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Journalismus von Holger EliasPolitik · Gesellschaft · Kultur · Sport

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Gesellschaft

Presse: Staatsräson sitzt mit am Schreibtisch

Eine neue Studie zeigt Risse im Selbstbild deutscher Medien: Viele Befragte erleben Druck von außen und Konflikte im eigenen Haus. Besonders Freie berichten von einem Bedürfnis zur Selbstzensur. Wie wird aus historischer Verantwortung politische Rücksichtnahme? Eine kritische Analyse über Nahostberichterstattung und die Frage, wer sich journalistischen Widerspruch überhaupt noch leisten kann.

Pressefreiheit lässt sich wunderbar verteidigen, solange der Gegner weit genug entfernt sitzt. Ein autoritärer Präsident, ein Gefängnis für Reporter: Die Solidaritätserklärung ist schnell geschrieben. Schwieriger wird es in der eigenen Redaktionskonferenz. Wenn niemand einen Beitrag verbietet, aber alle wissen, welcher Vorschlag Ärger macht. Wenn ein freier Mitarbeiter an den nächsten Auftrag denkt, bevor er die nächste Frage stellt. Manchmal genügt eine Aussicht auf weniger Aufträge.

Die neue Studie »Unter Druck« von Carola Richter, Jannis Julien Grimm und Nina Moya Schreieder untersucht genau dieses schwer greifbare Gelände: die wahrgenommenen Handlungsspielräume in der deutschen Nahostberichterstattung seit dem 7. Oktober 2023. Das Berliner Forschungszentrum CeMIL hat mit Unterstützung von Reporter ohne Grenzen Journalistinnen und Journalisten befragt, die über Israel und Palästina publiziert haben. Der Befund ist unbequem. Viele der Teilnehmenden erleben eine Medienwelt, deren öffentlich beschworene Unabhängigkeit und deren innere Arbeitsbedingungen auseinanderlaufen. [1]

Von 597 gezielt angeschriebenen Personen beteiligten sich 179, davon 145 vollständig. Befragt wurde im Mai und Juni 2026. Das ist keine repräsentative Zufallsstichprobe und keine Inhaltsanalyse. Erfasst werden Wahrnehmungen und Selbstauskünfte. Wer daraus einen zentral gesteuerten Apparat ableitet, trägt eine Verschwörung in die Zahlen hinein. Wer sie deshalb für belanglos erklärt, trägt die eigene Bequemlichkeit aus ihnen heraus.

Besonders aufschlussreich ist, was die Befragten unter Freiheit verstehen und was sie im Alltag erleben. 92 Prozent der jeweils Antwortenden befürworten eine klare Positionierung der Medien bei grundlegenden Menschenrechtsverletzungen. 87 Prozent lehnen Einschränkungen der Berichterstattung aufgrund deutscher historischer Verantwortung ab. Gleichzeitig bewerten zwei Drittel die Entwicklung der Pressefreiheit seit dem 7. Oktober als Verschlechterung. Keine der 148 Personen, die diese Frage beantworteten, sieht eine Verbesserung. 82 Prozent empfinden Debatten innerhalb der Redaktion als herausfordernder als bei anderen kontroversen Themen. Das professionelle Selbstbild steht unter Spannung. [1; 2]

Die Rücksicht mit dem falschen Adressaten

Man muss den Ausgangspunkt dieser Auseinandersetzung ausdrücklich benennen. Der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober, die Ermordung von Zivilisten und die Geiselnahmen waren Verbrechen. Jüdische Menschen haben Anspruch auf Schutz vor Antisemitismus, ohne dafür politische Erklärungen abgeben zu müssen. Diese Sätze sind keine Eintrittskarte, mit der man sich anschließend eine Kritik an israelischer Politik erkauft. Sie gelten aus sich selbst heraus. Dasselbe gilt für die Rechte palästinensischer Zivilisten. Deren Schutz hängt weder von ihrer Distanzierungsroutine noch vom Verhalten einer bewaffneten Organisation ab.

