Gedanken zur ideologischen Funktion eines entleerten Begriffs und zur Möglichkeit seiner radikalen Rückgewinnung
Die Audio-Zusammenfassung
Summary: Der Essay analysiert die ideologische Entleerung des Freiheitsbegriffs in der modernen Gesellschaft und kritisiert dessen Reduzierung auf eine bloße Warenform. Während westliche Demokratien Freiheit als obersten Wert beschwören, dient diese Rhetorik laut dem Text oft nur dazu, die ökonomische Unterwerfung unter die Marktlogik als Selbstbestimmung zu tarnen. Elias kontrastiert das bürgerliche Verständnis von Freiheit mit marxistischen Ansätzen, um aufzuzeigen, dass wahre Autonomie erst durch die kollektive Verfügung über die Produktionsbedingungen möglich wird. Er beleuchtet dabei, wie staatliche Strukturen und die Kulturindustrie bestehende Machtasymmetrien verschleiern und das Individuum zur Selbstvermarktung zwingen. Das Ziel des Autors ist eine radikale Neubesetzung des Begriffs, die Freiheit nicht als Wahl zwischen Konsumgütern, sondern als echte soziale Teilhabe und geschichtliche Gestaltungsmacht begreift. Damit plädiert das Werk für eine Demokratisierung der Wirtschaft, um den Menschen aus seiner Rolle als bloßes Verwertungsobjekt zu befreien.
I. Die Inflation eines Heilswortes
Kaum ein politischer Begriff genießt eine vergleichbare Omnipräsenz wie der der Freiheit. Wahlkämpfe, Regierungsprogramme, Unternehmensleitbilder und Marketingkampagnen beschwören sie als obersten Wert. Freiheit erscheint als Selbstbeschreibung westlicher Demokratien, als moralischer Maßstab geopolitischer Auseinandersetzungen, als Leitmotiv wirtschaftlicher Reformprogramme und als Versprechen individueller Selbstverwirklichung.
Gerade diese Omnipräsenz ist jedoch verdächtig. Denn parallel zur inflationären Verwendung des Begriffs lassen sich Prozesse beobachten, die reale Autonomie untergraben: Prekarisierung der Arbeit, Verschiebung politischer Entscheidungsspielräume in supranationale oder marktgetriebene Strukturen, Privatisierung sozialer Risiken, Internalisierung von Konkurrenzdruck in die Subjektivität.
Die These meines Essays lautet:
Die Inflation des Freiheitsbegriffs ist keine rhetorische Nachlässigkeit, sondern eine systemische Notwendigkeit. Je stärker das gesellschaftliche Leben der Warenform unterworfen wird, desto intensiver muss Freiheit beschworen werden – um diese Unterwerfung als Selbstbestimmung erscheinen zu lassen.
II. Von der Autonomie zur Produktionsfrage
Die abendländische Tradition versteht Freiheit zunächst als Autonomie des Subjekts. In der kantischen Konzeption ist der Mensch frei, wenn er sich dem selbstgegebenen moralischen Gesetz unterwirft und nicht bloß seinen Neigungen folgt [1]. Freiheit ist hier transzendental gedacht: als Eigenschaft der Vernunft.
Mit Marx verschiebt sich der Maßstab. Die frühe Phase übernimmt noch idealistische Kategorien, doch im materialistischen Bruch wird Freiheit nicht mehr als Eigenschaft des isolierten Subjekts begriffen, sondern als Resultat bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse [2][3].
Nicht das Bewusstsein bestimmt das Sein, sondern das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein. Freiheit wird damit zur Frage der Produktionsweise.
Die entscheidende Differenz lautet:
Die bürgerliche Freiheit spielt sich in der Sphäre der Zirkulation ab – im Austausch formal gleicher Warenbesitzer. Die marxistische Freiheit zielt auf die Sphäre der Produktion – auf die Verfügung über die Bedingungen gesellschaftlicher Reproduktion.
In der Zirkulation erscheinen die Subjekte als freie und gleiche Vertragspartner. In der Produktion hingegen herrscht das Kommando des Kapitals über die Arbeitskraft. Die formale Gleichheit verdeckt die materielle Asymmetrie.
Freiheit wird zur Rechtsform, während Unfreiheit als ökonomische Notwendigkeit fortbesteht.

