufmerksamkeiten aufzuarbeiten.
Gerber lobte auch die Viererkette und Dominik Beckers Entwicklung. Dessen wachsende Sicherheit und Ruhe am Ball sind angesichts der personellen Engpässe in der Innenverteidigung besonders wertvoll.
Duda musste nach dem Erfolg in Neukölln andere Gewichte setzen. »Allen Widerständen hat die Mannschaft heute getrotzt, viele kleine Prüfungen bestanden«, erklärte er im Gespräch mit dem Vereins-TV. Chemnitz führte 2:0 und 3:1, ließ Tasmania dennoch zum 3:3 zurückkommen und benötigte Berlinskis Treffer nach einem Berliner Aufbaufehler. Selbst danach blieb der Sieg gefährdet: In der Nachspielzeit retteten Richter und die Latte den Vorsprung.
Die Widerstandskraft war damit belegt, die defensive Stabilität an diesem Tag allerdings brüchig. Duda benannte den Widerspruch selbst: »Für unsere Identität der stabilen Defensive sind drei natürlich zu viel.« Für einen dauerhaften Platz ganz oben wird Chemnitz wieder mehr Kontrolle über solche Spielverläufe brauchen.
Der verletzungsbedingte Wechsel in der zentralen Achse machte die Aufgabe schwieriger. Dennis Slamar musste mit Schulterbeschwerden heraus, Georg Hempel rückte hinein. Duda lobte, dass sich der Ersatz nahtlos eingefügt habe, und hob Jan Löhmannsröbens ordnenden Einfluss auf dem Feld hervor.
Auch der Dreifachwechsel nach dem Ausgleich gehörte dazu. Duda sah seine Mannschaft dadurch belebt. Seine Entscheidung für die Doppelspitze erhielt ebenfalls Bestätigung: Marx und Berlinski trafen und arbeiteten nach Einschätzung ihres Trainers mit viel Einsatz. »Wir haben dann schon auch analytisch Redebedarf«, hielt Duda dennoch fest. Sein »Ende gut, alles gut« beschrieb die Erleichterung nach dem Abpfiff; die Aufarbeitung der drei Gegentore wird damit kaum erledigt sein.
Hinter den beiden Siegern blieb Halle beim 1:1 in Magdeburg trotz zehn Spielen ohne Niederlage ohne den erhofften Dreier. Der BFC Dynamo nutzte sein 2:0 gegen den RSV Eintracht zum Anschluss. Aue gewann 1:0 gegen Jena und steht wie Altglienicke, das bei Lok Leipzig 1:3 verlor, bei 27 Punkten. Jena folgt mit 26. Lok gelang der erste Heimsieg dieser Saison. Greifswald kam gegen Chemie Leipzig nur zu einem 1:1.
In der gefährdeten Zone setzte Preussen mit dem 3:0 gegen Zwickau das deutlichste Zeichen. Nach fünf sieglosen Ligaspielen gelang wieder ein Erfolg. Chemie verdiente sich seinen Punkt in Greifswald durch hartnäckige Abwehrarbeit und wichtige Rettungsaktionen. Beide stehen nun bei 14 Zählern. Dahinter folgen Hertha II und Tasmania mit jeweils elf, der RSV mit neun sowie Luckenwalde mit sieben Punkten. Zwischen Platz 14 und 18 liegen somit lediglich sieben Zähler.
Für Luckenwalde war das 1:1 gegen Hertha II besonders unbefriedigend: Die Chance, im direkten Vergleich Boden gutzumachen, blieb ungenutzt. Herthas Nachwuchs bewahrte trotz Unterzahl den Vier-Punkte-Abstand. Der RSV wiederum konnte auswärts beim BFC seine Gelegenheiten nicht verwerten. Solche ausgelassenen Möglichkeiten wiegen im unteren Tabellenbereich schwer, weil bereits einzelne Siege die Abstände erheblich verändern können.
Tasmania lieferte gegen Chemnitz einen weiteren Beleg dafür, dass die Mannschaft auch einen Spitzengegner vor Probleme stellen kann. Das Aufholen zweier Zwei-Tore-Rückstände spricht für ihre Moral und offensive Qualität. Drei eigene Treffer reichten jedoch nicht zu einem Punkt. Dazu kamen zwei Gelb-Rote Karten und der Innenraumverweis gegen Trainer Pardis Fardjad-Azad. Der starke Kraftakt brachte damit neben der Enttäuschung auch personelle Belastungen für die nächste Aufgabe.
Während Erfurt aus seinem aggressiven Beginn Sicherheit gewann und Chemnitz den Erfolg mit Widerstandskraft festhielt, fehlt den Mannschaften unten vor allem die Verlässlichkeit über eine ganze Partie. Babelsbergs Auftritt erinnerte daran, dass auch der Tabellenzwölfte seine Schwächen nicht auf Dauer mit ordentlichen Ballbesitzphasen ausgleichen kann. Braunes Forderung nach mehr Dringlichkeit vor dem Tor reicht deshalb über diesen Nachmittag hinaus.