Die Illusion der Befreiung

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Wir schreiben den 2. März 2026. Über Teheran liegt der metallische Geruch verdampften Betons, über Washington der süßliche Duft steigender Rüstungsaktien. Die Vereinigten Staaten und Israel haben unter den operettenhaften Operationsnamen »Epic Fury« und »Roaring Lion« einen Großangriff auf den Iran begonnen. Über 2.000 Ziele seien bombardiert worden, melden Agenturen, die Lufthoheit sei gesichert, der Oberste Führer Ali Chamenei tot [1][2].

Die westliche Öffentlichkeit erlebt diese Stunden in einer eigentümlichen Doppelbelichtung: Auf dem Bildschirm erscheinen animierte Karten, militärische Simulationen, Experten mit ruhiger Stimme. Es ist ein Aufklärungstheater, in dem Zerstörung als chirurgische Maßnahme verkauft wird. Man spricht von »Präzision«, von »Stabilität«, von »Schutz vor Terror«. Dass unter diesen Begriffen Städte brennen und Kinder sterben, wird zur Randnotiz einer geopolitischen Notwendigkeit.

Ein dialektischer Blick zwingt uns, die Szene zu drehen. Kriege fallen nicht vom Himmel, sie wachsen aus Widersprüchen. Der Iran befand sich bereits vor dem ersten Einschlag in einer inneren Eruption. Die Wirtschaft war kollabiert, der Rial verfiel, die Inflation fraß Löhne und Ersparnisse auf. Ende 2025 erreichte die Teuerung offiziell über 40 Prozent, bei Grundnahrungsmitteln deutlich mehr. Millionen Menschen verloren die materielle Basis ihres Lebens.

Was folgte, waren die größten Proteste seit 1979. Arbeiter, Studierende, Frauen, Rentner – sie gingen auf die Straße, nicht im Namen Washingtons, sondern im Namen von Brot und Würde. Die Antwort des Regimes: Repression. Berichte sprechen von zehntausenden Toten und Verletzten bei den Januar-Massakern 2026 [3]. Die Revolutionsgarden verteidigten ihre ökonomischen Imperien mit Kugeln.

Hier öffnete sich das Fenster für die äußere Intervention. Ein innerlich erschüttertes Regime, international isoliert, ökonomisch stranguliert – das ist aus imperialer Sicht kein humanitäres Drama, sondern eine Gelegenheit. Washington argumentierte mit dem iranischen Raketen- und Nuklearprogramm, mit der Bedrohung Israels und der Region [4]. Doch der moralische Furor über Menschenrechtsverletzungen blieb selektiv. Dass man jahrzehntelang mit autoritären Regimen in der Region kooperierte, wurde im Eifer des Gefechts vergessen.

Die Kommunikationsstrategie des Weißen Hauses folgte einem bekannten Muster. In seiner Erklärung bezeichnete Präsident Trump das iranische Regime als »radikale Diktatur« und »unmittelbare Bedrohung« [5]. Er versprach, die militärische Infrastruktur »dem Erdboden gleichzumachen«. Gleichzeitig wandte er sich direkt an das »großartige iranische Volk« und erklärte, die Stunde der Freiheit sei nahe.

Freiheit per Luftschlag – das ist die moderne Variante der zivilisatorischen Mission. Der alte Kolonialismus brachte das Kreuz, der neue bringt die Drohne. Die Bevölkerung solle in ihren Häusern bleiben, während »überall Bomben fallen«. Danach, so die Logik, könne sie die eigene Regierung übernehmen. Die Emanzipation wird zur Dienstleistung, geliefert von B-2-Bombern.

Die Realität widerspricht dieser Rhetorik brutal. Bereits in den ersten 48 Stunden meldete der Iranische Rote Halbmond über 500 getötete Zivilisten [6]. In Minab traf ein Luftangriff eine Mädchenschule; Dutzende Schülerinnen starben. Militärisch mag man von »Kollateralschaden« sprechen. Humanistisch bleibt es ein Massaker.