III. Demokratie im Kapitalismus: Verwaltung der Alternativlosigkeit
Innerhalb kapitalistischer Gesellschaften nimmt der Staat eine doppelte Rolle ein. Einerseits garantiert er Grundrechte, organisiert Wahlen, schützt die Vertragsfreiheit. Andererseits sichert er die allgemeinen Bedingungen der Kapitalakkumulation – Infrastruktur, Geldwesen, Bildungssystem, Rechtssicherheit [4].
Marxistische Staatstheorie bezeichnet ihn daher als „ideellen Gesamtkapitalisten“: Er verwaltet jene Rahmenbedingungen, die einzelne Kapitalisten in Konkurrenz zueinander nicht selbst herstellen können [4].
Die Demokratie fungiert dabei als Form, in der sich dieser Klassencharakter verschleiert. Alle Bürger erscheinen als formal gleichberechtigte Subjekte. Politische Entscheidungen werden jedoch regelmäßig unter Verweis auf „Sachzwänge“ getroffen: Wettbewerbsfähigkeit, Standortlogik, Haushaltsdisziplin, Investorenvertrauen.
Wolfgang Streeck beschreibt diesen Prozess als Transformation vom Steuerstaat über den Schuldenstaat hin zum Konsolidierungsstaat, in dem die Interessen des „Marktvolkes“ Vorrang vor denen des „Staatsvolkes“ erhalten [5].
Die demokratische Deliberation wird so zur Verwaltung vorgegebener Spielräume. Freiheit erscheint als Wahl zwischen Alternativen, die die ökonomische Grundstruktur nicht berühren.
Dies bedeutet nicht, dass Demokratie bloße Fassade wäre. Sie ist reales Terrain sozialer Kämpfe. Doch ihre Reichweite bleibt begrenzt, solange die Verfügung über Produktionsmittel und Investitionsentscheidungen privat konzentriert bleibt.
Die Freiheit der Wahlurne ersetzt nicht die Freiheit der Produktionsentscheidung.
IV. Die Subjektivierung der Marktlogik
Der gegenwärtige Kapitalismus geht über äußere Disziplinierung hinaus. Er verlagert die Marktlogik in das Innere des Subjekts.
In der Gig-Economy erscheinen Plattformarbeiter als selbstständige Unternehmer ihrer eigenen Arbeitskraft. Sie tragen Risiko, organisieren sich selbst, optimieren ihr Profil – während algorithmische Steuerung und asymmetrische Vertragsverhältnisse bestehen bleiben [6].
Freiheit wird hier zur Freiheit, sich selbst zu vermarkten.
Die Formel der „finanziellen Freiheit“ verspricht Unabhängigkeit von Lohnarbeit, meint jedoch häufig die totale Internalisierung von Finanzmarktrisiken. Scheitern erscheint nicht mehr als strukturelles Resultat, sondern als individuelles Versagen.
Herbert Marcuse beschrieb diesen Mechanismus als „repressive Toleranz“ und „repressive Desublimierung“ [7]: Das System integriert Protest, indem es scheinbare Freiräume gewährt, die die Grundstruktur unangetastet lassen.
Das Kapital herrscht nicht trotz der Freiheit, sondern durch sie.
V. Kulturindustrie und semantische Entleerung
Adorno und Horkheimer analysierten die Kulturindustrie als Mechanismus der Standardisierung und Pseudo-Individualisierung [8]. Heute erreicht diese Logik eine neue Stufe.
Soziale Medien verwandeln Identität selbst in Ware. Subjekte präsentieren sich als Marken, konkurrieren um Aufmerksamkeit, quantifizieren Anerkennung in Likes und Follower-Zahlen.
Die permanente Wahl zwischen Produkten, Lebensstilen und Selbstentwürfen erzeugt die Illusion grenzenloser Optionen – während strukturelle Machtverhältnisse unangetastet bleiben.
Gleichzeitig wird „Freiheit“ politisch zur Floskel. Medienanalysen verweisen darauf, dass der Begriff zunehmend als rhetorisches Schlagwort ohne präzisen Gehalt verwendet wird [9].
Wo Freiheit alles bedeutet, bedeutet sie nichts mehr.
Der Begriff verliert seine kritische Schärfe und wird zum moralischen Universalpass, mit dem Partikularinteressen als Allgemeininteressen ausgegeben werden.
