Bomben, Börsen und Befreiungsrhetorik

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Es gibt Tage, an denen die Geschichte nicht anklopft, sondern eintritt wie ein Feldwebel, der die Tür eintritt und sich über das Parkett der Diplomatie hinwegsetzt. Der 28. Februar 2026 ist ein solcher Tag. Während die Nachrichtenkanäle mit Live-Tickern flackern und die Agenturen von »major combat operations« berichten [1][2], sprechen die Vereinigten Staaten und Israel mit der gewohnten Grandezza von »Operation Epic Fury« und »Operation Roaring Lion« [2][3]. Die Namen klingen wie aus einem Computerspiel entlehnt – als ließe sich der Tod in High Definition konsumieren, als wäre Geopolitik eine Streaming-Serie, deren nächste Staffel die »Befreiung« verspricht.

Doch unter der Oberfläche der martialischen Ästhetik arbeitet eine alte Maschine. Sie trägt viele Namen: militärisch-industrieller Komplex, Hegemonialordnung, Akkumulation durch Enteignung. In Wahrheit ist sie nichts anderes als die politische Form des Kapitals in seiner imperialen Phase. Was wir erleben, ist kein plötzlicher moralischer Aufschrei gegen eine »existenzielle Bedrohung«, sondern die nüchterne Fortschreibung einer Logik, die Krieg als Marktmechanismus begreift.

Donald Trump, der in Mar-a-Lago vor blauem Vorhang und mit weißer »USA«-Kappe den Beginn der Operation verkündete [1][12], spricht von der »Zerstörung der iranischen Marine« und der »Vernichtung der Raketenindustrie«, als handle es sich um die Liquidation eines verlustträchtigen Tochterunternehmens. Diese Sprache ist kein Zufall. Sie ist das Symptom einer Ökonomisierung des Politischen, in der selbst Bombardements als Managemententscheidungen erscheinen. Der Krieg wird zur Kosten-Nutzen-Rechnung, die Moral zur PR-Kampagne.

Während die ersten Marschflugkörper einschlagen, reagieren die Märkte mit einer Präzision, die an Zynismus grenzt. Ölpreise steigen aus Furcht vor einer Eskalation [4], BloombergNEF kalkuliert bereits Szenarien jenseits der 90-Dollar-Marke [5], Analysten diskutieren »geopolitische Prämien« [6]. Gold zieht an, Verteidigungsaktien profitieren, Lockheed Martin und Raytheon verzeichnen Kursgewinne [7]. Der Tod wird eingepreist. Die Rakete ist nicht nur ein militärisches, sondern ein finanzielles Ereignis.

Seit Beginn des Ukraine-Krieges haben die großen Ölkonzerne Rekordgewinne von rund 467 Milliarden Dollar erzielt [8]. ExxonMobil, Chevron, Shell, BP, TotalEnergies – sie sind die stillen Profiteure jeder Verknappung. Wenn die Straße von Hormus, durch die etwa ein Fünftel des weltweiten Ölhandels fließt [9], auch nur temporär gefährdet ist, beginnt eine Spekulationskette, die Dividenden verspricht. Der Krieg ist hier kein Betriebsunfall, sondern Bestandteil eines Systems, das Unsicherheit in Rendite übersetzt.

Natürlich wird uns anderes erzählt. Die offizielle Begründung lautet »präventive Selbstverteidigung« [10]. Artikel 51 der UN-Charta wird bemüht, als handele es sich um ein Gummiband, das sich bis zur Unkenntlichkeit dehnen lässt. Juristen weisen seit Jahren darauf hin, dass die Theorie der präventiven Selbstverteidigung völkerrechtlich höchst umstritten ist [10][11]. Doch in der politischen Praxis zählt weniger die Norm als die Macht, sie zu interpretieren. Das Völkerrecht wird zur Fußnote der Exekutive.

Hinzu tritt die moralische Kulisse: Man handle, so heißt es, auch im Interesse des iranischen Volkes. Tatsächlich erschüttern seit Monaten Proteste das Land; UN-Experten fordern Transparenz und Rechenschaft [13]. Arbeiter, Studierende, Frauen gehen gegen Inflation, Korruption und Repression auf die Straße. Linke Organisationen und internationale Solidaritätsgruppen betonen, dass die Emanzipation von innen kommen müsse, nicht durch Bombardements von außen [14][15][16].

