Anlässlich der Friedensdemonstration des Bündnisses »Macht Frieden!« am 14. Februar 2026 in München hat der Theologe Eugen Drewermann eine Rede gehalten, die in der aktuellen politischen Konjunktur als ein radikales Plädoyer gegen Aufrüstung und Gewalt gilt. Zugleich offenbart sie – über ihre unmittelbare Kritik hinaus – strukturelle Spannungen unserer politischen Friedensdiskurse: die Spannung zwischen moralischem Anspruch und geopolitischer Realpolitik, zwischen individueller Gewissensverpflichtung und staatlicher Gewaltmonopoltheorie. In der gebotenen Tiefe dieser Analyse – mit Blick auf historische, philosophische und ideologische Muster – öffnen sich Perspektiven, die über bloßes Zustimmen oder Ablehnen hinausreichen und die Notwendigkeit einer breiten, jenseits konfessioneller, parteipolitischer und institutioneller Grenzen wirkenden Friedensbewegung vor Augen führen.
Vom Sicherheitspathos zur Krise des Friedensbegriffs
Drewermanns Rede lässt sich als fundamentale Kritik an dem verstehen, was heutige Sicherheitspolitik auszumachen beansprucht: die Idee, durch Aufrüstung und militärische Stärke Frieden zu sichern. Dieses Sicherheitspathos manifestiert sich exemplarisch in der Münchner Sicherheitskonferenz, dem symbolischen Ort, gegen den sich die Demonstration richtete. Auf dieser Bühne werden Aufrüstung, Abschreckung und strategische Machtprojektion als rationaler Grundzustand internationaler Politik behauptet. Drewermann aber setzt dem eine andere Logik entgegen: die Logik der Angstspirale, die schon Immanuel Kant in Zum ewigen Frieden konstatiert hat – wo Staaten, die aufrüsten, automatisch Furcht erzeugen und damit Gegenaufbau provozieren, so dass am Ende mehr Waffen als Sicherheit existieren. Diese Argumentation überführt das aporetische Dilemma einer »Sicherheit durch Stärke«-Rhetorik in einen historischen Argumentationsraum: Was als Schutz gedacht ist, wird zur Quelle systemischer Unsicherheit.
Hier öffnet sich die erste philosophische Schicht: Sicherheitspolitik kann nicht losgelöst von ihrer Wirkung auf Andere gedacht werden. Staaten sind keine isolierten Systeme, sondern Teil eines intersubjektiven Geflechts, in dem jede Aufrüstung stets zugleich Drohung, Provokation und Einladung zur Eskalation darstellt. Drewermann benennt dies weder als naiven Idealismus noch als romantischen Pazifismus – sondern als notwendige Einsicht in die strukturelle Dynamik internationaler Beziehungen.
Drewermann über die Konditionierung des Soldaten
Vielleicht das eindrucksvollste Moment in Drewermanns Argumentation ist seine psychologische Kritik am Soldatentum. Er beschreibt die militärische Ausbildung als Zerstörung des Gewissens, eine »schizophrene« Konditionierung, in der das zivile Moralgebot »Du sollst nicht töten« auf dem Kasernenhof direkt ins Gegenteil verkehrt wird. Der Soldat, so seine These, wird zur Marionette eines Systems, das ihm die Verantwortung entzieht – »Befehl ist Befehl«. Diese Formel ist nicht einfach polemisch: Sie weist auf einen zentralen Widerspruch hin, der nicht nur die militärische, sondern die moderne bürokratische Organisation durchzieht: die De-Personalisierung von Handlungskonsequenzen durch Hierarchie, Arbeitsverteilung und institutionelle Verantwortung.
Was Drewermann hier impliziert, ist radikal: Der Verlust des eigenverantwortlichen Gewissens in der militärischen Institution ist nicht nur individuelles Trauma, sondern systemische Folge eines Gewaltapparats, der moralische Subjekte in technische Ausführungsinstanzen umformt. Diese Diagnose verweist über die klassische empirische Kritik hinaus in eine anthropologische Ebene – und macht deutlich, warum Friedenspolitik nicht allein auf Rüstungsbegrenzung zielen darf, sondern auf die Rekonstitution des Gewissens als zentrales politisches Subjekt.
Vom Kapitalismus als systemische Kriegsspirale
Drewermanns Rede bewegt sich entlang einer kritischen Linie, die den Kapitalismus selbst als inhärent kriegstreibend analysiert. In seiner Argumentation spiegelt sich die marxistische Einsicht, dass das kapitalistische Wirtschaftsmodell – aufgrund einer unaufhörlichen Konkurrenzlogik – nicht nur innerstaatlich soziale Spannungen erzeugt, sondern international als strukturelle Quelle von Konflikten wirkt. Hier erinnert seine Rede an klassische Theoretiker, die Krieg als Ausdruck imperialistischer Expansion begriffen. Die militärische Logik wird nicht als anomale Auswirkung staatlicher Politik, sondern als systemimmanente Notwendigkeit gelesen: Kapitalismus braucht Absatzgebiete, Ressourcen, Märkte – und Krieg ist die gewaltsame Vorrangnahme dieser Interessen. In diesem Sinne benennt Drewermann die Münchner Sicherheitskonferenz nicht nur als moralisch verwerflich, sondern als funktional in ein globales Machtspiel eingebettet, in dem Frieden nur Rhetorik, nicht Realpolitik ist.