Währenddessen reagierten die Märkte. Verteidigungsaktien stiegen unmittelbar nach Beginn der Angriffe deutlich an; Unternehmen wie Palantir oder Lockheed Martin verzeichneten Kursgewinne [7][8]. Analysten sprachen nüchtern davon, dass steigende Verteidigungsausgaben nun »weniger umstritten« seien. Der Krieg als Konjunkturprogramm – das ist keine polemische Zuspitzung, sondern ökonomische Routine.

Besonders aufschlussreich ist die Transformation der Rüstungsindustrie in ein »Abonnementmodell«. Der Verkauf eines Systems ist nur der Anfang. Wartung, Software-Updates, Datenintegration – hier liegen die langfristigen Profite. Berichte des U.S. Government Accountability Office zeigen, dass der Großteil der Lebenszykluskosten militärischer Systeme im Betrieb entsteht. Für datengetriebene Firmen wie Palantir sind wiederkehrende Regierungsverträge ein Garant stabiler Einnahmen [9].

Krieg wird so zur dauerhaft kalkulierten Wertschöpfungskette. Jede Eskalation erhöht den Bedarf an Systemen, Analysen, KI-gestützter Zielerfassung. Dass ein anderes KI-Unternehmen Aufträge verlor, weil es ethische Bedenken gegen autonome Waffensysteme äußerte [10], während skrupellosere Anbieter prosperieren, spricht Bände. Moral ist im Spätkapitalismus ein Kostenfaktor.

Parallel verschärfte sich die geopolitische Dimension. Iranische Vergeltungsschläge trafen Ziele in Israel und US-Basen in der Region; es kam zu Toten auf beiden Seiten [11][12]. Die Straße von Hormus rückte ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Durch dieses Nadelöhr fließt ein erheblicher Anteil des globalen Öl- und LNG-Handels. Schon die Androhung einer Blockade ließ die Ölpreise deutlich steigen [13][14][15].

Ein dauerhafter Engpass würde nicht nur Tanker betreffen, sondern Heizkosten, Lebensmittelpreise, Transportketten. Inflation wirkt wie eine unsichtbare Steuer – regressiv, sozial blind. Die Arbeiterklasse in Europa oder Asien zahlt an der Zapfsäule für strategische Manöver im Persischen Golf.

Auf internationaler Ebene verurteilten Russland und China die Angriffe als völkerrechtswidrig [16]. Peking sieht seine Energiesicherheit bedroht, nutzt aber zugleich die strategische Ablenkung der USA. Der Globale Süden registriert die Doppelmoral des Westens: Souveränität wird je nach Bündnislage verteidigt oder suspendiert. Die moralische Hegemonie, die man einst reklamierte, erodiert sichtbar.

Und Deutschland? Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte, man teile die Ziele, zweifle aber an der Methode [17]. Eine bemerkenswerte Dialektik: Zustimmung zum Resultat, Distanzierung vom Blut. Außenpolitische Solidarität mit Washington, rhetorische Besorgnis über zivile Opfer. Außenministerin Annalena Baerbock mahnte »maximale Zurückhaltung« [18], während Deutschland strukturell Teil der westlichen Sicherheitsarchitektur bleibt.

Im Iran selbst entstand nach dem Tod Chameneis ein provisorischer Führungsrat [19][20][21]. Das Machtvakuum öffnet Räume für alte und neue Akteure. Der im Exil lebende Reza Pahlavi positionierte sich als Alternative und warb für internationale Unterstützung [22]. Doch auch hier droht eine historische Wiederholung: Ein autoritäres Regime könnte durch ein anderes, nur anders etikettiertes ersetzt werden. Die soziale Frage bliebe ungelöst.