Gerade hier offenbart sich die Dialektik des imperialen Humanismus. Das Leid der iranischen Bevölkerung wird rhetorisch vereinnahmt, um militärische Interventionen zu legitimieren. »Die Stunde eurer Freiheit ist nah«, verkündet Trump – während seine Streitkräfte Infrastruktur angreifen. Berichte über getötete Schülerinnen in Minab [17] stehen im grellen Kontrast zur Rhetorik der »Befreiung«. Die humanitäre Intervention wird zur semantischen Tarnkappe eines Machtprojekts.

Man muss das Mullah-Regime nicht verteidigen, um diesen Zynismus zu erkennen. Die theokratische Herrschaft im Iran ist repressiv, korrupt, frauenfeindlich. Doch aus dieser Kritik folgt nicht die Legitimation eines Bombenkriegs. Wer aus der Unterdrückung eine Rechtfertigung für äußere Gewalt ableitet, reproduziert nur eine andere Form der Bevormundung. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist voll von »Befreiungen«, die in neue Abhängigkeiten führten.

Strategisch betrachtet ist der Angriff Teil einer größeren Verschiebung. Analysen weisen darauf hin, dass Iran nach dem sogenannten »12-Tage-Krieg« 2025 verstärkt russische und chinesische Waffensysteme ins Auge fasst [18][19]. Der Nahe Osten ist nicht isoliert; er ist Knotenpunkt einer globalen Rivalität. Russland sieht in einer Eskalation die Möglichkeit, amerikanische Ressourcen zu binden. China, das erhebliche Energiemengen aus der Region bezieht, betrachtet jede Störung der Seewege als Bedrohung seiner Versorgungssicherheit.

Die Straße von Hormus wird so zur Achillesferse der Weltwirtschaft. Strategische Studien warnen vor massiven Energie- und Versicherungsrisiken bei einer Blockade [9]. Szenarien, die Ölpreise jenseits der 100 Dollar prognostizieren, sind keine Fiktion, sondern Modellrechnungen [5][6]. Der Kapitalismus hat sich in ein System verwandelt, das von globaler Vernetzung lebt und zugleich durch eben diese Vernetzung verwundbar ist. Ein Minenfeld im Golf kann Inflationsraten in Europa treiben.

Und Europa? Es reagiert mit Sorge, appelliert an Deeskalation, bleibt aber strukturell eingebunden in eine Sicherheitsarchitektur, die es selbst kaum kontrolliert [20]. Die »regelbasierte Ordnung« wird beschworen, während ihre Regeln situativ ausgelegt werden. Die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit wird zur dauerhaften Begleitmusik einer Politik, die moralische Kategorien strategisch instrumentalisiert.

Es wäre zu einfach, hier nur mit dem Finger auf Washington oder Jerusalem zu zeigen. Auch Teheran betreibt Machtpolitik, auch dort wird mit regionalen Stellvertretern operiert. Doch die asymmetrische Konstellation bleibt evident: Die militärische Übermacht der USA ermöglicht eine Definitionsmacht, die anderen verwehrt ist. Wer über Flugzeugträger und globale Basen verfügt, kann seine Version von »Selbstverteidigung« durchsetzen.

Die eigentliche Frage lautet daher: Welche Struktur produziert immer wieder diese Eskalationen? Wenn Verteidigungshaushalte auf Rekordhöhen steigen, wenn Rüstungskonzerne zu systemrelevanten Akteuren werden, wenn Energieknappheit Gewinne vervielfacht, dann ist der Krieg nicht bloß Reaktion, sondern Geschäftsmodell. Trump fordert zusätzliche hunderte Milliarden Dollar für Verteidigung – es ist ein Konjunkturprogramm für jene, die von permanenter Unsicherheit leben.

Adorno schrieb einst, dass es kein richtiges Leben im falschen gebe. Überträgt man diesen Gedanken auf die internationale Politik, ließe sich sagen: Es gibt keinen dauerhaften Frieden in einem System, das seine Stabilität aus Konkurrenz und Profitmaximierung bezieht. Solange Ressourcen, Transportwege und Absatzmärkte als strategische Güter begriffen werden, bleibt der militärische Zugriff eine Option im Instrumentenkasten.

Die Dialektik dieses Tages ist bitter. Einerseits ein repressives Regime, das seine Bevölkerung unterdrückt. Andererseits eine Interventionspolitik, die mit der Sprache der Menschenrechte operiert und doch die Logik der Hegemonie verfolgt. Zwischen beiden geraten jene, die »Brot, Arbeit, Freiheit« fordern. Ihre Stimmen gehen unter im Lärm der Explosionen und im Rauschen der Börsenticker.

