Man sagt, die Geschichte wiederhole sich nicht, sie reime sich lediglich – doch im Februar des Jahres 2026 klingt dieser Reim eher wie das metallische Echo einer zufallenden Gefängnistür. Während die glitzernden Fassaden der Tech-Metropolen uns mit dem Versprechen einer „Intelligence Revolution“ blenden, offenbart ein Blick in die Maschinenräume der Macht eine weitaus prosaischere und zugleich grausamere Realität. Es ist die Realität einer Welt, in der das Kapital seine physischen Grenzen erreicht hat und nun dazu übergeht, die Infrastruktur des Lebens selbst als Geisel zu nehmen. Wir beobachten eine globale Dialektik, in der technologischer Fortschritt und gesellschaftlicher Rückschritt keine Gegensätze mehr bilden, sondern sich gegenseitig bedingen.
Vom Weißen Haus, das Infrastrukturprojekte wie persönliche Spielzeuge behandelt, bis zu den japanischen Küsten, an denen der Pazifismus unter dem Gewicht von Milliardeninvestitionen in die US-Rüstungsindustrie begraben wird, zieht sich eine Spur der Entfremdung. In Deutschland wiederum wird das industrielle Herz des Landes systematisch hohlgelegt, während der politische Diskurs in völkische Remigrationsphantasien flüchtet, um von der eigenen ökonomischen Impotenz abzulenken. Dies ist kein bloßes Tagebuch der Ereignisse; es ist eine Obduktion des globalen Kapitalismus in seinem spätesten Stadium, geführt mit dem Skalpell der marxistisch-humanistischen Kritik.
Die Infrastruktur des Ressentiments: Washingtons Belagerung der Vernunft
Die politische Ökonomie der Vereinigten Staaten unter der aktuellen Administration hat eine Stufe erreicht, die man als „patrimonialen Staatskapitalismus“ bezeichnen muss. Das Gateway-Projekt, eine lebenswichtige Verkehrsader zwischen New York und New Jersey, ist zum Schauplatz einer Machtdemonstration geworden, die den Rechtsstaat zur Disposition stellt. Die gezielte Zurückhaltung von Bundesmitteln, die bereits gesetzlich verbrieft sind, markiert einen Bruch mit der demokratischen Tradition der Budgethoheit des Kongresses.
Rhetorische Dekonstruktion: Der „Boondoggle“-Frame
In der Kommunikation der Trump-Administration wird das Gateway-Projekt konsequent als „Boondoggle“ – als sinnlose Verschwendung – geframed. Diese Rhetorik dient dazu, die materielle Realität einer zerfallenden Infrastruktur durch eine moralisierte Erzählung von Korruption und Ineffizienz zu ersetzen. Wenn der Präsident auf Truth Social behauptet, das Projekt werde Milliarden teurer als geplant, ohne dafür einen einzigen Beleg zu liefern, handelt es sich um eine strategische Lüge. Das Ziel ist die Delegitimierung öffentlicher Investitionen in demokratisch geführten Bundesstaaten.
Interessant ist hierbei die psychologische Komponente: Die Administration fordert von den Gouverneuren, sie mögen „nett fragen“ (ask nicely), um Mittel für Katastrophenschutz oder Bildung zu erhalten. Dies transformiert staatsbürgerliche Ansprüche in persönliche Gnadenerweise eines Souveräns. Die Paradoxie erreicht ihren Höhepunkt in der Debatte um die Umbenennung der Penn Station. Berichte, wonach die Mittel freigegeben würden, falls die Station in „Trump Station“ umbenannt wird, illustrieren den totalen Sieg der Symbolpolitik über die materielle Daseinsvorsorge. Während der Präsident dies als „Fake News“ abtut, ist die zeitgleiche Anmeldung von Markenzeichen für Flughäfen durch die Trump Organization ein deutliches Indiz für die Verschmelzung von Staatsamt und Familienbesitz.