Die Dialektik dieses Krieges besteht darin, dass er zugleich gegen eine theokratische Diktatur gerichtet ist und imperialer Machtsicherung dient. Wer nur eine Seite sieht, verfehlt das Ganze. Das iranische Regime ist repressiv und blutig; die westliche Intervention ist machtpolitisch und profitgetrieben. Zwischen diesen Polen steht eine Bevölkerung, die weder Mullahs noch Marschflugkörper bestellt hat.

Der Preis der »Befreiung« bemisst sich nicht in Presseerklärungen, sondern in zerstörten Wohnungen, traumatisierten Kindern, verschobenen Zukunftsplänen. Aktienkurse steigen, Ölpreise springen, Strategen diskutieren Szenarien. Doch am Ende bleibt die alte Wahrheit: Emanzipation lässt sich nicht bombardieren.

Die Aufgabe kritischer Öffentlichkeit besteht darin, die semantische Veredelung des Krieges zu durchbrechen. Wenn »Präzision« Zivilisten tötet, wenn »Stabilität« Märkte meint und nicht Menschen, wenn »Freiheit« als Exportware erscheint, dann ist Aufklärung kein Luxus, sondern Pflicht.

Der Krieg gegen den Iran ist kein isoliertes Ereignis. Er ist Ausdruck einer Weltordnung, in der ökonomische Interessen, technologische Macht und geopolitische Rivalität eine explosive Mischung bilden. Solange diese Struktur unangetastet bleibt, werden neue »Operationen« folgen – mit neuen Namen, neuen Rechtfertigungen, denselben Opfern.

Die Dialektik zwingt uns, beides zugleich zu sagen: Nein zur theokratischen Unterdrückung in Teheran. Und Nein zum imperialen Bombardement aus Washington. Wer eines gegen das andere ausspielt, dient am Ende nur einer Macht. Wer beides kritisiert, verteidigt die Möglichkeit einer dritten Option: die selbstbestimmte, soziale Emanzipation von unten.


Quellen

[1] Wikipedia: Prelude to the 2026 Iran conflict.
[2] Wikipedia: 2026 Israeli–United States strikes on Iran.
[3] Institute for the Study of War: Iran Update Special Reports, Feb/März 2026.
[4] The Guardian: Middle East crisis live.
[5] PBS: Read Trump’s full statement on Iran attacks.
[6] UN News: Middle East live updates.
[7] Morningstar: Defense stocks rising on heels of Iran conflict.
[8] Economic Times: Market reactions to US–Iran war.
[9] Seeking Alpha: Palantir’s role to Pentagon remains solid.
[10] Seeking Alpha / Berichte zu Anthropic und Pentagon-Verträgen.
[11] CBS News: Trump says Iran operation could take «four weeks or less”.
[12] Gulf News: US, Israel war with Iran enters Day 3.
[13] Al Jazeera: How attacks threaten the Strait of Hormuz.
[14] Kpler: Strait of Hormuz crisis reshapes oil markets.
[15] The Guardian: What is the Strait of Hormuz and why is it crucial?
[16] Russia in Global Affairs / UN-Berichte zu Reaktionen im Sicherheitsrat.
[17] taz: Deutsche Reaktionen auf Iran-Krieg.
[18] YouTube/APT: Baerbock urges maximum restraint at UNGA.
[19] Iran International: Temporary leadership council has begun work.
[20] Washington Post: Who runs Iran now?
[21] Time: After Khamenei, who could lead Iran next?
[22] Times of Israel: Iran’s exiled crown prince touts himself as future leader.

About the author

Holger Elias

Studien der Journalistik und Kommunikations-Psychologie. War beruflich als Korrespondent und Redakteur bei Nachrichtenagenturen (reuters, cna usw.), für überregionale Tageszeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen tätig. Lebte und arbeitete knapp acht Jahre als EU-Korrespondent in Brüssel. Als Verleger und Publizist gab er knapp 140 Buchtitel heraus.

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