Die Studie zeigt ein eindeutiges Nebeneinander: 94 Prozent bewerten den besonderen Schutz jüdischen Lebens positiv, 89 Prozent einen Waffenstillstand in Gaza. Breite Zustimmung findet auch gewaltfreier Widerstand gegen die Besatzung. Die unterschiedlichen Antwortzahlen erlauben keine Aussage darüber, ob jede Person alle Positionen zugleich vertritt. Doch das untersuchte Meinungsspektrum lässt sich nicht sauber in zwei feindliche Loyalitätsgemeinschaften sortieren. [1]

Die deutsche Geschichte gibt dieser Arbeit eine besondere Verantwortung. Sie macht aus einer israelischen Regierung aber keine Instanz, die über journalistische Zulässigkeit entscheidet. Am 12. Oktober 2023 erklärte Olaf Scholz im Bundestag die Sicherheit Israels zur deutschen Staatsräson. Das war eine politische Selbstverpflichtung der Bundesregierung, keine Redaktionsanweisung. Die entscheidende journalistische Frage lautet deshalb, wie staatliche Solidarität praktiziert wird, welche Folgen sie hat und an welchen rechtlichen Grenzen sie sich messen lassen muss. Wer sie zur Grenze des Fragens macht, verwandelt Verantwortung in einen Schutzschirm für Regierungshandeln. [4]

Antisemitismusschutz und die offene Prüfung israelischer Politik sind keine natürlichen Gegensätze. Selbst die IHRA erläutert, dass Kritik an Israel, die der Kritik an anderen Staaten vergleichbar ist, nicht als antisemitisch gelten kann. Das macht nicht jede als Israelkritik präsentierte Aussage unbedenklich. Wer Juden kollektiv für israelische Entscheidungen verantwortlich macht, reproduziert Antisemitismus. Wer eine konkrete Regierungsentscheidung untersucht, erfüllt eine journalistische Aufgabe. [5]

Wessen Angst bezahlt wird

Die härteste Trennlinie der Untersuchung verläuft nicht zwischen zwei außenpolitischen Lagern. Sie verläuft durch die Arbeitsverhältnisse. Von 44 freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bejahen 23 die Frage nach einem Bedürfnis zur Selbstzensur oder danach, sich lieber nicht zu äußern: gut 52 Prozent. Unter 104 angestellten Redakteurinnen und Redakteuren sind es 27, also rund 26 Prozent. Die Gruppen sind klein, und aus dem Unterschied folgt kein isolierter Kausalbeweis. Aber er lenkt den Blick auf eine Bedingung von Pressefreiheit, die in Sonntagsreden selten vorkommt: die Möglichkeit, sich Widerspruch wirtschaftlich leisten zu können. [2]

Das Wort »frei« hat im Journalismus einen eigentümlichen Doppelsinn. Es bezeichnet Selbstständigkeit und kann zugleich heißen, dass ein Auftraggeber sich unkompliziert von einem Menschen verabschieden kann. Zwölf Prozent der 150 Antwortenden nennen den Entzug von Aufträgen als eigene Erfahrung. Ob jede dieser Entscheidungen sachwidrig war, lässt sich nicht feststellen. Die berufliche Verwundbarkeit bleibt ein ernstes Problem. [1]

Auch Migrationserfahrung steht mit höherem Selbstzensurbedürfnis in Zusammenhang. Unter 53 Antwortenden mit eigener oder elterlicher Migrationserfahrung bejahen 25 die Frage, rund 47 Prozent. Ohne diese Erfahrung sind es 26 von 88, knapp 30 Prozent. Die breite Kategorie bezeichnet weder eine bestimmte Herkunft noch eine politische Haltung. Die Zahlen legen eine Untersuchung der Arbeitsbedingungen nahe, keine Wesensdiagnose über Menschen. [2]

