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Journalismus von Holger EliasPolitik · Gesellschaft · Kultur · Sport

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Sport

Die Zukunft steht auf dem Nebenplatz

Die Debatte über fehlende deutsche Talente führt schnell zur Nationalelf. Doch entscheidende Lernmomente entstehen früher: auf dem Trainingsplatz im Verein. Was Experten kritisieren, welche Hinweise die Forschung liefert und was sich von Athletic, Benfica, Barcelona und Nordsjælland lernen lässt. Ein Blick auf Spielzeit, Mut und eine Nachwuchsarbeit, die Vereine und Verbände gemeinsam tragen können.

18 Kinder, eine Trainingsgruppe, ein Nachmittag. Schon mit diesen drei Angaben beginnt die Diskussion über die Zukunft des deutschen Fußballs. Lassen wir die Kinder gedanklich auf einem Feld drei gegen drei spielen, stehen zunächst zwölf daneben. Teilen wir dieselbe Gruppe auf drei Felder auf, können alle gleichzeitig spielen. Vorausgesetzt, Platz, Material und Betreuung passen dazu. Die Zahl der Kinder hat sich nicht verändert. Ihre Gelegenheit, Fußball zu erleben, schon.

Das ist keine beobachtete Szene aus einem bestimmten Verein. Es ist eine einfache Trainingsskizze. Gerade deshalb lohnt sich der zweite Blick. Denn ehe über den nächsten deutschen Mittelstürmer oder einen dribbelstarken Außenverteidiger gesprochen wird, stellt sich eine viel kleinere Frage: Wie viel Fußball steckt für das einzelne Kind tatsächlich in einer Stunde Fußballtraining?

Am Anfang dieser Recherche stand die bekannte Klage: Deutschland bilde zu wenige besondere Spieler aus. Beim Lesen von Interviews, Trainingskonzepten und wissenschaftlichen Arbeiten verschob sich mein Blick. Weg vom vermeintlich verlorenen Talentjahrgang, hin zum Alltag. Zu Wartezeiten, Auswahlentscheidungen und Erwachsenen, die helfen wollen. Und zu der Erfahrung, dass eine gute Idee erst dann etwas verändert, wenn sie sich am Dienstagabend auf einem halben Platz organisieren lässt.

Wer eine Mannschaft neben Beruf und Familie betreut, braucht dafür Anerkennung und Unterstützung. Die Nachwuchsfrage lässt sich nicht den Ehrenamtlichen vor die Füße legen. Aber sie lässt sich auch nicht vollständig nach Frankfurt oder in das nächste Leistungszentrum delegieren. Ein entscheidender Teil beginnt dort, wo Kinder erstmals Vereinsfußball kennenlernen.

Die Nationalelf ist das Schaufenster. Die Werkstatt ist größer

Die Debatte erhielt durch die frühen WM-Abschiede der deutschen Männer 2018 und 2022 besonderen Nachdruck. Fehlten plötzlich die Unterschiedsspieler? Wurde zu viel über Ordnung und zu wenig über das Lösen einer Eins-gegen-eins-Situation gesprochen? Hinter solchen Fragen steckt ein berechtigtes Interesse an Ausbildung. Als Beweis für eine einzige Fehlerquelle taugen einzelne Turniere jedoch wenig.

Eine Nationalmannschaft bündelt viele Einflüsse: die Stärke eines Jahrgangs, Verletzungen, Rollenverteilung, Auswahl, Vereinsminuten und die Entscheidungen in wenigen Spielen. Die Kinderfußballreform von 2024/25 kann Ergebnisse erwachsener Spieler aus den Jahren davor schon zeitlich nicht erklären. Wer ihre Wirkung beurteilen will, braucht andere Beobachtungsgrößen und Geduld.

Auch das Gegenbild gehört in den Bericht: Deutschlands U17 gewann 2023 sowohl die Europa- als auch die Weltmeisterschaft. Das passt nicht zur Behauptung, hierzulande wachse grundsätzlich niemand mehr mit Qualität heran. Es beantwortet allerdings noch nicht, wie vielen dieser Jugendlichen der dauerhafte Sprung in den Erwachsenenfußball gelingt. Ein Nachwuchstitel und eine tragfähige Laufbahn sind unterschiedliche Etappen. [DFB: U17-Weltmeister 2023], [UEFA: U17-Europameister 2023]

Für einen Verein im Nordosten folgt daraus eine entlastende und zugleich anspruchsvolle Aufgabe. Er muss nicht die nächste Nationalmannschaft zusammenstellen. Er kann dafür sorgen, dass möglichst viele Kinder etwas lernen, gern wiederkommen und später einen passenden Platz im Fußball finden. Manchmal führt dieser Weg in den Leistungsbereich. Manchmal in die eigene erste oder zweite Mannschaft. Manchmal in ein Trainerteam. Auch das ist Zukunftssicherung.