Materielle Realitäten und der Bruch des Impoundment Control Act
Hinter der rhetorischen Camouflage stehen harte Fakten. Das Government Accountability Office (GAO) hat bereits fünf Verstöße gegen den Impoundment Control Act von 1974 festgestellt. Das Gesetz besagt, dass bewilligtes Geld ausgegeben werden muss. Doch die Administration nutzt das Office of Management and Budget (OMB), um Gelder für Bildung, Gesundheit und Infrastruktur aus „politischen Gründen“ zurückzuhalten – eine Praxis, die das Gesetz ausdrücklich untersagt.
| Ökonomische Auswirkungen der Gateway-Blockade (Februar 2026) | Kennzahl |
| Eingefrorene Bundesmittel für Gateway | 18 Milliarden USD |
| Unmittelbare Jobverluste durch Baustopp | ca. 1.000 Arbeiter |
| Tägliche Pendler, die von der Infrastruktur abhängen | 200.000 Personen |
| Festgestellte Gesetzesverstöße (Impoundment) | 5 Fälle |
Diese Blockadepolitik ist ein Akt der Klassenjustiz von oben. Indem man die Mobilität von Hunderttausenden Arbeitnehmern gefährdet, diszipliniert man nicht nur politische Gegner, sondern schwächt die ökonomische Basis einer ganzen Region zugunsten einer willkürlichen Machtzentralisierung.
Der Sonnenaufgang des neuen Militarismus: Japans Abkehr vom Pazifismus
In Japan vollzieht Premierministerin Sanae Takaichi eine Wende, die das Erbe der Nachkriegsordnung endgültig liquidiert. Die Wiederwahl ihrer LDP mit einer Zweidrittelmehrheit im Februar 2026 wird als Mandat für eine „Hard-Right“-Politik interpretiert. Doch hinter dem Schleier des Nationalismus verbirgt sich eine tiefe ökonomische Abhängigkeit von den USA.
Das 550-Milliarden-Dollar-Tribut
Takaichis Regierung hat ein Investitionspaket in Höhe von 550 Milliarden USD für Projekte in den USA zugesagt. Es ist eine Form des modernen Tributs, um den protektionistischen Zöllen der USA zu entgehen. Dass Takaichi bei ihrem Treffen mit dem US-Präsidenten einen Ford F-150 Truck vor dem Akasaka-Palast postierte, ist eine fast schon karikaturhafte Geste der Unterwerfung. Japan kauft sich die Gunst Washingtons, indem es Kapital für US-amerikanische Atomkraftwerke (Westinghouse, GE Vernova) und fossile Infrastruktur in Ohio und an der Golfküste bereitstellt.
Diese Investitionen stehen in krassem Gegensatz zur sozialen Realität in Japan, das mit einer schrumpfenden Bevölkerung und stagnierenden Löhnen kämpft. Während das japanische Kapital in US-Fabriken fließt, plant Takaichi im Inland eine Steuerkürzung auf Lebensmittel nur für zwei Jahre, was Experten als fiskalisch riskant und unzureichend kritisieren.
Die Remilitarisierung als Entfremdungsprozess
Die militärische Aufrüstung Japans – das Ziel ist eine Verdoppelung der Verteidigungsausgaben auf 2 % des BIP bis März 2026 – markiert den Abschied vom Artikel 9 der Verfassung. Takaichi fordert offensive Kapazitäten, nuklearbetriebene U-Boot-Optionen und die Aufhebung des Exportverbots für tödliche Waffen.
| Militärische Expansionspläne Japans (Budget 2026) | Betrag / Projekt | Strategisches Ziel |
| Gesamtverteidigungsbudget | > 9 Billionen Yen (58 Mrd. USD) | Abschreckung Chinas |
| Entwicklung von Langstreckenraketen (Type-12) | 177 Milliarden Yen | „Standoff“ Fähigkeit |
| Unbemannte Systeme (SHIELD) | 100 Milliarden Yen | Kompensation des Personalmangels |
| Investitionen in US-Projekte | 550 Milliarden USD | Sicherung der Allianz |
Die Dialektik dieses Prozesses ist perfide: Da Japan aufgrund seiner alternden Gesellschaft nicht genügend Soldaten findet, investiert man massiv in unbemannte Drohnensysteme (SHIELD). Die menschliche Komponente des Krieges wird durch Technologie ersetzt, was die Hemmschwelle für militärische Abenteuer im Konflikt um Taiwan senkt. China reagiert mit einer massiven militärischen Präsenz, was wiederum Takaichis Hawk-Rhetorik befeuert – ein klassischer Teufelskreis der Eskalation.
Das deutsche Elend: Zwischen Fabrikschließung und völkischem Wahn
In Deutschland zeigt sich die Krise des Kapitalismus in einer besonders deprimierenden Form. Das Land, das sich jahrzehntelang als „Exportweltmeister“ und „Industrienation“ definierte, steht vor den Trümmern seines eigenen Modells. Der Verlust von 124.000 Industriearbeitsplätzen im Jahr 2025 ist nur die Spitze des Eisbergs.