Denn die Studie berührt eine zweite ungleiche Verteilung: die Anerkennung von Wissen. Rund 60 Prozent der Antwortenden nehmen an, dass eine zugeschriebene palästinensische Zugehörigkeit die Zuschreibung journalistischer Kompetenz negativ beeinflusst. Für eine muslimische Zuordnung gilt das nach Einschätzung von etwa 51 Prozent, für eine arabische von rund 41 Prozent. Umgekehrt wird eine israelische oder jüdische Zuordnung häufiger als Vorteil wahrgenommen. Das sind Angaben darüber, wie Kompetenz zugeschrieben wird, keine Messung tatsächlicher Kompetenz und kein Nachweis jeder einzelnen Diskriminierung. [1; 2]

Trotzdem steckt darin eine politische Frage von erheblicher Schärfe. Wann gilt Nähe als Sachkenntnis, wann als Befangenheit? Wenn dieselbe Art biografischer Verbindung je nach zugeschriebener Herkunft unterschiedlich bewertet wird, geht es um mehr als persönliche Empfindlichkeiten. Dann droht die Redaktion, gesellschaftliche Hierarchien in ihre Erkenntnisproduktion einzubauen. Der eine Mensch kennt die Region. Der andere ist ihr angeblich zu nah. Die Unterscheidung muss fachlich begründet werden können, sonst wird Herkunft zum Ersatz für Argumente.

Das Gegenmittel besteht nicht darin, Personen eine Wahrheit nach Identität zuzuteilen. Auch die direkteste Erfahrung kann blinde Flecken erzeugen; auch ein Außenstehender kann gründlich recherchieren. Alle müssen ihre Aussagen belegen. Aber alle sollten mit derselben Art von Prüfung rechnen können. Wer in einer Redaktion »Diversität« auf ein Personalplakat druckt und abweichende Erfahrung anschließend als Störung behandelt, bekommt Vielfalt fürs Gruppenfoto und Einfalt für die Themenkonferenz.

Die Öffentlichkeit ist kein feindlicher Angriff

Fast die Hälfte der Befragten stuft Medieneigentümer als bedrohlich für die Pressefreiheit in diesem Themenfeld ein, 45 Prozent Chefredaktionen. Die Frage benennt Akteursgruppen allgemein; aus den Antworten lässt sich nicht ableiten, dass jede dieser Personen ihre eigene Chefredaktion meint. Gleichwohl ist das Ergebnis ein Anlass, die inneren Machtverhältnisse des Journalismus zu untersuchen. Wer veröffentlichen darf, bestimmt nicht allein die Form. Er beeinflusst auch, welche Zweifel überhaupt die Chance auf Öffentlichkeit erhalten. [1; 2]

Proisraelische Lobbyorganisationen und Interessengruppen werden am häufigsten als Bedrohung wahrgenommen: 65 Prozent. Das ist kein Urteil über alle Organisationen oder jüdische Menschen und kein Beleg für eine gemeinsame Steuerung. Einflussforschung muss konkret fragen: Wer intervenierte, mit welcher Forderung und welcher Folge? Wer daraus ein ethnisches Machtmärchen macht, produziert das Ressentiment, das kritisiert werden muss. [1]

Auch von propalästinensischen Akteuren werden Bedrohungen wahrgenommen, allerdings wesentlich uneinheitlicher. Politische Überzeugung immunisiert niemanden gegen Einschüchterung. Ein Aktivist darf Berichterstattung kritisieren; er darf eine Reporterin nicht bedrohen. Ein Botschafter darf widersprechen; sein Amt macht persönliche Herabsetzung nicht zur sachlichen Widerlegung. Eine Redaktion darf Beschwerden prüfen; die Zahl eingegangener Mails entscheidet nicht über den Wahrheitsgehalt eines Beitrags. Pressefreiheit verlangt, Kritik auszuhalten und zwischen Kritik und Angriff unterscheiden zu können.