Was Wolf, Gerland und Sammer tatsächlich einfordern

Die Expertenkritik wird konkreter, wenn man sie von der großen Krisenformel löst. Hannes Wolf beschrieb 2023, dass Grundlagen wie das Spiel auf Tore und die direkte Auseinandersetzung mit Gegenspielern in der Ausbildung zu wenig Raum erhalten hätten. Dabei machte er ausdrücklich deutlich, dass kleine Spiele nicht sämtliche Inhalte ersetzen. Größere Räume, Flanken und andere Anforderungen brauchen ebenfalls ihren Platz. Sein Ansatz richtet den Blick auf die Dosis tatsächlichen Spielens. [DFB-Interview mit Wolf, August 2023]

Hermann Gerland bringt einen Teil dieser Debatte auf drei Wörter: „Lass sie dribbeln.“ In einem Trainingsdialog der DFB-Akademie steht der Satz im Zusammenhang mit kleinen Gruppen, Torabschlüssen und Eins-gegen-eins. Dahinter steckt eine praktische Zumutung an Erwachsene: Wer einen Spieler ausbilden möchte, der später einen Gegner überwindet, muss auch den Versuch aushalten, der zunächst misslingt. [DFB-Akademie: Bolzplatzprinzipien]

Matthias Sammer setzte schon beim Internationalen Trainer-Kongress 2017 einen ähnlichen Akzent. Er stellte „die Individualisierung vor einem reinen mannschaftlichen Gedanken“ heraus. Bemerkenswert ist der Zeitpunkt: Die Forderung stammt nicht erst aus einer Phase enttäuschter Turniererwartungen. Und sie ist kein pauschaler Angriff auf Taktik, deren Bedeutung Sammer im selben Gespräch ebenfalls würdigte. [BDFL: Gespräch mit Sammer, 2017]

Zusammengenommen entsteht ein klarer Auftrag: Eine Mannschaft braucht Ordnung. Ein heranwachsender Spieler braucht zusätzlich Aufgaben, an denen er selbst wächst. Die schönste Verschiebebewegung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Kind den Ball selten bekommt. Umgekehrt entsteht Spielintelligenz auch nicht dadurch, dass Erwachsene jede Unterstützung einstellen. Gute Ausbildung gestaltet Situationen und hilft so viel, wie zum nächsten Lernschritt nötig ist.

Das kleine Spiel und sein großer Unterschied

Seit der Saison 2024/25 sind die neuen Spielformen im Kinderfußball bundesweit verbindlich eingeführt. Sie betreffen die G-, F- und E-Jugend, unterscheiden sich aber nach Alter und Ausgestaltung. Es wird keineswegs überall ausschließlich auf vier Minitore gespielt. Für die konkrete Durchführung sind die geltenden Regelungen und Ausschreibungen des zuständigen Landesverbandes beziehungsweise Kreises maßgeblich. Die Grundidee ist übersichtlich: kleinere Gruppen, passende Begegnungen, verlässliche Beteiligung. [DFB: Kinderfußball und Spielformen]

Das Gewinnen verschwindet dabei nicht. Ein Kind, das im Drei-gegen-drei nach einem verlorenen Ball zurücksprintet und den Ausgleich verhindert, erlebt Wettbewerb unmittelbar. Der Unterschied liegt darin, wie viele Kinder diese Erfahrung überhaupt machen können. Wer ständig am Rand wartet, übt weder mutiges Angreifen noch aufmerksames Verteidigen.

Die Forschung liefert dazu einen anschaulichen Befund. Hintermann und Kollegen untersuchten 2021 die Spiele von 103 Kindern mit einem Durchschnittsalter von 10,3 Jahren. In ihrem Vergleich wurden im Vier-gegen-vier 5,59 technische und taktische Aktionen je Kind und Minute erfasst, im Sieben-gegen-sieben 2,78. Beide Gruppen – stärker und weniger spielbestimmende Kinder – waren im kleineren Format häufiger beteiligt. [Hintermann et al., PLOS ONE, 2021]

Eine eindrucksvolle Zahl braucht eine präzise Bildunterschrift. Gezählt wurden Aktionen, nicht einfach Ballkontakte. Außerdem unterschieden sich neben der Spielerzahl unter anderem Feld, Tore und Regeln. Die Studie verglich unmittelbares Spielverhalten, keine späteren Profikarrieren. Sie begründet also zusätzliche Lerngelegenheiten unter den untersuchten Bedingungen. Sie liefert keine allgemeine Verdoppelungsgarantie für jede Trainingsgruppe.

