Kapitalströme, Leichenberge

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Während die Finanzmärkte die Annäherung des DAX an die Marke von 25.000 Punkten feiern und Zukunftsstrategen eine »Hyper-Automatisierung« beschwören, die Produktivität und Wohlstand exponentiell steigern soll, lohnt ein nüchterner Blick auf jene Regionen, in denen ökonomische Logik nicht Wachstum, sondern Vernachlässigung produziert. Der 17. Februar 2026 zeigt kein zufälliges Nebeneinander globaler Krisen, sondern eine Struktur: Humanitäre Katastrophen konzentrieren sich dort, wo strategische oder ökonomische Renditeerwartungen gering sind.

Gaza: Katastrophe im Verwaltungsmodus

Im Gazastreifen wurden laut der Integrated Food Security Phase Classification (IPC) im Jahr 2025 offiziell Hungersnotbedingungen festgestellt. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung befindet sich in IPC-Stufe 5 – der höchsten Kategorie, die »katastrophale Ernährungsunsicherheit« bezeichnet (IPC, 2025). Diese Einstufung ist keine rhetorische Übertreibung, sondern ein technischer Indikator für akute Lebensgefahr.

Zugleich sind nach Angaben internationaler Hilfsorganisationen weite Teile der Wohninfrastruktur zerstört oder unbewohnbar. Krankenhäuser arbeiten, wenn überhaupt, nur eingeschränkt. Selbst nach temporären Waffenruhen erreichten Hilfslieferungen das Gebiet nur in stark reduziertem Umfang. Humanitäre Versorgung wird damit nicht nur zur logistischen, sondern zur politischen Frage.

Globale Prioritätenverschiebung

Die Emergency Watchlist 2026 des International Rescue Committee (IRC, 2026) benennt eine wachsende Zahl von Staaten, in denen staatliche Ordnung zerfällt, Konflikte eskalieren oder klimatische Extremereignisse die Versorgungslage verschärfen. Der Sudan, Haiti und Teile Äthiopiens gehören zu den Regionen mit besonders hoher Gefährdung.

Parallel dazu dokumentiert das United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs erhebliche Finanzierungslücken im globalen Hilfsappell 2026 (OCHA, 2026). Rückgänge bei Beiträgen einzelner Geber – darunter deutliche Kürzungen im USAID-Budget – verschärfen diese Lücke. Humanitäre Hilfe folgt damit zunehmend fiskalischen und strategischen Prioritäten. Bedürftigkeit allein garantiert keine Unterstützung mehr.

Kuba: Sanktionen und soziale Infrastruktur

In Kuba führten die Reduzierung venezolanischer Öllieferungen sowie bestehende US-Sanktionsregime zu erheblichen Versorgungsengpässen. Eine Studie des Department of Economics der Universität Havanna beschreibt die Folgen der Treibstoffknappheit für urbane Infrastruktur, insbesondere für Transport- und Abfallentsorgungssysteme (University of Havana, 2026). Energiepolitik wird hier zur sozialen Frage: Stromausfälle, eingeschränkte Mobilität und stagnierende Dienstleistungen treffen die Zivilbevölkerung unmittelbar.

Ob diese Entwicklung primär als sicherheitspolitische Maßnahme oder als indirekte Strategie des politischen Drucks zu interpretieren ist, bleibt Gegenstand politischer Kontroversen. Unbestreitbar ist jedoch: Sanktionen wirken nicht abstrakt, sondern materiell.

Gesundheitssysteme unter Druck

Die Weltgesundheitsorganisation weist in einer vergleichenden Studie auf den Zusammenbruch medizinischer Versorgung in mehreren Konfliktzonen hin, darunter Sudan, Haiti und Libanon (WHO, 2026). Die Erosion staatlicher Strukturen, Gewalt gegen medizinisches Personal und unterfinanzierte Systeme verstärken sich gegenseitig. Gesundheitsversorgung wird so zum Seismographen geopolitischer Vernachlässigung.

Struktur statt Zufall

Was diese unterschiedlichen Krisen verbindet, ist weniger ihre kulturelle oder regionale Spezifik als ihre Position im globalen Machtgefüge. Humanitäre Hilfe, Energieversorgung, Infrastruktur – all diese Bereiche hängen zunehmend von strategischer Relevanz ab. Dort, wo sicherheitspolitische oder wirtschaftliche Interessen dominieren, fließen Mittel. Wo diese Interessen fehlen oder kollidieren, entstehen Lücken.

Aus marxistisch-humanistischer Perspektive lässt sich dies als Form struktureller Entfremdung deuten: Leid wird statistisch erfasst, aber politisch selektiv adressiert. Die globale Ökonomie ist hochgradig integriert; Empathie hingegen bleibt fragmentiert. Während Kapital in Echtzeit um den Globus zirkuliert, sind Nahrungsmittel, Medikamente und Treibstoff vielerorts blockiert, rationiert oder unterfinanziert.

Die Diskrepanz zwischen Finanzmarkteuphorie und humanitärer Unterversorgung ist kein bloßer moralischer Kontrast, sondern Ausdruck unterschiedlicher Prioritätensysteme. Rendite ist quantifizierbar, Empathie nicht. Das Ergebnis ist eine Weltordnung, in der ökonomische Dynamik und humanitäre Stagnation parallel existieren.

Wer diese Konstellation verändern will, muss nicht nur auf Katastrophen reagieren, sondern die Verteilung politischer Aufmerksamkeit und finanzieller Ressourcen hinterfragen. Solange Hilfe strategisch gewichtet wird und nicht universell, bleibt die Kluft bestehen – zwischen Kapitalströmen und Leichenbergen.

Literaturverzeichnis:

Integrated Food Security Phase Classification (IPC). (2025). Special brief: Famine proclamation in the Gaza Strip and Northern Governorates. FAO/WFP.

International Rescue Committee (IRC). (2026). Emergency watchlist 2026: The collapse of global humanitarian corridors. IRC Publishing.

United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA). (2026). Funding gaps and strategic neglect: The impact of USAID reductions on the 2026 global appeal. United Nations.

University of Havana – Department of Economics. (2026). The mechanics of strangulation: Social consequences of the 2025 fuel blockade on Cuban urban infrastructure. Editorial de Ciencias Sociales.

World Health Organization (WHO). (2026). Healthcare collapse in conflict zones: Sudan, Haiti, and Lebanon – A comparative study. WHO Press.

About the author

Holger Elias

Studien der Journalistik und Kommunikations-Psychologie. War beruflich als Korrespondent und Redakteur bei Nachrichtenagenturen (reuters, cna usw.), für überregionale Tageszeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen tätig. Lebte und arbeitete knapp acht Jahre als EU-Korrespondent in Brüssel. Als Verleger und Publizist gab er knapp 140 Buchtitel heraus.

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