Wie konkret diese Grenze wird, zeigte Sophie von der Tann. Reporter ohne Grenzen kritisierte im Dezember 2025 persönliche Angriffe auf die ARD-Korrespondentin durch Vertreter des israelischen Staates und dokumentierte Solidarität von Kollegen. RSF benannte Äußerungen des Reserve-Armeesprechers Arye Shalicar und des Botschafters Ron Prosor. Dieser überprüfbare Fall ersetzt keine Beweisführung für andere, macht die Sorge vor öffentlichen Anfeindungen aber verständlich. [6]

46 Prozent der 150 Antwortenden berichten in der Studie von Diffamierung im Internet, 41 Prozent von Hassrede oder Drohungen. 35 Prozent nennen Antisemitismusvorwürfe. Letztere sind besonders sorgfältig einzuordnen: Die Untersuchung überprüft nicht, welche Vorwürfe berechtigt waren und welche als Einschüchterung eingesetzt wurden. Ein antisemitischer Inhalt wird nicht dadurch akzeptabel, dass sein Autor den Vorwurf als Bedrohung empfindet. Umgekehrt wird ein unbegründeter Vorwurf nicht dadurch wahr, dass er mit moralischer Gewissheit vorgetragen wird. Die notwendige Prüfung muss am Material erfolgen, nicht am Lautstärkepegel. [1]

Wenn Sorgfalt die Aussage verschluckt

Die Studie beschreibt auch redaktionelle Reaktionen. 34 Prozent berichten von eingeführten Sprachregelungen, 26 Prozent von einem Mehr-Augen-Prinzip, 16 Prozent von zusätzlichen Faktenchecks und neun Prozent von internen Schulungen. Die Forschenden ordnen Maßnahmen unter anderem als Ausweichen, Abwehren oder Qualitätssicherung ein. Doch gerade diese Einteilung verlangt Widerspruch. Eine Sprachregelung kann Verschleierung begünstigen oder Begriffe präzisieren. Ein Sicherheitsdienst kann keine Wahrheit prüfen, aber bedrohte Menschen schützen. Die Art der Maßnahme verrät noch nicht ihre Wirkung. [1]

Die direkte Frage zur Selbstzensur verbindet das Zensieren der eigenen Äußerung mit dem Wunsch, sich lieber nicht zu äußern. 53 von 154 stimmen zu oder eher zu: 34,4 Prozent. Weitere 30 antworten mit teils/teils, 71 ablehnend. Daraus wird kein belastbarer Satz wie »Die Mehrheit der deutschen Journalisten zensiert ihre Beiträge«. Ein Bedürfnis ist keine dokumentierte Handlung. Und eine unterlassene Aussage kann bei unsicherer Grundlage verantwortlich sein. [2; 3]

Politisch problematisch wird Zurückhaltung dort, wo Menschen belastbare Erkenntnisse wegen erwarteter Sanktionen zurückhalten. Die Studie fragt nach solchen Gründen und findet unter anderem die Sorge vor öffentlichen Anfeindungen, Missverständnissen, Reaktionen von Vorgesetzten und beruflichen Konsequenzen. Welche Motive zusammenwirken, müsste genauer rekonstruiert werden. Wer jede Vorsicht verdächtigt, zerstört Sorgfalt. Wer jede Angst als Sorgfalt etikettiert, schützt Anpassung.