Auch eine systematische Übersichtsarbeit von Clemente und Kollegen fand positive Effekte kleiner Spiele auf technische Ausführung. Die Grundlage bestand allerdings aus wenigen, unterschiedlichen Interventionsstudien. Für langfristige taktische Veränderungen war die auswertbare Evidenz unzureichend. Wer kleine Spiele einsetzt, handelt gut begründet. Wer darin eine alleinige Lösung für alle Ausbildungsprobleme sieht, geht weiter als die Forschung. [Clemente et al., 2021]

Eine Stoppuhr für die richtige Frage

Für den Vereinsalltag lässt sich daraus ein einfacher Versuch ableiten: Bei einer Einheit einmal die tatsächliche Beteiligung einzelner Kinder beobachten. Nicht nur den Blick auf die Trainingsgruppe als Ganzes richten. Auch das Kind verfolgen, das selten auffällt. Wann spielt es? Wann wartet es? Wann erhält es eine lösbare, aber anspruchsvolle Aufgabe?

In unserer Trainingsskizze mit 18 Kindern könnten auf einem Drei-gegen-drei-Feld während eines 24-minütigen Spielblocks insgesamt 144 Spielerminuten entstehen. Bei ideal gleichmäßiger Rotation wären das acht Minuten je Kind. Drei gleichzeitig bespielte Felder böten genügend Plätze für jeweils 24 Minuten. Das ist eine Kapazitätsrechnung, keine gemessene Trainingseinheit. Unterbrechungen, Pausen und die verfügbare Betreuung entscheiden über die Umsetzung.

Der Nutzen solcher Rechnungen liegt nicht in einer neuen Sollvorgabe. Er liegt darin, dass knappe Zeit sichtbar wird. Vielleicht braucht die Gruppe ein weiteres kleines Feld. Vielleicht einen Vorrat an Ersatzbällen oder eine zweite betreuende Person. Vielleicht genügt es zunächst, eine lange Erklärung in die Pause zu verschieben. Nicht jeder Engpass verlangt ein neues Konzept.

Ebenso wenig muss jede Übungsform verschwinden. Wer eine Bewegung noch nicht versteht, kann von einer kurzen, gezielten Hilfestellung profitieren. Danach sollte die Bewegung möglichst wieder im Spiel auftauchen: mit Gegner, Mitspieler und einer Entscheidung. Training wird nicht dadurch kindgerecht, dass ein bestimmtes Etikett daraufsteht. Es wird kindgerecht, wenn die Aufgabe zum Entwicklungsstand passt und das einzelne Kind tatsächlich handeln kann.

Mut braucht eine Antwort, die ihn nicht klein macht

Ein misslungenes Dribbling ist zunächst ein Ballverlust. Für ein Kind kann es zugleich die Antwort auf eine zweite Frage sein: Darf ich hier etwas versuchen? Die Reaktion des Trainers, der Mitspieler und der Eltern prägt, was es beim nächsten Mal wagt.

Ein unterstützender Umgang bedeutet dabei mehr als freundliches Lob. Hilfreich kann eine konkrete Rückmeldung sein: Die freie Seite wurde erkannt; beim nächsten Versuch lohnt ein früherer erster Kontakt. Ebenso hilfreich ist eine kurze Frage nach dem, was das Kind selbst gesehen hat. Nicht jede Aktion braucht eine Unterbrechung. Nicht jede verlorene Partie braucht eine Erklärung auf dem gesamten Heimweg.

Sportpsychologisch lässt sich dieser Gedanke mit drei Bedürfnissen verbinden: sich als wirksam erleben, begrenzt mitgestalten können und dazugehören. Eine prospektive schwedische Fußballstudie mit 738 Jugendlichen untersuchte Motivation, wahrgenommene Unterstützung von Selbstbestimmung und den späteren Verbleib im Vereinsfußball. Sie fand Zusammenhänge, die für das Trainingsklima sprechen. Die Untersuchung beweist keine einfache Ursache-Wirkungs-Kette; auch ein Vereinswechsel kann in einer Ausstiegserfassung eine Rolle spielen. [Back et al., 2022]

Für die Praxis ist das dennoch eine nützliche Einladung zur Selbstprüfung. Wissen unsere Spieler, woran sie arbeiten? Werden sie auch wahrgenommen, wenn sie gerade kein Tor schießen? Dürfen sie eine Entscheidung erklären, ohne sich rechtfertigen zu müssen? Diese Fragen nehmen Leistung ernst. Sie verbinden Forderung mit einer Umgebung, in der sich Kinder an anspruchsvolle Aufgaben herantrauen.