VI. Kulturelle Hegemonie und Interregnum
Antonio Gramsci zeigte, dass Herrschaft nicht primär durch Zwang, sondern durch Konsens stabilisiert wird [10]. Freiheit fungiert als zentraler Bestandteil dieses Konsenses.
Sie erscheint als „gesunder Menschenverstand“: Freiheit = Markt, Freiheit = Wettbewerb, Freiheit = Eigenverantwortung.
In Phasen gesellschaftlicher Krise – Gramsci spricht vom „Interregnum“ – treten autoritäre Tendenzen hervor, während die alte Ordnung brüchig wird. Die Berufung auf Freiheit kann dabei sowohl neoliberale Deregulierung als auch nationalistische Abschottung legitimieren.
Die ideologische Flexibilität des Begriffs ist Ausdruck seiner Entleerung.
VII. Konkrete Utopie und radikale Demokratie
Eine undogmatisch-marxistische Perspektive verteidigt Freiheit radikaler als der Liberalismus. Sie reduziert sie nicht auf Vertragsfreiheit, sondern erweitert sie zur kollektiven Verfügung über gesellschaftliche Bedingungen.
Ernst Bloch versteht Freiheit als Bewegung des „Noch-Nicht-Seins“ [11]. Hoffnung ist kein bloßes Wunschdenken, sondern ein realer Antizipationsmodus geschichtlicher Möglichkeiten.
Rosa Luxemburg insistiert darauf, dass Freiheit stets „Freiheit der Andersdenkenden“ sein muss [12]. Demokratie darf nicht zur Herrschaft einer Bürokratie verkommen, sondern muss lebendige Selbsttätigkeit der Massen bleiben.
Radikale Demokratie bedeutet daher:
- Demokratisierung ökonomischer Entscheidungen
- Aufhebung der Trennung von Politik und Produktion
- Zugang aller zu Bildungs-, Informations- und Gesundheitsressourcen
- Orientierung der Produktion an sozialen und ökologischen Bedürfnissen
Freiheit wäre dann nicht mehr Wahl zwischen Waren, sondern Verfügung über die Bedingungen ihrer Herstellung.
VIII. Schluss: Rückeroberung eines umkämpften Begriffs
Die Untersuchung zeigt: Der inflationäre Gebrauch des Freiheitsbegriffs ist kein semantischer Zufall, sondern ideologischer Bestandteil kapitalistischer Reproduktion.
Die bürgerliche Demokratie garantiert Freiheit – jedoch primär als Freiheit der Warenbesitzer in der Zirkulation. Die materielle Struktur der Produktion bleibt hiervon weitgehend unberührt.
Eine undogmatisch-marxistische Kritik demaskiert diese Begrenzung, ohne die demokratische Form preiszugeben. Sie begreift Freiheit nicht als Privileg, sondern als Prozess kollektiver Selbstbestimmung.
Freiheit beginnt dort, wo Menschen nicht länger Objekte der Verwertung sind, sondern Subjekte der Geschichte.
Ihre Rückgewinnung erfordert nicht die Abschaffung des Begriffs, sondern seine radikale Neubesetzung.
Literaturverzeichnis
- Kant, I. (1785/2004). Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Hamburg: Meiner.
- Marx, K. (1844/1974). Ökonomisch-philosophische Manuskripte. MEW Ergänzungsband. Berlin: Dietz.
- Marx, K., & Engels, F. (1846/1969). Die deutsche Ideologie. MEW 3. Berlin: Dietz.
- GegenStandpunkt. (o. J.). Ideeller Gesamtkapitalist – Sozialstaat.
- Streeck, W. (2013). Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus. Berlin: Suhrkamp.
- Seeliger, M. (2023). Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft. Weinheim: Beltz Juventa.
- Marcuse, H. (1965/1968). Repressive Toleranz. In: Kritik der reinen Toleranz.
- Horkheimer, M., & Adorno, T. W. (1944/2003). Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main: Fischer.
- Deutschlandfunk Kultur. (2022). Der Begriff „Freiheit“ ist Floskel des Jahres.
- Gramsci, A. (1971). Selections from the Prison Notebooks. New York: International Publishers.
- Bloch, E. (1959). Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
- Luxemburg, R. (1918/1974). Zur russischen Revolution. In: Gesammelte Werke, Bd. 4. Berlin: Dietz.