Die Aufgabe eines kritischen Journalismus besteht nicht darin, Lager zu wählen, sondern Strukturen sichtbar zu machen. Dieser Angriff ist kein isoliertes Ereignis, sondern Symptom einer Weltordnung, die sich im Übergang befindet. Die USA verteidigen eine schwindende Vormachtstellung; Russland und China testen Grenzen; regionale Akteure spielen auf Zeit. In dieser Konstellation wird das iranische Territorium zum Schauplatz einer globalen Machtarithmetik.

Was bleibt? Vielleicht die nüchterne Einsicht, dass »Epic Fury« weniger episch als tragisch ist. Ein System, das sich nur noch durch Eskalation stabilisiert, offenbart seine Krise. Der imperiale Humanismus, der Bomben mit moralischen Argumenten dekoriert, ist eine Phantasmagorie – ein Trugbild, das die Gewalt ästhetisiert. Die Emanzipation, die er verspricht, kann er nicht liefern.

Wenn es eine Alternative gibt, dann nicht in der Apologie des Status quo in Teheran, sondern in einer transnationalen Solidarität, die sich weder vor den Karren der Mullahs noch vor den Panzer amerikanischer Flugzeugträger spannen lässt. Eine Solidarität, die das Völkerrecht nicht als lästige Formalie begreift, sondern als Minimum zivilisatorischer Selbstbindung. Und eine Öffentlichkeit, die sich nicht mit Schlagworten abspeisen lässt, sondern die ökonomischen und strategischen Interessen hinter der Rhetorik freilegt.

Der 28. Februar 2026 wird in den Chroniken als Tag militärischer Operationen geführt werden. Für uns sollte er ein Anlass sein, die Mechanik hinter den Kulissen zu studieren. Nicht um Zynismus zu kultivieren, sondern um jene nüchterne Klarheit zu gewinnen, die jede wirkliche Emanzipation voraussetzt.


Quellen

[1] The Washington Post: »Strikes in Iran: Live updates as U.S. and Israel launch joint attack« (2026).
[2] Times of India: »Operation Epic Fury: How Israel and US planned the strikes on Iran« (2026).
[3] Fox News: »Israel, US launch attack on Iran as Trump announces ‘major combat operations’« (2026).
[4] The Guardian: »Oil prices rise amid fears of US strikes on Iran« (2026).
[5] BloombergNEF: »Oil Can Hit $91 a Barrel in Late 2026 on Iran Disruption« (2026).
[6] Argus Media: »US, Israel launch major attack on Iran« (2026).
[7] Defense & Military Stocks – Aerospace & Security Market Data (2026).
[8] BusinessGreen: »Oil giants record $467bn in profits since Russia’s invasion of Ukraine« (2026).
[9] Top Center: »Measuring Strategic Pressure and Global Energy Risks in the Strait of Hormuz in 2026« (2026).
[10] Just Security: »Assessing the U.S. Article 51 Letter for the Attack on Iran« (2026).
[11] Just Security: »Expert Q&A: Are U.S. Threats or Use of Force Against Iran Lawful?« (2026).
[12] CBS News: »Live Updates: U.S. and Israel attack Iran« (2026).
[13] OHCHR: »Iran: UN experts demand transparency and accountability following nationwide protests« (2026).
[14] International Socialist League: »Statement in Solidarity with the Popular Protests in Iran« (2026).
[15] Socialist Alliance: »Solidarity with protest movement in Iran« (2026).
[16] Marxist.com: »Imperialists and Pahlavis – hands off Iran!« (2026).
[17] KSAT: »Iran says 5 students killed at a girls’ school in Israeli-US strike« (2026).
[18] Defense Security Monitor: »Iran Turned to Russia, China for Missiles After 12-Day War« (2026).
[19] Institute for the Study of War: »Iran Update, February 3, 2026« (2026).
[20] European Union Institute for Security Studies: »Global Risks to the EU in 2026« (2026).

About the author

Holger Elias

Studien der Journalistik und Kommunikations-Psychologie. War beruflich als Korrespondent und Redakteur bei Nachrichtenagenturen (reuters, cna usw.), für überregionale Tageszeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen tätig. Lebte und arbeitete knapp acht Jahre als EU-Korrespondent in Brüssel. Als Verleger und Publizist gab er knapp 140 Buchtitel heraus.

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