Eltern gehören in diese Umgebung hinein. Ein kurzer Elternabend kann klären, warum die Positionen wechseln, warum alle eingesetzt werden und warum ein gewagter Versuch nicht automatisch ein Fehler im Ausbildungsplan ist. Wer diese Gründe kennt, kann die Mannschaft leichter unterstützen. Der Verein gewinnt Mitstreiter, wenn er seine Arbeit verständlich macht.

Wer früh groß ist, ist nicht automatisch später besser

Die nächste Schwierigkeit begegnet der Ausbildung bei der Auswahl. Ein Kind ist schneller, kräftiger und kann sich heute leichter behaupten. Das ist eine reale Leistung. Die Frage lautet, wie zuverlässig sie das Potenzial in einigen Jahren abbildet.

Dabei müssen zwei Dinge auseinandergehalten werden. Das relative Alter beschreibt die Position innerhalb eines Auswahljahrgangs: Zwischen einem Januar- und einem Dezembergeburtstag können fast zwölf Monate liegen. Die biologische Reife beschreibt dagegen den körperlichen Entwicklungsstand. Ein Dezemberkind ist deshalb nicht automatisch ein biologischer Spätentwickler. Ein Januarspieler kann seinerseits spät reifen.

Eine Untersuchung von Leyhr und Kollegen an 695 männlichen Landesauswahlspielern der Jahrgänge 2010 und 2011 fand eine deutliche Begünstigung körperlich weiter entwickelter Spieler in der deutschen Auswahlkette. Erfasst wurden Teilnehmer an DFB-Turnieren 2023/24; es ging um ein bereits stark ausgewähltes Leistungsfeld. Die Arbeit zeigt Selektionsverzerrungen, keine fertige Prognose der späteren Profikarriere. [Leyhr et al., online 2025 / Heftpublikation 2026]

Für einen Amateurverein folgt daraus kein Auftrag zur medizinischen Vermessung seiner Kinder. Es genügt zunächst, das Urteil beweglich zu halten. Wer kleiner ist, kann ausgezeichnet wahrnehmen, geschickt lösen oder später körperlich aufholen. Wer momentan überlegen ist, braucht ebenfalls passende Herausforderungen und sollte nicht allein auf seinen Vorsprung festgelegt werden.

Eine praktische Konsequenz wären regelmäßige zweite Blicke: Spieler erneut ansehen, Entwicklung besprechen, Übergänge offenhalten. Das setzt die Zusammenarbeit von Vereinen und Auswahlverantwortlichen voraus. Ein Talent darf nicht allein deshalb aus dem Blick geraten, weil es bei einer Sichtung einen schlechten Tag hatte oder in seiner Entwicklung gerade eine andere Geschwindigkeit besitzt.

Der Bolzplatz ist eine Idee, keine Zeitmaschine

In vielen Gesprächen über Ausbildung fällt früher oder später der Satz vom verlorenen Straßenfußball. Er beschreibt eine nachvollziehbare Sehnsucht: Kinder finden Mitspieler, handeln Regeln aus und spielen weiter, ohne dass für jede Lösung ein Erwachsener zuständig ist. Ein Verein kann Teile dieser Freiheit ermöglichen. Die Lebenswelt vergangener Jahrzehnte lässt sich jedoch nicht einfach bestellen.

Auch wissenschaftlich lohnt ein genauer Blick. Hornig, Aust und Güllich verglichen rückblickend die Entwicklungswege deutscher Spitzen- und Amateurspieler. Die Befragung lieferte Hinweise auf die Bedeutung freien Fußballspielens und vielseitiger Bewegungserfahrungen. Die Stichprobe war klein und ausgewählt; Erinnerungen an die Kindheit sind keine experimentelle Prüfung. [Hornig et al., 2016]

Eine größere sportartenübergreifende Meta-Analyse von Güllich, Macnamara und Hambrick verband spätere Weltklasse unter anderem mit mehr früher Mehrsportpraxis und späterer Spezialisierung. Ausgerechnet selbstorganisiertes Spiel zeigte darin aber keine bedeutsamen zusammengefassten Effekte. Das ist kein Widerspruch, den man wegerklären muss. Unterschiedliche Stichproben und Fragestellungen erlauben unterschiedliche Aussagen. Die romantische Formel „mehr Bolzplatz gleich mehr Weltklasse“ tragen sie nicht. [Güllich et al., 2022]

Für die Vereinsarbeit bleibt ein vernünftiger Kern: offene Spielzeiten ermöglichen, andere Sportarten nicht reflexhaft als Konkurrenz betrachten und freie Phasen nicht sofort wieder mit Aufgaben überladen. Ein Kind darf auch einmal Fußball spielen, ohne dass jede Minute auf eine spätere Karriere angerechnet wird. Gerade darin kann eine Bindung wachsen, die den nächsten schwierigen Entwicklungsschritt übersteht.