Diese Argumentationslinie ist nicht ohne Widerspruch: Sie öffnet die Tür zu einer Kritik westlicher Machtpolitik, die sich historisch selbst als Verteidigung von Freiheit und Demokratie legitimiert. Drewermann jedoch dekonstruiert diese Narrative, indem er betont, dass Sicherheit für den Einen immer Unsicherheit für den Anderen bedeutet. Die Expansion von NATO, die Lieferung von Waffen, das Beharren auf ökonomischer Blocklogik – all das wird als partikulare Interessenpolitik entlarvt, die nicht Frieden, sondern permanente Spannung erzeugt.
Drewermann fordert Einseitige Abrüstung als politische Strategie
Ein Kernpunkt der Rede ist Drewermanns Appell zur einseitigen Abrüstung, theologisch begründet im christlichen Imperativ, Böses nicht mit Bösem zu bekämpfen. Auf der symbolischen Ebene dieser Argumentation steht die Figur Jesu, der nicht auf einem Streitross, sondern auf einem Esel in Jerusalem einzieht – als Zeichen für Demut und Friedfertigkeit. Diese theologische Argumentation ist politisch, sie zielt auf eine Strategie des moralischen Schocks: Wenn ein Staat einseitig abrüstet, löst dies eine Reaktion im Gegenüber aus, die nicht auf Machtprojektion, sondern auf Anerkennung des Gemeinsamen zielen soll.
Hier trifft theologische Ethik auf politische Strategie: Frieden kann nicht durch Gleichgewicht des Schreckens entstehen, sondern nur durch konsequente Deseskalation. Eine solche Position fordert nicht naive Passivität, sondern politische Klarsicht: Die Anerkennung des Anderen als gleichwertiges Subjekt. Deshalb ist einseitige Abrüstung keine Kapitulation, sondern ein politischer Prozess, der Dialog, Verständigung und gegenseitiges Vertrauen eröffnen kann.
Die Rolle der Kirchen und die kollektive Verantwortung
In seiner Rede macht Drewermann seine Kritik auch gegen die institutionellen Kirchen deutlich. Er wirft ihnen vor, theologische Legitimationen für Rüstungspolitik geliefert zu haben oder zumindest zu häufig zu schweigen, wo prophetische Kritik notwendig wäre. Diese Kritik trifft einen wunden Punkt: Denn Kirche, die als moralische Autorität auftreten will, hat eine lange Tradition, zwischen Kompromiss und Prophetenamt zu balancieren. Drewermann aber fordert ein klares »Nein!« zur Gewalt als Prophetenwort – eine Haltung, die institutionelle Sicherheitspolitik in Frage stellt und auf radikale ethische Kohärenz besteht.
Eine Friedensbewegung jenseits politischer Fronten
Die Bedeutung von Drewermanns Rede liegt weniger in ihrer theologischen Strenge als in ihrer politischen Wirkung: Sie ruft dazu auf, Friedenspolitik über konfessionelle, parteipolitische und institutionelle Grenzen hinweg zu denken. Nicht selten werden Friedensbewegungen fragmentiert – zwischen Pazifismus, Realpolitik, humanitärer Intervention und geopolitischer Machtprojektion. Drewermann entwirft dagegen einen integrativen Anspruch: Frieden ist weder exklusiv moralisch noch ausschließlich strategisch, sondern eine soziale Praxis, die intersubjektive Anerkennung, strukturelle Gerechtigkeit und die Rekonstruktion des Gewissens voraussetzt. In diesem Sinne ist seine Rede nicht nur Kritik, sondern Einladung.
Die Rede von Drewermann auf der »Macht Frieden!«-Demo ist mehr als ein politisches Statement gegen Aufrüstung. Sie ist ein Angebot zur kritischen Selbstvergewisserung unserer politischen Kultur. Frieden versteht sie als soziale Praxis – nicht als Zustand, den Staaten sich durch Rüstung erkaufen könnten, sondern als Prozess, der Empathie, gemeinsames Menschsein und politische Solidarität voraussetzt.
Frieden beginnt also nicht mit der Abwesenheit von Waffen, sondern mit der Anerkennung der Andersheit des Anderen, mit der Pflege des Gewissens und mit der Bereitschaft, über politische, konfessionelle oder ideologische Grenzen hinaus gemeinsam für eine Welt einzutreten, in der Konflikte nicht durch Gewalt, sondern durch Verständigung gelöst werden.
Drewermanns unerschütterlicher Mut, diese Vision öffentlich zu vertreten – trotz des Drucks einer hegemonialisierten Sicherheitspolitik – zeigt, dass Friedenspolitik keine triviale Option, sondern ein aktiver, oft widersprüchlicher, aber notwendiger Weg ist. Frieden ist kein Zustand, sondern ein Projekt – eines, das nicht allein Staatspolitik, sondern die kollektive Selbstverantwortung der Gesellschaft erfordert.