Die De-Industrialisierung als strukturelle Gewalt
Die bürgerliche Presse klagt über „geopolitische Unsicherheiten“ und „hohe Standortkosten“, doch die eigentliche Ursache ist die Weigerung des Kapitals, in die Zukunft zu investieren. Während Unternehmen Rekorddividenden ausschütten, wird die Forschung und Entwicklung vernachlässigt. Die Reaktion auf die Krise ist ein massiver „Job-Massaker“ in den Kernbereichen Automobilbau, Maschinenbau und Chemie.
Jedes dritte Unternehmen plant für 2026 weitere Entlassungen. Dies ist kein zyklisches Tief, sondern eine bewusste Umstrukturierung auf dem Rücken der Arbeitnehmer. In einem Land, in dem die Identität des „Facharbeiters“ zentral für den sozialen Frieden war, erzeugt dieser Prozess eine tiefe Entfremdung. Die Gewerkschaften, gefangen in der Ideologie der „Sozialpartnerschaft“ und „Mitbestimmung“, erweisen sich oft als bloße Co-Manager des Niedergangs.
Die Rhetorik der „Remigration“: Die AfD als falsches Bewusstsein
In dieses Vakuum der sozialen Unsicherheit stößt die AfD mit einer Rhetorik vor, die das völkische Ressentiment zur Staatsräson erheben will. Die Einstufung der AfD Niedersachsen als „Beobachtungsobjekt von erheblicher Bedeutung“ durch den Verfassungsschutz ist die logische Folge einer Partei, die Menschenwürde nach ethnischer Herkunft sortieren will.
Der Begriff der „Remigration“, wie er im Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt und in den Diskursen der Landesverbände genutzt wird, ist ein Euphemismus für die Vertreibung von Millionen von Bürgern. Es ist die klassische Strategie des Rechtspopulismus: Die Wut über den sozialen Abstieg wird nicht gegen die Verursacher – die Kapitalseigner und deren politische Vollstrecker – gerichtet, sondern gegen die Schwächsten der Gesellschaft. Dass die AfD gleichzeitig durch Korruptionsvorwürfe und Vetternwirtschaft (Über-Kreuz-Anstellungen von Familienmitgliedern) erschüttert wird, zeigt, dass sie Teil genau jener Elite ist, die sie zu bekämpfen vorgibt.
Die algorithmische Enteignung: Adanis „Green AI“ als koloniale Strategie
Während der Westen in seinen inneren Widersprüchen erstarrt, baut der indische Adani-Konzern an einer neuen Form der digitalen Hegemonie. Die Investition von 100 Milliarden USD in „KI-Rechenzentren“, die durch „erneuerbare Energien“ betrieben werden, klingt nach einer ökologischen Utopie.
Die Einhegung von Energie und Rechenleistung
Gautam Adani spricht von der „Symmetrie zwischen Energie und Rechenleistung“. Aus humanistischer Sicht ist dies die Ankündigung einer totalen Infrastruktur-Kontrolle. Indem Adani die gesamte Kette vom Windrad bis zum Grafikprozessor kontrolliert, entzieht er die Grundlagen der digitalen Gesellschaft der öffentlichen Kontrolle. Die Kooperationen mit Microsoft und Google zeigen, dass dieses „indische Modell“ fest im globalen Kapitalismus verankert ist.
In einem Land, in dem der Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung für die breite Masse prekär bleibt, wirkt die Fokussierung auf „Sovereign Cloud Platforms“ wie ein Projekt der Eliten für die Eliten. Es ist die Fortsetzung der industriellen Akkumulation mit digitalen Mitteln, wobei die „grüne“ Rhetorik lediglich als moralisches Schmiermittel dient.
Der Preis des Körpers: Die Ökonomie der Vergiftung
Der Vergleich von Bayer/Monsanto über 7,25 Milliarden USD im Rechtsstreit um Glyphosat offenbart die nackte Kalkulation hinter der biopolitischen Verwertung. Es ist der Versuch, menschliches Leid in eine berechenbare Bilanzposition zu transformieren.