Lezama: Die Ausbildung beginnt vor dem Akademietor

Der Blick ins Ausland führt zunächst nach Bilbao. Athletic Club beschreibt Lezama als Ausbildungsumgebung mit gemeinsamer Methodik, individueller Entwicklung und pädagogischer Begleitung. Zum Modell gehören außerdem angeschlossene Vereine und regionale Entwicklungsstrukturen. Die Nachwuchsarbeit endet in dieser Darstellung nicht am Zaun des eigenen Trainingsgeländes. [Athletic Club: Lezama und Methodik]

Wie weit solche Wege führen können, zeigte die Europameisterschaft 2024. Mit Unai Simón, Dani Vivian und Nico Williams gehörten drei in Lezama ausgebildete Spieler zur siegreichen spanischen Mannschaft. Das ist ein anschaulicher Erfolgsbeleg. Er macht frühere Heimatvereine nicht unsichtbar: Auch ein späterer Akademiespieler hat meist schon anderswo Menschen erlebt, die ihn gefördert haben. [Athletic Club, 15. Juli 2024]

Athletics besondere regionale Auswahlphilosophie ist dabei kein allgemeiner Bauplan für den Nordosten. Sie umfasst im Baskenland geborene oder dort ausgebildete Spieler und steht in einem eigenen historischen und kulturellen Zusammenhang. Übertragbar ist die Frage, die darunterliegt: Wie verlässlich arbeitet ein Verein mit seiner Umgebung zusammen? [Athletic Club: Vereinsphilosophie]

Ein leistungsstärkerer Klub im NOFV-Gebiet könnte Nachbarvereinen Hospitationen und gemeinsame Praxisabende anbieten. Ein kleiner Verein könnte den Wechsel eines Kindes mitgestalten, ohne ihn als persönliche Niederlage zu erleben. Dazu gehören klare Absprachen, erreichbare Ansprechpartner und ein respektvoller Umgang mit dem bisherigen Trainerteam. Gute Kooperation zeigt sich auch dann, wenn ein Wechsel noch nicht sinnvoll ist.

Die Lehre aus Bilbao ist deshalb weniger ein bestimmter Trainingsinhalt als eine Beziehung. Wer von regionaler Nachwuchsarbeit spricht, muss die Region als Ausbildungsraum behandeln. Mit Vereinen, Schulen und Familien, die einander etwas ermöglichen. Nicht jeder Beteiligte bekommt später einen Anteil am Ruhm. Er sollte trotzdem als Beteiligter anerkannt bleiben.

Benfica: Ein Lernziel, das ein Kind selbst erklären kann

In Benficas Modell fällt ein anderer Punkt auf: die Übersetzung großer Ausbildungsziele in individuelle Arbeit. Der damalige technische Nachwuchsdirektor Pedro Marques erläuterte 2020 Profile und persönliche Entwicklungspläne, die in überschaubaren Zyklen überprüft werden. Die Spieler sollen sich dabei auch selbst mit ihren Zielen auseinandersetzen. [Interview mit Marques, dokumentiert bei Training Ground Guru], [Benfica zum Webinar]

Die Größenordnung des Ausbildungserfolgs lässt sich genauer fassen als mit dem Etikett Talentschmiede. Im CIES-Ausbildungsranking vom Oktober 2025 führte Benfica den kombinierten Index an. Er verband die Zahl ausgebildeter Spieler in 49 untersuchten Ligen mit ihren Einsatzminuten und dem Niveau ihrer Beschäftigungsklubs. Als ausbildend zählten Klubs mit mindestens drei Ausbildungsjahren zwischen den Saisons des 15. und 21. Geburtstags. 93 erfasste Absolventen bedeuteten nicht die größte reine Anzahl aller Klubs. Es war ein bestimmter Index zu einem bestimmten Zeitpunkt. [CIES: Ausbildungsranking, Oktober 2025]

Für den Verein mit zwei Trainingsterminen pro Woche braucht es daraus keine umfangreichen Akten. Ein denkbarer Anfang wäre ein kurzes Gespräch mit zwei Fragen: Was gelingt dir schon besser? Was möchtest du als Nächstes lernen? Daraus kann ein kleines Ziel werden, das Trainer und Kind wiedererkennen – etwa vor der Ballannahme häufiger die Umgebung zu prüfen oder eine Lösung mit dem anderen Fuß auszuprobieren.