Ein weiterer Widerspruch betrifft die Quellen. 61 Prozent misstrauen der israelischen Regierung eher oder sehr, 58 Prozent der israelischen Armee. Haaretz genießt dagegen bei 85 Prozent hohes oder eher hohes Vertrauen. Das widerspricht der Karikatur eines Journalismus, der unterschiedslos alles Israelische übernimmt. Zugleich stehen die Selbstauskünfte in Spannung zu Inhaltsanalysen, die der Forschungsbericht für frühe Kriegsphasen referiert und die eine starke Präsenz israelischer offizieller Quellen kritisieren. [1]

Zwischen beidem liegen unterschiedliche Zeiträume, Personen und Methoden. Vielleicht haben Erfahrungen die Bewertungen verändert. Vielleicht werden offizielle Erklärungen trotz Misstrauens zitiert, weil sie für eine Nachricht notwendig sind. Vielleicht setzt sich eine andere Quellenbewertung in der Hierarchie durch. Die Befragung beweist keine dieser Erklärungen. Die Recherche müsste dem Weg einer Information bis zur Veröffentlichung folgen.

Die Grammatik der Verantwortung

Dieser Satz kann Gewalt aufklären oder ihr den Handelnden nehmen. »Menschen starben« ist nicht dasselbe wie eine belegte Aussage darüber, wer Menschen tötete. Wo die Verantwortung ungeklärt ist, muss die Ungewissheit sichtbar bleiben. Wo sie gesichert ist, sollte das Passiv keine politische Schonung organisieren. Das ist keine Forderung nach kämpferischen Adjektiven. Es ist die Forderung, die Logik einer Nachricht nicht der Sorge um ihre Wirkung zu unterwerfen.

Auch Empathie entsteht durch journalistische Entscheidungen. Die Befragten nehmen hohe mediale Empathie häufiger gegenüber Menschen mit israelischem Familienbezug wahr als gegenüber Menschen mit palästinensischem Familienbezug: 60 gegenüber 22 Prozent. Daraus folgt kein objektiv gemessener Empathiequotient. Der Unterschied benennt eine Erfahrung, die Inhaltsanalysen prüfen müssten: Wer bekommt einen Namen, ein Foto, eine Biografie? Wer erscheint als Zahl? Wer wird vor allem durch die Sicherheitsinteressen anderer beschrieben? [1]

Die Antwort besteht nicht darin, israelische Opfer zu anonymisieren. Sie besteht darin, palästinensische Menschen ebenso sichtbar zu machen. Auch ein erwachsener palästinensischer Mann ist nicht aufgrund seines Alters und Geschlechts ein Kämpfer. Auch eine israelische Familie ist mehr als ein Argument für eine Regierungsstrategie. Gleiche Würde fordert eine journalistische Form, die niemandem seine Menschlichkeit entzieht.

Ähnlich irreführend wäre es, Ausgewogenheit als automatische Halbierung des Platzes zu verstehen. Eine belegte Tatsache und eine widerlegte Behauptung bekommen nicht durch gleiche Länge gleichen Wahrheitswert. Wenn ein Konflikt asymmetrische Machtverhältnisse aufweist, kann eine symmetrische Darstellungsroutine diese Macht gerade verdecken. Dabei muss Kritik an israelischer Kriegführung die Verbrechen der Hamas nicht relativieren. Und die Benennung jener Verbrechen enthebt niemanden der Prüfung israelischen Handelns. Journalistische Genauigkeit kennt kein moralisches Verrechnungskonto.

Die bequeme Freiheit abschaffen

Aus den Befunden folgt die Forderung nach Verfahren, die Abhängigkeit begrenzen. Entscheidungen über Recherche, Quellen und Ablehnung brauchen nachvollziehbare Gründe. Externe Interventionen sollten intern dokumentiert werden. Wer einen fachlichen Widerspruch vorbringt, braucht einen geschützten Weg, ihn prüfen zu lassen. Freie müssen Zugang zu rechtlicher und psychosozialer Unterstützung erhalten. Sonst bleibt die innere Pressefreiheit für die einen ein Recht und für die anderen eine Mutprobe.