Die Hierarchie des Leidens
Die Struktur des Vergleichs ist eine Beleidigung für die Idee der universellen Menschenwürde. Ein Arbeiter, der an einem aggressiven Non-Hodgkin-Lymphom leidet, erhält je nach Alter drastisch unterschiedliche Summen.
| Entschädigungsstruktur Bayer/Monsanto (Vorschlag Feb. 2026) | Empfängergruppe | Summe |
| Aggressive Erkrankung, < 60 Jahre | Industriearbeiter | 165.000 USD |
| Weniger aggressiv, 60-77 Jahre | Privatnutzer | 20.000 USD |
| Erkrankung ab 78 Jahren | Alle Nutzer | 10.000 USD |
| Gesamte Entschädigungssumme | – | 7,25 Milliarden USD |
Hier wird der Wert eines Lebens rein funktional bestimmt. Wer über 78 Jahre alt ist, hat für das System keinen „Produktionswert“ mehr und wird entsprechend gering entschädigt. Dass Bayer gleichzeitig einen Kredit über 8 Milliarden Euro aufnimmt, um diese Zahlungen zu leisten, zeigt, dass die Vernichtung von Leben lediglich ein Finanzierungsproblem darstellt. Die „Uncertainty“, von der CEO Bill Anderson spricht, ist nicht die Sorge um die Krebspatienten, sondern die Sorge um den Aktienkurs.
Die diplomatische Farce: Belgien, die USA und die „Nazi-Parallelen“
Ein fast schon grotesker Nebenschauplatz ist die Krise zwischen Belgien und den USA, ausgelöst durch den Botschafter Bill White. White warf belgischen Behörden Antisemitismus vor, weil sie gegen jüdische Beschneider ermittelten. Als Reaktion auf Kritik drohte er mit Sanktionen gegen den belgischen Politiker Conner Rousseau, weil dieser Parallelen zwischen dem Aufstieg der Nazis und der aktuellen US-Politik gezogen hatte.
Diese Episode zeigt, wie die Diplomatie im Jahr 2026 zur Arena persönlicher Eitelkeiten und ideologischer Erpressung verkommen ist. Ein Botschafter, der sich massiv in innerbelgische Angelegenheiten einmischt, bricht nicht nur das Wiener Übereinkommen, sondern agiert als direkter Statthalter einer Administration, die Kritik mit wirtschaftlicher Vernichtung bestraft. Die Rhetorik des „Antisemitismus“ wird hier instrumentalisiert, um jede Form von säkularer Rechtsstaatlichkeit zu untergraben.
Epilog: Die Dialektik der Hoffnung inmitten der Erstarrung
Wenn wir diese Puzzleteile zusammensetzen, ergibt sich das Bild einer Welt, die ihre eigene Zukunft zugunsten einer immer brutaleren Gegenwart opfert. Die herrschenden Klassen haben keine Antworten mehr auf die Krisen unserer Zeit – sie haben nur noch Drohgebärden, Zäune und Algorithmen.
Doch die Dialektik lehrt uns, dass jeder Zustand seine eigene Negation in sich trägt. In den Protesten der deutschen Arbeiter gegen die Fabrikschließungen, in der Gegenwehr der US-Gouverneure gegen die präsidiale Willkür und in der Ablehnung des Militarismus durch Teile der japanischen Bevölkerung glimmt ein Funke des Widerstands. Unsere Aufgabe als Humanisten ist es, diesen Funken zu nähren, indem wir die Lügen der Macht dekonstruieren und die materiellen Interessen benennen, die uns in dieser Erstarrung halten wollen.
Die Emanzipation beginnt im Kopf – mit der Weigerung, die „Wahrheiten“ der Herrschenden als unsere eigenen zu akzeptieren. Bleiben wir wachsam, bleiben wir streitbar und vor allem: Bleiben wir menschlich in einer Welt, die uns zu bloßen Datenpunkten und Kostenfaktoren degradieren will.
Literaturverzeichnis:
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Al Jazeera Staff. (2026, 18. Februar). ‘Tug of war’: Democrats push Trump to release New York City tunnel funds. Al Jazeera.
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BRF Nachrichten. (2026, 18. Februar). Presseschau: Beispiellose diplomatische Krise zwischen Belgien und den USA. BRF.
Deutschlandfunk. (2026, 18. Februar). Die Presseschau aus deutschen Zeitungen.
Logan, O. (2025, 6. November). One third of companies in Germany to cut jobs in 2026. IamExpat.
Narioka, K. (2026, 17. Februar). India’s Adani Group to Invest $100 Billion on AI Infrastructure — Update. Morningstar / Dow Jones.
Niedersächsisches Ministerium für Inneres, Sport und Digitalisierung. (2026, 17. Februar). Landesverband der Alternative für Deutschland (AfD) in Niedersachsen als Beobachtungsobjekt von erheblicher Bedeutung eingestuft.
Stark-Miller, E. (2026, 16. Februar). Gateway Tunnel: Trump slams rail project as ‘boondoggle,’ claims in social media rant it will cost billions more than expected. amNewYork.
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