Das Ziel muss im Training eine Gelegenheit bekommen. Ein persönlicher Entwicklungsplan, der nur abgeheftet wird, entwickelt niemanden. Ebenso wenig hilft es, jedes Kind mit einer Liste vermeintlicher Defizite nach Hause zu schicken. Das Gespräch soll Richtung geben und Fortschritt erkennbar machen.

Zum vollständigen Bild gehört das Leben außerhalb des Platzes. Benficas Nachhaltigkeitsbericht 2024/25 beschreibt schulische und soziale Begleitung am Campus, darunter Lernangebote und Tutoren. Ein Amateurverein kann diese Infrastruktur nicht nachbauen. Er kann aber anerkennen, dass Schulstress, Fahrtwege oder fehlende Unterstützung die Teilnahme beeinflussen. Manchmal beginnt Förderung damit, einen Konflikt im Wochenplan überhaupt anzusprechen. [Benfica: Nachhaltigkeitsbericht 2024/25]

Barcelona: Zuhören bekommt einen festen Platz

Bei Barcelona ist die sportliche Erzählung schnell zur Hand. Die U19 gewann im April 2025 durch ein 4:1 gegen Trabzonspor zum dritten Mal die UEFA Youth League. Für diesen Beitrag ist daneben ein weniger spektakulärer Teil der Ausbildung interessant: die verlässlich organisierte persönliche Begleitung. [UEFA: Youth-League-Finale 2025]

Im August 2025 beschrieb der Klub sein erweitertes Entwicklungsprogramm für mehr als 600 Nachwuchsathletinnen und -athleten verschiedener professioneller Sportabteilungen. Nach Vereinsangaben gehören monatlich mindestens eine Gruppensitzung und ein Einzelgespräch sowie vierteljährlicher Familienkontakt dazu. Psychologisch qualifizierte Begleitung wird je nach Bedarf verstärkt. Diese Darstellung betrifft mehrere Sportarten, nicht ausschließlich die Fußballakademie. [FC Barcelona: persönliche und emotionale Entwicklung, August 2025]

Das ist ein Organisationsbeispiel und eine Selbstdarstellung des Klubs. Der Youth-League-Titel beweist nicht, dass genau dieses Programm ihn verursacht hat. Der praktische Gedanke bleibt dennoch stark: Zuhören wird verlässlich, wenn Zuständigkeit und Zeit dafür feststehen.

Im Amateurverein könnte eine benannte und geschulte Vertrauensperson eine solche Rolle übernehmen. Nicht als Ersatz für professionelle Hilfe und nicht als zusätzliche Diagnostikaufgabe für den Trainer. Sondern als erreichbare Person, an die sich Jugendliche wenden können, auch wenn ihr Problem gerade nichts mit der Aufstellung zu tun hat. Vertraulichkeit, Kinderschutz und klare Grenzen müssen dabei geklärt sein.

Die oft gut gemeinte offene Tür setzt voraus, dass ein junger Mensch hindurchgeht. Regelmäßige kurze Gespräche senken diese Hürde. Wer beim Wechsel in die C-Jugend plötzlich kaum noch zum Einsatz kommt, sollte nicht erst dann gehört werden, wenn er seine Tasche endgültig nicht mehr packt.

Nordsjælland: Eine Perspektive braucht Minuten

Der vierte Blick führt nach Dänemark und an eine Stelle, an der viele Ausbildungsversprechen geprüft werden: den Übergang aus der Jugend. Für FC Nordsjælland ermittelte das CIES Football Observatory einen U20-Anteil von 37 Prozent an den Erstligaspielminuten zwischen April 2018 und März 2023. Das war der höchste Wert unter 1.168 untersuchten Klubs aus 76 Ligen. Gemeint sind sämtliche eingesetzten U20-Spieler, nicht ausschließlich Absolventen der eigenen Akademie. Es ist ein historischer Fünfjahreswert. [CIES: U20-Einsatzzeiten, Weekly Post 417]

Die Kennzahl sagt noch nicht, wie gut jeder einzelne junge Spieler begleitet wurde. Sie zeigt aber, dass eine Gelegenheit zu spielen in erheblichem Umfang tatsächlich bestand. Das mit Nordsjælland verbundene Right-to-Dream-Modell beschreibt außerdem Bildungswege neben der Profikarriere. Auch hier gehören Fußball und weitere Lebensmöglichkeiten zusammen. [Right to Dream: Bildungswege]

Für einen NOFV-Verein entsteht daraus eine handfeste Frage: Wer spricht mit den Jugendlichen über das, was nach der U19 kommt? Wenn die erste Mannschaft kurzfristig Ergebnisse braucht und die zweite personell auf Kante besetzt ist, regelt sich dieser Übergang selten allein.

