Widerstand bleibt einzige Dividende

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Während der morgendliche Nebel über den Metropolen des Westens hängt, strömt kein Duft von Freiheit durch die Straßen, sondern der beißende Geruch militarisierter Machtpolitik. Unser Blick auf die Welt lässt sich nicht mehr durch das liberale, multilaterale Vokabular westlicher Leitmedien beruhigen: Hinter diesem rhetorischen Vorhang offenbart sich ein strategischer Wettlauf um Souveränität, Ressourcen und Macht – eine neue, oder vielmehr erschreckend alte Form imperialer Politik.

Am 3. Januar 2026 begann mit »Operation Absolute Resolve« ein Ereignis, das die geopolitische Ordnung der westlichen Hemisphäre grundlegend erschütterte. In einer militärischen Operation wurden der venezolanische Präsident Nicolás Maduro und seine Ehefrau Cilia Flores festgesetzt und außer Landes gebracht. Die Maßnahme wurde offiziell mit Verweis auf Sicherheitsbedrohungen und organisierte Kriminalität gerechtfertigt. Ihre politische Grundlage findet sich in der National Security Strategy for the Western Hemisphere, in der eine Weiterentwicklung der Monroe-Doktrin – häufig als »Trump-Corollary« bezeichnet – kodifiziert wurde (1).

Diese strategische Neujustierung wird ergänzt durch das National Security Presidential Memorandum NSPM-7, das militärische Maßnahmen in nicht-internationalen Konflikten innerhalb der Hemisphäre ausdrücklich adressiert (2). In ihrer Zusammenschau markieren diese Dokumente eine deutliche Verschiebung: von multilateraler Konfliktregulierung hin zu einer doktrinär abgesicherten Interventionspolitik.

Die völkerrechtliche Problematik der Operation wurde in einer Analyse der International Commission of Jurists ausführlich behandelt. Dort wird argumentiert, dass die Festsetzung eines amtierenden Staatsoberhauptes ohne internationales Mandat eine gravierende Erosion des Prinzips staatlicher Immunität darstellt (3). Damit wird nicht nur ein einzelner Präzedenzfall geschaffen, sondern eine normative Verschiebung eingeleitet, die das Fundament internationaler Rechtsordnung unterminiert.

Parallel dazu dokumentiert ein Bericht von World Watch Human Rights gezielte Tötungen im maritimen Operationsgebiet, darunter sogenannte »Double-Tap«-Angriffe – militärische Schläge, bei denen auf einen ersten Angriff ein zweiter folgt, um Überlebende zu treffen (4). Sollten sich diese Berichte bestätigen, wäre dies nicht nur eine militärische Eskalation, sondern ein kommunikatives Signal: Abschreckung durch demonstrative Härte.

Doch geopolitische Interventionen entfalten ihre Dynamik selten allein aus sicherheitspolitischer Motivation. Eine energieökonomische Analyse von Petro-Analytics Global beschreibt Szenarien einer strategischen Neustrukturierung der Förder- und Eigentumsverhältnisse im Orinoco-Ölgürtel nach der Intervention (5). Venezuela verfügt über einige der größten bekannten Ölreserven weltweit. In diesem Kontext erscheinen sicherheitspolitische Argumente zumindest ergänzungsbedürftig durch eine machtökonomische Perspektive.

Die offizielle Rhetorik spricht von Stabilisierung, Energiesicherheit und Bekämpfung transnationaler Bedrohungen. Kritiker hingegen sehen eine Wiederkehr hegemonialer Einflusspolitik, die nationale Selbstbestimmung relativiert, wenn sie mit strategischen Interessen kollidiert. Der Begriff »Narco-Terrorismus« fungiert dabei als diskursives Instrument: Er verschiebt die Wahrnehmung von staatlicher Souveränität hin zu kriminalpolitischer Intervention.

Wir stehen damit an einer Wegscheide. Entweder gelingt es, internationale Normen gegen machtpolitische Erosion zu verteidigen, oder wir treten in ein Zeitalter selektiver Souveränität ein – eine Ordnung, in der Recht nicht universell gilt, sondern relational zur Machtposition.

In einer Welt, die zunehmend nach strategischem Nutzen sortiert wird, bleibt Widerstand – ob juristisch, politisch oder zivilgesellschaftlich – mehr als ein moralischer Impuls. Er ist ein Versuch, die Idee einer rechtlich gebundenen Weltordnung gegen ihre instrumentelle Umdeutung zu verteidigen. Wenn Staaten zur Verhandlungsmasse geopolitischer Interessen werden, bleibt der Widerstand die letzte Dividende demokratischer Selbstbehauptung.

Literaturverzeichnis (APA 7)

  1. Department of State. (2025). National security strategy for the Western Hemisphere: Implementation of the Trump-Corollary. U.S. Government Publishing Office.
  2. White House. (2025, November 12). National Security Presidential Memorandum (NSPM-7): Addressing non-international armed conflicts in the Americas. Executive Office of the President.
  3. International Commission of Jurists. (2026). Operation Absolute Resolve and the erosion of sovereign immunity: A legal analysis of the detention of Nicolás Maduro. ICJ Reports.
  4. World Watch Human Rights. (2026). Targeted killings and «Double-Tap” strikes in the Caribbean: Field report on Operation Absolute Resolve. WWHR.
  5. Petro-Analytics Global. (2026). Strategic resource reallocation: Post-invasion scenarios for the Orinoco Oil Belt. Energy Press.

About the author

Holger Elias

Studien der Journalistik und Kommunikations-Psychologie. War beruflich als Korrespondent und Redakteur bei Nachrichtenagenturen (reuters, cna usw.), für überregionale Tageszeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen tätig. Lebte und arbeitete knapp acht Jahre als EU-Korrespondent in Brüssel. Als Verleger und Publizist gab er knapp 140 Buchtitel heraus.

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