Das Schweigen der Gräber und der Lärm des Profits

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Während am Persischen Golf die Trümmer rauchen und in den Gassen Teherans das Blut derer vergossen wird, die es wagten, gegen die ökonomische Strangulation ihres Lebens zu protestieren, vollzieht sich in den Studios von Berlin und Washington eine andere, subtilere Form der Gewalt: die totale sprachliche Entfremdung.

Es ist ein besonderes Talent der herrschenden Klasse, das Unaussprechliche in die Sprache des Dienstleistungsgewerbes zu übersetzen. Als der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz am Rande des G7-Gipfels die israelischen Luftschläge gegen den Iran mit dem Begriff »Drecksarbeit« adelte , offenbarte er mehr über den Zustand unserer »Wertegemeinschaft«, als ihm vermutlich lieb war. In einer Welt, in der alles zur Ware geronnen ist, wird auch die kriegerische Vernichtung zur bloßen »Task«, die man bequem an Subunternehmer auslagert, um sich selbst nicht die Hände schmutzig machen zu müssen.

Die Dialektik dieses Begriffs ist so entlarvend wie grausam. Wenn Mord als »Arbeit« – und militärische Eskalation als »notwendiger Dienst für uns alle« – gerahmt wird , verschwindet das menschliche Subjekt hinter der Logik der industriellen Abwicklung. Es ist eine sprachliche Dehumanisierung, die, wie die iranische Diaspora in einem offenen Brief völlig zu Recht mahnte, fatale historische Echos weckt. Schon die SS-Führung sprach bei der systematischen Vernichtung von Menschenleben von einer »Aufgabe« oder einer zu leistenden »Arbeit«. Merz transformiert das Leid von Tausenden Zivilisten, die unter den Trümmern iranischer Städte oder den Repressionen eines in die Enge getriebenen Regimes leiden, in eine bloße Kosten-Nutzen-Rechnung des Westens.

Für den marxistischen Humanisten ist dies der Gipfel der Entfremdung: Das menschliche Leben wird zum bloßen Störfaktor in einem geopolitischen Reinigungsprozess degradiert. Während der Rial ins Bodenlose stürzt – auf einen historischen Tiefpunkt von 1,4 Millionen pro Dollar – und die materielle Basis der iranischen Arbeiterklasse zerfällt, blickt der Kanzler mit der Distanz des Aufsichtsratsvorsitzenden auf das Geschehen. Er sieht keine hungernden Familien, er sieht nur ein »Mullah-Regime«, das »weggemacht« werden muss – eine Sichtweise, die den Krieg zur hygienischen Notwendigkeit erklärt.

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Doch die sprachliche Transformation des Krieges in Verwaltung ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite steht die totale Kommerzialisierung der Diplomatie. Donald Trumps »Board of Peace« ist die logische Konsequenz eines Spätkapitalismus, der das Völkerrecht als lästiges Hindernis für effiziente Transaktionen begreift.

In der Charta dieses Gremiums wird Frieden nicht mehr als universelles Recht verhandelt, sondern als Gut, das man erwerben kann. Ein permanenter Sitz für eine Milliarde US-Dollar? Das ist die ultimative »Pay-for-Seat«-Logik einer globalen Plutokratie. Hier zeigt sich die technokratische Verwaltung in ihrer reinsten, ekelhaftesten Form: Ein Gremium aus Milliardären, Immobilienentwicklern und Privatdetektiven – man denke an Jared Kushner, Steve Witkoff oder Marc Rowan – entscheidet über das Schicksal von Krisenregionen wie Gaza oder künftig vielleicht einem post-revolutionären Iran.

Dieses Board operiert völlig losgelöst von den Strukturen der Vereinten Nationen, die zwar oft machtlos, aber zumindest dem Schein nach an universelle Normen gebunden sind. Trumps Board hingegen ist ein »Sole Proprietorship« des globalen Kapitals. Frieden wird hier als »Investition in Stabilität« verkauft , während gleichzeitig die US-Militärmaschine mit zwei Flugzeugträgergruppen im Persischen Golf die Drohkulisse für das nächste »Geschäft« liefert. Die Sprache des Rechts wird durch die Sprache der Akquisition ersetzt.

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Was wir hier erleben, ist der Versuch, die Politik durch das Management zu ersetzen. Wenn Jared Kushner in Davos Hochglanz-Präsentationen über touristische Resorts in Gaza zeigt, ohne auch nur einen einzigen Palästinenser konsultiert zu haben , dann ist das die Arroganz einer Klasse, die glaubt, die Welt ließe sich wie eine marode New Yorker Immobilie sanieren.

Diese technokratische Verwaltung verschleiert die materiellen Klasseninteressen, die hinter der Eskalation stehen. Im Iran versucht ein militärisch-industrieller Komplex der Revolutionsgarden, seinen eigenen Untergang durch die Ausrufung des religiösen Märtyrertums hinauszuzögern. In den USA diszipliniert Trump das Rüstungskapital, um es für die imperiale Produktion gefügig zu machen, während er gleichzeitig den Frieden als Luxusware an regionale Autokraten verscherbelt.

Die Leidtragenden dieser dialektischen Mühle sind die Arbeiter im Iran, die zwischen den »Januar-Massakern« des Regimes – mit bis zu 36.500 Toten – und der imperialen »Kanonenbootpolitik« der USA zerrieben werden. Für sie gibt es keinen Sitz im Board of Peace. Ihre Toten sind für einen Friedrich Merz lediglich das Nebenprodukt einer »Drecksarbeit«, die Israel »für uns alle« erledigt.

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Unsere Aufgabe als Kritiker ist es, diese Nebelkerzen der Macht zu löschen. Wir müssen die Sprache wieder vom Kopf auf die Füße stellen. »Drecksarbeit« ist kein militärischer Fachterminus, sondern ein moralischer Offenbarungseid. Das »Board of Peace« ist kein Friedensstifter, sondern ein Inkassobüro des Imperialismus.

Wenn wir zulassen, dass die Gewalt hinter den Euphemismen der Technokraten verschwindet, verlieren wir die Fähigkeit, das menschliche Leid überhaupt noch zu adressieren. Ein wahrhafter Humanismus muss darauf bestehen, dass Frieden kein Investment und Krieg kein Handwerk ist. Er muss die Stimme derer sein, die in Teheran »Tod dem Diktator« rufen , ohne gleichzeitig die neue Sklaverei des westlichen Finanzkapitals als Rettung zu akzeptieren.

Es ist Zeit, die ästhetisierte Gleichgültigkeit des Feuilletons zu verlassen und die materiellen Widersprüche beim Namen zu nennen. Denn hinter der »Drecksarbeit« und den »technokratischen Komitees« steht am Ende immer dasselbe: das Schweigen der Gräber und der Lärm des Profits.

About the author

Holger Elias

Studien der Journalistik und Kommunikations-Psychologie. War beruflich als Korrespondent und Redakteur bei Nachrichtenagenturen (reuters, cna usw.), für überregionale Tageszeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen tätig. Lebte und arbeitete knapp acht Jahre als EU-Korrespondent in Brüssel. Als Verleger und Publizist gab er knapp 140 Buchtitel heraus.

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