Gemeinsame Einheiten im zulässigen Rahmen, ein abgestimmter Ansprechpartner und eine realistische Einsatzperspektive können früher beginnen als im letzten Jugendhalbjahr. Mitunter ist ein geeigneter Nachbarverein der bessere nächste Schritt. Eine offene Erklärung hilft mehr als ein Versprechen, das sich später nicht einlösen lässt.

Ausbildungserfolg muss deshalb auch im Amateurbereich konkret werden dürfen. Ein Jugendlicher, der im Erwachsenenfußball verlässlich ankommt und Verantwortung übernimmt, ist kein gescheiterter Profi. Er ist ein Spieler, den der Verein für den Fußball gewonnen hat.

Was sich übernehmen lässt. Und was nicht

Vier Vereinsmodelle, vier unterschiedliche Akzente: regionale Zusammenarbeit, individuelle Ziele, persönliche Begleitung und echte Anschlussmöglichkeiten. Daraus lässt sich eine Orientierung gewinnen. Eine bewiesene Erfolgsformel entsteht daraus nicht.

Alle genannten Klubs wählen Spieler aus, verfügen über professionelle Strukturen und arbeiten in wirtschaftlichen Zusammenhängen, die mit einem kleinen Verein nur begrenzt vergleichbar sind. Ein erfolgreicher Absolvent erzählt zudem nicht die ganze Geschichte. Wer die Qualität einer Akademie beurteilen möchte, müsste auch wissen, wie sie mit abgelehnten oder ausgeschiedenen Jugendlichen umgeht.

Gerade deshalb lohnt die Übersetzung in den eigenen Maßstab. Eine gemeinsame Fortbildung mit dem Nachbarverein ist möglich, ohne ein internationales Scoutingnetz aufzubauen. Zwei verständliche Lernziele sind möglich, ohne eine Analyseabteilung zu beschäftigen. Eine feste Vertrauensperson ist möglich, ohne den Trainer zum Sportpsychologen zu erklären. Und ein Gespräch mit dem Männer- oder Frauenteam ist möglich, bevor ein Jugendjahrgang auseinanderläuft.

Für Mädchen gilt dieser Anspruch ebenso. Die recherchierten Befunde aus männlichen Auswahlstrukturen lassen sich allerdings nicht einfach als Beschreibung ihrer Entwicklungswege verwenden. Trainingszugänge, passende Teams, Wege zur Anlage und erreichbare Vorbilder müssen vor Ort eigenständig betrachtet werden. Gute Nachwuchsarbeit verliert jene nicht aus dem Blick, für die das vorhandene Angebot noch nicht passt.

Der Nordosten hat längst begonnen

Es wäre falsch, die Erkenntnisse wie eine von außen kommende Gebrauchsanweisung über die Vereine zu legen. Im NOFV-Gebiet wird an diesen Fragen bereits gearbeitet. Bei der Verbandssportlehrenden-Tagung im August 2023 in Schwerin brachte Hannes Wolf das Thema Spielformen und individuelle Spielzeiten im Kinder- und Jugendtraining ein. Verantwortliche aus den Landesverbänden und der Stützpunktarbeit tauschten sich dort über Ausbildung und Qualifizierung aus. [NOFV: Verbandssportlehrenden-Tagung 2023]

Auch der Fußball-Landesverband Brandenburg dokumentierte schon 2022 die Zusammenarbeit mit den Fußballkreisen auf dem Weg zu alters- und entwicklungsgerechten Angeboten und verwies auf einen Kinderfußballtag in Ahrensfelde. Das ist noch keine Wirkungsmessung. Es zeigt aber, dass Veränderung im Nordosten praktische Anknüpfungspunkte besitzt. [FLB: Kinderfußball-Mannschaft soll weiter wachsen, Dezember 2022]

Die nächste Frage lautet deshalb: Wie erreicht eine gute Fortbildung auch jene Trainerin, die abends direkt von der Arbeit zum Platz fährt? Und wie bleibt das Wissen im Verein, wenn ein Elterntrainer nach zwei Jahren aufhört?

Hilfreich wäre eine kleine vereinsinterne Übergabe: Welche Spielformen haben funktioniert? Wie verteilen wir Einsatzzeiten? Welche Absprachen mit Eltern und Nachbarvereinen bestehen? Solches Wissen darf auf eine Seite passen. Ein Nachwuchskonzept gewinnt an Wert, wenn die nächste betreuende Person es tatsächlich verwenden kann.