Nur 39 Prozent attestieren sich hohe Kenntnisse der Politik und Gesellschaften Westasiens und Nordafrikas, während 77 Prozent ihr Wissen zum Nahostkonflikt hoch einschätzen. Das ist kein objektiver Wissenstest, aber ein Warnsignal: Wer vor allem die deutsche Debatte beherrscht, kann die Region durch deren deutsche Aufregungen betrachten. Regionale Sachkenntnis und lokale Zusammenarbeit brauchen Zeit und Geld. [1]

Die Untersuchung zeigt auch Widerstandskraft: 46 Prozent verneinen ein Selbstzensurbedürfnis. Diese Personen dürfen in einer kritischen Bilanz nicht verschwinden. Ihre Antworten sprechen dagegen, die Branche als vollständig eingeschüchtert zu beschreiben. Es wäre sinnvoll zu prüfen, welche Arbeitsbedingungen offene Auseinandersetzung ermöglichen. Die Frage nach gelingender Unabhängigkeit ist mindestens so konkret wie die nach ihren Verletzungen. Pressefreiheit erweist sich an der Stelle, an der ein belegter Befund unbequem wird. Für die Regierung, für einen Verband, für das eigene Publikum oder für den Menschen, der über den nächsten Auftrag entscheidet. Eine demokratische Öffentlichkeit braucht Redaktionen, die solche Zumutungen institutionell tragen können. Wenn allein die Beschäftigten das Risiko tragen, während ihre Häuser die Unabhängigkeit als Marke verkaufen, steht auf dem Etikett Freiheit. Im Kleingedruckten steht dann: auf eigene Kosten.

Quellen und Prüfhinweise

[1] Carola Richter, Jannis Julien Grimm und Nina Moya Schreieder: Unter Druck. Journalistische Handlungsspielräume in der deutschen Nahostberichterstattung. CeMIL, Oktober 2026. Methodik und Grenzen: S. 15–20. Ergebnisse: S. 21–41. Schlussfolgerungen: S. 42–44. https://doi.org/10.17169/refubium-54096

[2] Carola Richter, Jannis Grimm und Nina Moya Schreieder: Auswertung Nahost-Berichterstattung in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023, 2. Oktober 2026. Hochgeladene Datei dj7o_final_report_V2.pdf. Belegstellen: Q302, Tabelle 31, PDF-Seite 30; Q103 × Q302, Tabelle 186, PDF-Seite 192; G503 × Q302, Tabelle 196, PDF-Seite 197. Anhang: https://doi.org/10.17169/refubium-54105

[3] Vollständiger Fragebogen Nahost-Berichterstattung in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023. Hochgeladene Fassung. Insbesondere Q301–Q306, S. 8–10, und Q406–Q408. Dokumentiert die Antwortskalen und den Unterschied zwischen Selbstzensurbedürfnis und überprüfter Handlung. Abruf zusammen mit den deskriptiven Statistiken: https://doi.org/10.17169/refubium-54105

[4] Deutscher Bundestag: Olaf Scholz: Deutschland hat nur einen Platz, den Platz an der Seite Israels. Bericht zur Regierungserklärung am 12. Oktober 2023. https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2023/kw41-de-regierungserklaerung-970542

[5] International Holocaust Remembrance Alliance: Working definition of antisemitism. Die nicht rechtsverbindliche Arbeitsdefinition und ihre erläuternden Beispiele enthalten die Unterscheidung zwischen Antisemitismus und einer mit Kritik an anderen Ländern vergleichbaren Kritik an Israel. https://holocaustremembrance.com/resources/working-definition-antisemitism

[6] Reporter ohne Grenzen: Einschüchterungsversuche gegen Sophie von der Tann / Kolleg*innen zeigen sich solidarisch. 4. Dezember 2025; enthält die Pressemitteilung vom 2. Dezember 2025. Die Bewertung der Angriffe wird im Beitrag ausdrücklich RSF zugerechnet. https://www.reporter-ohne-grenzen.de/artikel/pressemitteilungen/4148/einschuchterungsversuche-gegen-sophie-von-der-tann-kolleginnen-zeigen-sich-solidarisch