Ein vorhandener Einstieg ist das Kindertrainer-Zertifikat, das über die Landesverbände angeboten wird und 20 Lerneinheiten umfasst. Auch das DFB-Mobil bringt praktische Unterstützung in Vereine. Die konkreten Angebote und Termine sind beim zuständigen Landesverband zu prüfen. Es muss nicht jeder allein herausfinden, was andere schon erprobt haben. [DFB-Akademie: Kindertrainer-Zertifikat], [DFB: Basisangebote]

Ein Verband hilft, wenn der Alltag leichter wird

Die Verantwortung im Verein braucht ein Gegenüber. Der NOFV kann den Austausch seiner sechs Landesverbände bündeln. Landesverbände und Kreise setzen wichtige Teile des Spielbetriebs und der Qualifizierung um. Die Aufgaben liegen auf mehreren Ebenen; gute Zusammenarbeit macht daraus eine Unterstützungskette. Das Verbandsgebiet umfasst Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. [DFBnet: Fußballverbände und Zuständigkeiten]

Ein sinnvoller Maßstab wäre, ob Reformen den Menschen vor Ort das gewünschte Handeln ermöglichen. Wer parallele Felder möchte, sollte bei Organisation und Material helfen. Wer alle Kinder beteiligen möchte, braucht praktikable Melde- und Wettbewerbswege. Wer Trainerentwicklung fordert, muss Fortbildung erreichbar machen und neue Ehrenamtliche beim Einstieg begleiten.

Wolf beschrieb im September 2025 im DFB-Interview genau diese Reibung zwischen pädagogischem Ziel und Organisation. Er nannte etwa begrenzte Kaderlisten bei Festivals als Hindernis und plädierte für einfachere Abläufe. Zugleich berichtete er von Fortschritten und großem Engagement in den Vereinen. Diese doppelte Perspektive ist hilfreich: Veränderungen anerkennen und an den Bedingungen weiterarbeiten. [DFB-Interview mit Wolf, September 2025]

Für die nächste Entwicklungsschleife wären wenige Fragen aufschlussreich: Wie viel tatsächliche Spielzeit erhalten auch die weniger durchsetzungsstarken Kinder? Warum verlassen Jugendliche eine Mannschaft? Wie gut gelingen Wechsel und Übergänge? Was brauchen Trainer, damit sie im nächsten Jahr weitermachen? Solche Fragen sind ein Vorschlag für die Arbeit vor Ort, kein bestehender NOFV-Prüfkatalog.

Dabei sollten Antworten nicht zur zusätzlichen Papierlast werden. Ein kurzer Austausch am Platz, eine Hospitation und das Gespräch mit einigen Kindern können mehr Anstoß geben als ein weiterer umfangreicher Fragebogen. Der Verband gewinnt, wenn er Hürden aus der Vereinspraxis aufnimmt und Lösungen wieder dorthin zurückbringt.

Am Ende dieser Recherche bleibt kein einzelner Schuldiger. Dafür bleibt ein genauerer Blick auf die erste Trainingsskizze. Die 18 Kinder benötigen keine Erklärung über die Zukunft des deutschen Fußballs. Sie benötigen einen Ball in Reichweite, Mitspieler, Gegner und Erwachsene, die ihnen etwas zutrauen.

Ein Verein könnte schon in der nächsten Woche einen überschaubaren Anfang wählen: mehr paralleles Spielen organisieren, die Beteiligung einzelner Kinder beobachten und anschließend gemeinsam besprechen, was besser lief. Danach vielleicht einen kurzen Entwicklungsdialog vereinbaren oder den Übergang des nächsten Jugendjahrgangs früher auf die Tagesordnung setzen. Eine Veränderung, die verlässlich bleibt, hilft mehr als fünf Ankündigungen.

Die Verbände können diesen Anfang erleichtern: mit Menschen, die ansprechbar sind, mit praxisnaher Qualifizierung und mit Wettbewerben, die den Ausbildungsgedanken tragen. So wird aus dem Ruf nach besseren Talenten eine gemeinsame Arbeit an besseren Bedingungen.

Ob daraus einmal ein Nationalspieler oder eine Nationalspielerin hervorgeht, lässt sich am Nebenplatz nicht versprechen. Dass ein Kind dort spielen, lernen und dazugehören kann, lässt sich dagegen gestalten. Für einen tragfähigen Fußball ist das ein ziemlich guter Anfang.

Text: Holger Elias

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Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag stellt eine subjektive journalistische Position des Autors zum Thema dar und verbindet ausgewertete Fachquellen mit ausdrücklich als solche erkennbaren Trainingsbeispielen. Er entspricht in keiner Weise einer offiziellen Position des NOFV. Die beschriebenen Erfahrungen stammen aus den jeweils genannten Quellen. Rechercheabschluss: 29. Oktober 2026.